Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Nach der Haftentlassung versucht Ex-Terrorist Fritz G. einen Neuanfang
Fritz G. im Jahr 2009 während des Prozesses vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf. Der Ulmer legte damals ein umfassendes Geständnis ab und sagte sich von seinen früheren Überzeugungen los. Foto: dpa
Rückkehr in die Heimat

Nach der Haftentlassung versucht Ex-Terrorist Fritz G. einen Neuanfang

Er hat zwei Gutachter von seiner Reue überzeugt: Fritz G., einst Rädelsführer der Sauerland-Gruppe, ist frei. In der Region Ulm will er neu anfangen.

18.08.2016
  • HANS-ULI MAYER

Ulm. . Sechs Jahre nach den Terroranschlägen auf New York und Washington im Jahr 2001 war der islamistische Terror 2007 erstmals auch in Deutschland spürbar. Anfang September des Jahres hatten Spezialkräfte der Bundespolizei in dem idyllischen sauerländischen Dörfchen Oberschlehdorn eine Gruppe junger Männer verhaftet, die in einem Wochenendhaus gefährliche Sprengsätze aus 730 Kilogramm Wasserstoffperoxid gebaut hatten und kurz davor standen, ihre Terrorpläne in die Tat umzusetzen.

Als Rädelsführer dieser nach der Region der Verhaftung genannten Sauerland-Gruppe gilt Fritz G. aus Ulm, der jetzt nach Verbüßung von mehr als zwei Dritteln seiner zwölfjährigen Haftstrafe vorzeitig auf Bewährung freigelassen wurde – und zwar unter strengen Auflagen, die eine „sehr engmaschige Bewährungsüberwachung“ möglich machten, wie ein Justizsprecher sagt.

Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE hat sich der 36-Jährige wenige Tage vor seinem Geburtstag wieder in der Region Ulm angesiedelt, wo er sich nach Auskunft seines Karlsruher Anwalts Dirk Uden „zukünftig nur noch um seine Familie kümmern und sein Studium beenden“ will. Fritz G. ist in München geboren und im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern nach Ulm gekommen, wo Teile seiner Familie heute noch leben.

Tatsächlich galt der Ulmer G. von Anfang an als der Kopf der Sauerland-Gruppe. Er stand in Kontakt mit der Führung des Al-Kaida-Ablegers Islamische Jihad Union (IJU) aus Afghanistan und war selbst in Pakistan zur Ausbildung in einem Terrorcamp. Von dort war offenbar auch der Auftrag gekommen, in Deutschland Terroranschläge zu verüben. Der amerikanische Geheimdienst hörte allerdings mit – und leitete die brisanten Informationen an die deutschen Sicherheitsbehörden weiter. Als Ziele hatte sich die Gruppe US-Einrichtungen hauptsächlich im Großraum Frankfurt ausgesucht, wo sie wahllos möglichst viele Amerikaner töten wollten, wie sie vor Gericht aussagten.

In dem Prozess vor dem Staatsschutzsenat in Düsseldorf hatte vor allem G. ein umfassendes Geständnis abgelegt und schon damals allen terroristischen Bestrebungen abgeschworen. Der Ulmer war nach der Trennung der Eltern durch einen türkischen Freund ins Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm gekommen, wo er zu den Schülern von Dr. Yehia Y. zählte. Der charismatische Intellektuelle wurde vom bayerischen Verfassungsschutz als Hassprediger bezeichnet, während er gleichzeitig vom Verfassungsschutz in Baden-Württemberg als Informant geführt wurde.

G. war als 15-Jähriger zum Islam konvertiert. Als letztlich ausschlaggebend für seine Radikalisierung nannte er selbst die Verschleppung von Khaled El Masri durch den amerikanischen Geheimdienst CIA. El Masri hatte in der Moschee in Neu-Ulm nur einige Reihen vor G. gebetet, der als Angeklagter in seinem Prozess davon sprach, dass die Amerikaner den Terror in seine Moschee gebracht hätten.

Neben G. gehörte noch ein weiterer Ulmer zu der Gruppe. Atilla S., der von den türkischen Behörden aufgegriffen und nach Deutschland ausgeliefert wurde, ist als Helfer zu einer kurzzeitigen Haftstrafe verurteilt worden und lebt mittlerweile mit einer so genannten Residenzpflicht in Freiburg. Von den beiden weiteren Mittätern sitzt einer weiterhin in Haft, zu dem es offenbar keine günstige Prognose gibt.

Bei der Überprüfung einer möglichen Bewährung für Fritz G. hat das Gericht zwei voneinander unabhängige Gutachter damit beauftragt, eine Gefährlichkeits-Prognose abzugeben. Wie ein Sprecher des OLG gestern auf Anfrage sagte, seien die Richter davon überzeugt, dass von Fritz G. keine Gefahr mehr ausgehe. Er habe sich von seinen früheren Ideen losgesagt und gelte als geläutert. Auch sein Anwalt teilt mit, dass sein Mandant den beiden Gutachtern umfassend über seinen Sinneswandel berichtet habe. Dennoch wird sein Name auf der Terrorliste der Vereinten Nationen noch weiterhin als Terrorist geführt.

Mit ihm zurück nach Ulm kommt seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn. Auch Filiz G. hat Hafterfahrung. Sie war 2011 wegen Unterstützung des Dschihads zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sie soll im Internet Geld gesammelt haben für die IJU, in deren Auftrag ihr Mann morden sollte. Auch sie hatte vor Gericht allerdings ein umfassendes Geständnis abgelegt und sich von ihrem eigenen Tun distanziert. „Es kommt mir vor, als sei ich eine andere Person gewesen“, hatte sie seinerzeit vor Gericht gesagt.

Bei der Polizei in Ulm ist man informiert. Wie ein Sprecher gestern auf Anfrage mitteilte, habe es bereits ein Gespräch gegeben. Der Behördensprecher sagte aber auch, dass G. seine Strafe verbüßt und alles Recht habe, eine zweite Chance zu bekommen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

18.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular