Ein Hauch von Skandinavien

Nach zehn Jahren: Spuren des Orkans Lothar von jungem Wald bedeckt

Längst wächst wieder Wald über den Sturmflächen, die der Orkan Lothar in den Forst schlug. Die Förster haben auf die Naturkatastrophe reagiert.

23.12.2009

Von mario beisswenger

Kreis Tübingen. Alexander Köberle, der Leiter des Kreis-Forstamts, fühlt sich immer ein bisschen wie in Skandinavien, wenn er auf dem Martinsberg bei Rottenburg steht. Tatsächlich wächst dort ein ganzer Wald von fünf, sechs Meter hohen Birken. Ursache für den Anblick wie in Nordeuropa ist der Orkan Lothar: Der Weihnachts-Sturm von 1999 räumte allein auf dem Martinsberg 30 Hektar Wald ab. Neben dem benachbarten Lausbühl und einigen Flächen im Schönbuch gehörte er zu den größten Schadensflächen. Da die Förster nach dem Sturm auf natürliche Wiederbewaldung setzten, ist der Birkenwald eine späte Folge des Orkans.

Köberle zeigt aber auch auf Fichten, Tannen, Kiefern, Lärchen. „Da ist Dynamik drin. In zehn Jahren sind die acht Meter höher.“ Bei dem Forstmann spürt man die Freude an dem nachgewachsenen Wald. „Es bringt ja nichts zu jammern.“ Stattdessen zeigt er den neuen Wald, der nach dem Sturm heranwuchs. Der ist bunter gemischt. Vor dem Orkan hatte die Fichte mit mehr als einem Drittel einen großen Anteil am Wald im Landkreis. Nach Sturm und Dezimierung durch Schädlinge sind es weniger als 20 Prozent. – Doch das Skandinavien-Flair auf dem Martinsberg wird nicht bleiben. Ein Teil der Birken haben Waldarbeiter schon heraus gesägt, damit die wirtschaftlich interessanteren Bäume mehr Platz haben. Die Sturmflächen von Lothar sehen für Waldbesucher wie ganz normaler Wald aus. „Die Leute fragen jetzt schon, wo das Problem ist“, sagt Köberle. Alles sehe doch wieder schön grün aus.

Das stimmt schon. Vieles wirkt sogar naturnäher als die einheitlichen Fichtenforsten. Nach dem Sturm setzten die Förster vor allem auf Naturverjüngung. Sie ließen hochwachsen, was es an jungen Pflanzen unter den umgeworfenen Altbäumen schon gab. Die Waldmanager hatten aus Vivian und Wiebke gelernt: Das waren die beiden Stürme, die zehn Jahre vor Lothar den Wald verwüsteten, wenn auch nicht so stark. Damals mussten die Freiflächen noch zu zwei Dritteln von Hand teuer bepflanzt werden – nach Lothar war das nur auf einem Drittel der Fläche nötig. Den Rest erledigte mit Samenanflug und Jungwuchs die Natur.

Die Schäden sind noch immer zu spüren

Trotz der günstigeren Wiederbewaldung sind die Wirtschafts-Schäden von Lothar immer noch spürbar. Ins Kontor schlug nicht nur der eigentliche Holzverlust. Durch das Überangebot nach dem Sturm fiel der Preis für Fichtenstammholz – die Leitwährung des Forsts – von rund 100 auf 30 bis 40 Euro pro Festmeter.

Viel wertvolles Holz zerknickte der Sturm zu Brennholz. Die Aufarbeitung der Sturmwurfflächen, auf denen sich die Baumstämme vier, fünf Meter hoch türmten, war mühsam und kostspielig. „Wir mussten uns Meter für Meter die Waldwege zurückerobern.“ Waldarbeiter aus Finnland, Tschechien oder Österreich rückten an.

Das Holz, das damals aus dem Wald kam, kann heute nicht mehr verkauft werden. Die Stadt Rottenburg zum Beispiel verkaufte vor Lothar rund 24 000 Festmeter Holz im Jahr. Dieser Wert fiel danach auf 15 000 und ist jetzt erst bei 18 000 angekommen. Bis die ersten Bäume in 30 Jahren ein nennenswertes Plus aufs Konto bringen, müssen Waldbesitzer in die Pflege investieren.

Der neue Wald ist, so gut es geht, auf künftige Stürme vorbereitet. Die Mischung mit mehr Laubholz mache die Wälder stabiler, sagt Köberle. Die Windwurf-gefährdete Fichte soll in größerer Zahl nur noch auf tiefgründigen Böden wurzeln. Doch gegen gewaltige Stürme gibt es keine Versicherung. Lothar hat 40-jährige Baumbestände umgedrückt und selbst 180 Jahre alte Eichen am Stamm abgedreht. Die Bilder von 1999, als unter der Gewalt des Windes aus Bäumen Mikado-Stäbchen wurden, gehen Köberle nicht aus dem Sinn: „Das wirkt nach. Davon bin ich immer noch beeindruckt.“

Info

Die Abteilung Forst des Landratsamts lädt am Montag, 28. Dezember, zur Führung in den von Orkan Lothar vor zehn Jahren großflächig niedergewalzten Wald auf der Lausbühlebene bei Rottenburg. Treffpunkt ist um 11 Uhr die Dünnbachhütte oberhalb der Forsthochschule.

Weihnachts-Orkan Lothar und seine Folgen 1999

Am 26. Dezember 1999 jagte der Orkan Lothar mit mehr als 200 Stundenkilometern übers Land. Der Kreis Tübingen lag mitten in der Schneise. In Baden-Württemberg knickten die Luftmassen etwa 30 Millionen Festmeter, im Landkreis rund eine Million. Mehr als 2000 Hektar Wald wurden hier im Kreis umgeworfen. Lothar fällte in zwei Stunden so viel Holz, wie die Waldarbeiter sonst in fünf bis zehn Jahren. Der Holz-Überschuss lagerte in Beregnungsanlagen: In Börstingen, Kiebingen und auf den Weilheimer Wiesen vor Tübingen stapelten sich bis in den Herbst 2003 rund 200 000 Festmeter Sturmholz.

Im Rammert, im Schönbuch und den anderen Wäldern im Landkreis riss der Weihnachts-Orkan Lothar vor zehn Jahren die Bäume um. Auf einer der größten Schadensfläche, dem Lausbühl im Rammert bei Rottenburg, wachsen inzwischen wieder viele wertvolle Holzarten heran. Alexander Köberle, Leiter des Kreis-Forstamtes, zeigt auf die Fichten, die in 30 Jahren zum ersten Mal wieder Ertrag bringen werden ( siehe auch den Luftbild-Vergleich auf Seite 22 ). Bild: Mozer

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Erstellt:
23. Dezember 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Dezember 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2009, 12:00 Uhr

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