Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Nächte unter freiem Himmel
Sobald es dunkel wird in Rom, breiten Flüchtlinge ihre Matratzen aus. Eine andere Unterkunft gibt es nicht. Foto: Foto. dpa
In Italien leben viele Migranten auf der Straße – Grenzen nach Norden dicht

Nächte unter freiem Himmel

Die Flüchtlingskrise macht Italien zu schaffen. Das Mittelmeer bleibt als Weg nach Europa. Die Zahl der Migranten steigt. Es fehlt an Unterkünften.

20.08.2016
  • SABINE DOBEL, DPA

Rom. Zu fünft fegen sie den Gehweg. Kein Fetzchen Papier, keine Kippe bleibt liegen. Die Via Cupa ist vermutlich die sauberste Straße im Müll erstickenden Rom. Die Gasse unweit des Bahnhofs Tiburtina dient schließlich als Schlafzimmer. Wenn es abends dämmert, werden Matratzen ausgerollt und Feldbetten aufgeklappt. Etwa 200 Flüchtlinge aus Eritrea, Nigeria, Sudan, Afghanistan und Libyen sind an diesem Augustabend hier. Seit die Balkanroute geschlossen ist, kämen auch einige Syrer, sagt Erika Santalucia. Die Englischlehrerin ist eine von 50 Freiwilligen, die seit Monaten für die Flüchtlinge sorgen, junge Männer, einige Frauen und Kinder. „Sie sind dankbar, dass sie das Nötigste bekommen.“

Bis zum vergangenen Jahr gab es in der kleinen Straße eine reguläre Bleibe für Flüchtlinge. Sie wurde geräumt. Mafiaverstrickungen. Italien ringt mit der Flüchtlingskrise. Fast 100 000 Menschen sind seit Jahresbeginn angekommen. Im Juli waren es der Grenzschutzagentur Frontex zufolge rund 25 300, zwölf Prozent mehr als im Juli 2015.

Rund 140 000 Menschen sind laut Innenministerium in Einrichtungen untergebracht, die überquellen. Mailand sucht händeringend eine Unterkunft für 3500 Flüchtlinge. Eine Zeltstadt stieß so wenig auf Gegenliebe wie die Nutzung des Expo-Geländes. Die italienische Verteidigungsministerin Roberta Pinotti hat nun eine Kaserne zugesagt. Bis sie bereitsteht, kann es aber noch dauern. Ein Flüchtling kam aus Mailand in die Via Cupa. Er habe Hunger gelitten und von der Hilfe hier gehört.

Wie viele Migranten in Italien auf der Straße leben, ist unklar. An Bahnhöfen und in Parks schlagen Menschen ihr Nachtlager auf – oft kaum zu sagen, ob es einheimische Obdachlose oder Flüchtlinge sind. In Norditalien kampieren Hunderte. Sie wollen nach Frankreich oder in die Schweiz. Dort schicken Grenzer sie zurück – wie es die Dublin-Regeln vorsehen. Täglich bringen die Behörden Flüchtlinge mit Bussen von Ventimigila weg in den Süden des Landes. Aber ständig kommen Menschen nach. Vielerorts reagieren Anwohner zunehmend genervt. In der Via Cupa seien einige schon weggezogen, sagt Alberto Spoleti aus einer nahen Bar.

Misswirtschaft und Korruption tragen zu der Krise bei. Ermittlungen gegen die Hauptstadt-Mafia in Rom, deren Protagonisten gerade hinter Bunkermauern der Prozess gemacht wird, brachten ans Licht: Gelder für die Betreuung von Flüchtlingen in Millionenhöhe flossen in die Taschen krimineller Gruppen und korrupter Politiker. Das Drogengeschäft bringe weniger, soll laut Telefonmitschnitt der mitangeklagte Salvatore Buzzi gesagt haben, dessen Kooperativen im staatlichen Auftrag Flüchtlinge betreuten. Buzzi war auch in dem geräumten Gebäude in der Via Cupa aktiv.

Nun kochen die Helfer allabendlich auf eigene Kosten für 100 bis 400 Menschen und schleppen Töpfe voll Suppe und Pasta heran. Gaskocher auf der Straße verbietet die Polizei wegen Brandgefahr, auch Messer sind unerwünscht. Mit Spendengeldern wurden Dixie-Klos angemietet.

„Die Freiwilligen sind extrem wichtig, sie machen eine großartige Arbeit“, sagt Massimiliano Signifredi, Sprecher der Gemeinschaft Sant‘Egidio. In einem Pilotprojekt seien seit Februar in Italien 270 Menschen in Familien und Kirchengemeinden untergekommen, 1000 sollen es werden. „Es ist ein Tropfen im Meer, aber dieser Tropfen verändert das Meer“, zitiert Signifredi den Papst, der von Lesbos Flüchtlinge mit nach Rom genommen hatte.

„Wir wollen nicht sagen, dass ehrenamtliche Hilfe die Lösung ist – aber sie ist eine Möglichkeit“, sagt Signifredi. „Die große Frage ist die Integration.“ Es gehe um „Menschen, die gerne Zeit mit dir verbringen, die dir die Sprache beibringen“. Dann, darauf setzt Signifredi, „erlischt der Wunsch, weiterzureisen“. Etwa nach Deutschland, wo die Menschen auch nur bedingt willkommen sind.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular