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Nach der Fahrt war ein neuer Auspuff fällig
Hier wird Geld vergraben: Reparatur eines Schlaglochs in der Malaya Pirogovskaya-Straße in Moskau. Foto: RIA Novosti
Russlands Schlaglöcher nerven Autofahrer – Für Behörden sind sie ein Mittel zur Verkehrsberuhigung

Nach der Fahrt war ein neuer Auspuff fällig

Russlands Schlaglöcher sind unzählig, ob einzeln, ob als kolossale Kraterfelder. Die Behörden aber halten gute Straßen für gefährlicher.

13.08.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. In Russland heißen sie nicht Schlaglöcher, sondern „Jamy“, übersetzt „Gruben“. Jene Hohlräume im Asphalt oder dem Kiesbelag der 1,4 Millionen Kilometer russischer Straßen, deren Zahl niemand kennt, deren Häufigkeit, Ausmaße und Tücke den Russen aber das Autofahren alltäglich verleidet.

Russlands Straßen sind die vielleicht löchrigsten Visitenkarten der Welt. Die Jamy erzählen viel über die Stadt oder Region, durch die man gerade fährt. Ob sie arm oder reich ist, mehr oder weniger korrupt.

In Moskau sind Schlaglöcher selten. Jeden Sommer wird sehr teuer neu asphaltiert, es gilt als offenes Geheimnis, dass dabei sehr viel Geld verschwindet. In Tula oder in Tscheboksary Wolga fließt eindeutig weniger Geld, aber wohl auch weniger Schmiergeld, der Asphalt ist hier grobkörniger, aber auch hier können die Autofahrer mangels Kraterfeldern meist geradeaus steuern.

Dagegen war es ein Fehler, mit meinem Nissan-Kleinwagen nach Jaroslawl zu fahren. Trotz viel Kurverei im Schritttempo schepperte es mehrfach schrill unter mir, hinterher war ein neues Auspuffrohr fällig.

„Vor einiger Zeit ist Wladimir Putin gekommen, zu einer Tagung über den regionalen Straßenbau“, erzählt ein junger Lokalreporter. „Unsere Beamten haben ihm erzählt, wie tadellos unsere Straßen sind. Und Putin war mit dem Hubschrauber unterwegs.“ Immerhin, der Gouverneur wurde kürzlich entlassen.

Manche Trassen sind besser als ihr Ruf. Viele Fernstraßen sind seit Beginn des Rohstoffbooms unter Putin ausgebaut und völlig neu gedeckt worden. Etwa die 230 Kilometer von Wladimir nach Nischny Nowgorod, vierspurig, mit Leitplanken; außerhalb der Dörfer fühlt man sich auf den endlos steigenden und fallenden Geraden fast wie auf der Autobahn.

Aber dann hinter Wjasniki, bei 100 Stundenkilometer auf der Überholspur, rammt ein brutaler Schlag von unten das arglose rechte Vorderrad. Ein einzelnes Schlagloch lauert doch, ich bin ihm mehrfach begegnet, es bezieht mit mythischer Heimtücke immer neue Positionen. Diese Jama hat mir mehrfach vernichtende Blicke meiner Gattin – einer passionierten Beifahrerin – eingebracht, einmal war hinterher auch eine neue Radaufhängung fällig.

Weiter östlich, in Sibirien, sind die Gruben tiefer, aber gutmütiger. Jeder Fahrer nördlich von Omsk kennt die Jama hinter dem Ortsausgang Muromzewo Richtung Sedelnikowo, ein Schlagloch von kolossaler Offenherzigkeit, das man tunlichst im Schritt umfährt. Dann tut es einem nichts.

Im sibirischen wie im europäischen Russland tauchen die Jamy meist in Schwärmen auf, im Frühling, wenn die Temperaturen um bis zu 40 Grad schwanken, das Tauwasser sickert und warme Sonnenstrahlen den müden Teer regelrecht platzen lassen. Oft liegen die Löcher so dicht, dass man sie nicht mehr umkurven kann, man schleicht mit zwei Rädern hindurch und betet, dass der Wagen nicht aufsetzt. Wenn die Geduld reicht.

Einmal bin ich nachts, übermüdet, im Ural zwischen Jekaterinburg und Perm in ein endloses Kraterfeld geraten, nach 3 Minuten habe ich das Manövrieren aufgegeben und mein Fahrzeug, damals einen Lada Niwa, im halsbrecherischen Tempo von 35 km/h durch die Löcher gejagt. Der Lada verzieh es und hielt, meine Ehefrau war zum Glück nicht an Bord.

Es gibt Jamy, schrecklicher als Riesenratten, in Saratow haben sie schon komplette Limousinen, in Nowosibirsk sogar einen Krankenwagen verschluckt. Und Reparieren bedeutet oft Schlampen. In Omsk spülte kürzlich ein Platzregen den Belag des erst eine Woche zuvor asphaltierten Bürgersteigs fort. In Barnaul aber stopften im Frühjahr Zahnärzte aus Spott über die Unfähigkeit des Straßenbauamtes mehrere kapitale Jamy mit den Gipsabdrücken von Gebissen.

Schon lange vor den ersten Automobilen war in Russland ein spitzzüngiges Sprichwort geläufig: „In Russland gibt es zwei Übel: Straßen und Strohköpfe.“ Wo beide zusammen kommen, so scheint es, wuchern die Schlaglöcher.

Es gibt sogar eine staatliche Norm für Jamy: Zulässig sind Gruben mit einer Länge von höchstens 15 Zentimetern, einer Breite von 60 Zentimetern und einer Tiefe von 5 Zentimetern. Schäden, die darüber hinaus gehen, müssen die zuständigen Behörden in 5 bis 10 Tagen beseitigen.

Aber russische Beamte missachten ihre eigenen Normen gern. Und sie halten reparierte Trassen für gefährlich. „Auf guten Straßen verstoßen die Fahrer öfters gegen die Geschwindigkeitsbegrenzungen und geraten dabei auf die Gegenfahrbahn“, lautet es in einer Erklärung der Föderalen Straßenagentur Rosawtodor. „Diese Verstöße gehören zu den häufigsten Unfallgründen.“

In Schweden oder Deutschland, Ländern mit eher wenig Schlaglöchern, kommen jährlich 9 Verkehrstote auf 100 000 zugelassene Fahrzeuge. In Russland aber sind es 86. Trotz aller Jamy. Oder vielleicht gerade wegen ihnen.

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13.08.2016, 06:00 Uhr
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