Corona

Nachwehen einer Krankheit

Wann ist ein an Covid-19 Erkrankter gesund? Auch wer die Akutphase überwunden hat, steht möglicherweise vor einem anderen Leben.

24.10.2020

Von ELISABETH ZOLL

Das Thema Corona kam zu Armin Schreiber eher durch die Hintertür. Der Neuropsychologe arbeitet im Therapiezentrum Burgau, einer Fachklinik für Neurologische Rehabilitation im bayerischen Schwaben. Patienten mit erworbenen Hirnschäden werden dort behandelt; auch Kranke, die längere Zeit im Koma lagen. Und inzwischen auch: Menschen, die eine schwere Covid-19-Erkrankung überwunden haben.

Wie viele dachte auch Armin Schreiber zunächst: „So schlimm wird es nicht werden.“ China und das Virus schienen Anfang des Jahres weit entfernt zu sein. Und dann hieß es ja zunächst: Die neue Krankheit gleiche einer Grippe. Dass auch diese viele Gesichter haben kann, hat Schreiber im Klinikalltag erfahren. Im Frühjahr stand er einer Patientin gegenüber, die in Folge einer schweren Grippe gelähmt war. Da ahnte er, dass Covid-Erkrankungen hart werden können. Die Frau wurde über Wochen im Therapiezentrum behandelt und mobilisiert. Trotzdem blieb sie am Ende auf einen Rollstuhl angewiesen. Und bei Covid-19? Was heißt da „gesund“? Meint das Robert-Koch-Institut, das jeden Tag auch die Zahl der „Genesenen“ berichtet, eine Rückkehr in die frühere Unbeschwertheit? Berichte über langanhaltende Beeinträchtigungen selbst bei milderen Krankheitsverläufen mehren sich, ebenso wie neue Hinweise zu möglichen Langzeitschäden. War man ursprünglich von einer Lungenerkrankung ausgegangen, werden jetzt Folgeschäden für Herzmuskel, Nieren, Darm, Gefäßinnenhäute und das zentrale Nervensystem erforscht.

Totale Erschöpfung als Folge

Gehirnschädigungen gelten als möglich. Auch Nachwirkungen der Infektion halten ungewöhnlich lange an. Nach Studien in London, den USA und Australien leiden viele Erkrankte noch Monate nach der akuten Phase an den Folgen ihrer Erkrankung, besonders häufig an totaler Erschöpfung.

Für Schwerkranke, die in Kliniken tage- oder wochenlang beatmet werden mussten, ist die Rückkehr in den Alltag noch ungewisser. Durch das lange Liegen werden die langen Nervenbahnen geschädigt. Das kann zu starken körperlichen Einschränkungen bis hin zu kompletten Lähmungen der Extremitäten führen. Im Therapiezentrum Burgau werden solche Patienten behandelt. „Manche von ihnen können vielleicht noch die Hand bewegen oder einen Zeh“, erklärt Schreiber. Andere sind durch die Bauch-Lagerung während der Akut-Behandlung gezeichnet. Mit ihr wird versucht, die Sauerstoffversorgung der Lunge zu verbessern. Um die schmerzhafte Prozedur durchführen zu können, werden die Betroffenen auf den Intensivstationen in der Regel stark sediert. Liegeschäden an Haut und Gewebe können eine Begleiterscheinung sein.

In Reha-Einrichtungen gilt es zunächst, Patienten weiter medizinisch zu stabilisieren. Hauptziel einer Frühreha ist die Wiedererlangung von Alltagsfähigkeiten wie das Drehen im Bett, selbstständiges Sitzen, Essen, Trinken und Sprechen. Das früher Selbstverständliche muss trainiert, wieder neu erlernt werden.

Das erfordert nicht nur körperliche Höchstleistung. Die Krankheit ist auch eine Herausforderung für die Psyche. Armin Schreiber: „Manche Patienten realisieren erst im Nachhinein, wie knapp sie dem Tod entronnen sind und dass es für sie keine Rückkehr in das alte Leben mehr gibt.“ Das Wegbrechen bisheriger Sicherheiten mache Angst, die auch von Depressionen begleitet sein könne. „Es dauert lange, bis nach solch einem Einschnitt Gelassenheit zurückkehrt“, sagt Schreiber. Falls das überhaupt gelingt.

Schreibers Blick auf die Krankheit hat sich jedenfalls verändert. „Mein Respekt vor Covid 19 ist gestiegen.“ Verharmlosende Darstellungen nach dem Motto „ist doch alles nicht so schlimm“, kann er kaum mehr ertragen.

Zum Artikel

Erstellt:
24. Oktober 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Oktober 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App