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Ohne Qualitätskontrolle

Nach TAGBLATT-Recherchen stoppt die Uni-Bibliothek das neurechte Rezensionskarussell

Wer im digitalen Bibliotheks-„Katalog Plus“ der Tübinger Uni nach Büchern sucht, bekommt hin und wieder eine Rezension dazu. Manche sollten jedoch mit Vorsicht genossen werden. Sie kommen aus der neurechten Szene und leiden an einem wichtigen Mangel – der wissenschaftlichen Qualität. Bibliothekschefin Marianne Dörr will die Links nun entfernen lassen.

28.06.2016

Von Manfred Hantke

Tübinger Universitätsbibliothek im Bonatzbau. Archivbild: Metz

Schon die Redakteure der Leipziger Studentenzeitung hatten die dortige Uni-Bibliotheksleitung (UB) im Januar mit dem Vorwurf konfrontiert, dass etliche Rezensionen im digitalen Katalog „Schleichwerbung für das politisch rechte Spektrum“, wissenschaftlich nicht neutral und „sogar irreführend“ seien. Die Bibliotheks-Leitung handelte rasch. Noch bevor ein Artikel in der Hochschulzeitung „student!“ erschien, waren die Rezensionen weg. Die Dresdener Uni-Bibliothek schloss sich den Leipzigern an.

Im Artikel waren die Rezensionen des Historikers und Literaturwissenschaftlers Till Kinzel gemeint, der bis 2013 an der TU Braunschweig lehrte. Sie betrafen auch Bücher des Tübingers Sebastian Maaß. So verweise Kinzel etwa in den Fußnoten auf angeblich hilfreiche Sekundärliteratur. Doch genannt werde ein Handbuch von Armin Mohler und Karlheinz Weißmann, die als Vordenker der „Neuen Rechten“ gelten. Das Handbuch sei im Ares-Verlag veröffentlicht worden, der nahezu ausschließlich rechtsextreme Schriften verlege. Wie im übrigen auch der Regin-Verlag, in dem Maaß die meisten seiner Bücher veröffentlicht hat.

Seit April dieses Jahres ist Sebastian Maaß Schriftführer im Tübinger AfD-Vorstand (siehe auch den Infokasten). Der 35-Jährige hat in den vergangenen Jahren einige Bücher herausgegeben, etwa über Oswald Spengler, Othmar Spann, Edgar Julius Jung und Arthur Moeller van den Bruck. Also über jene in der Weimarer Republik, die in unterschiedlicher Ausprägung an deren Zerstörung beteiligt waren. Sie bezeichnet Maaß als „Konservative Revolutionäre“.

Maaß arbeitet jedoch nicht ihren Anteil an der Zerstörung der ersten deutschen Republik heraus. Deutlich an seinen Büchern wird sein Bemühen, die „Konservativen Revolutionäre“ positiv als Anti-Parlamentarier und Anti-Demokraten, aber als Gegner der Nationalsozialisten zu zeichnen. Wie er gegenüber der NPD-Postille „Deutsche Stimme“ im August 2013 im O-Ton-Interview sagte, sollen diese Bücher der Einführung dienen und seien „insbesondere an Schüler und Studenten“ gerichtet. Insofern habe es sich um eine „pädagogische Zielsetzung“ gehandelt.

Nun sind Bücher mit fragwürdigem Inhalt das eine, die Rezension dazu aber etwas ganz anderes. Wenn Rezensionen im universitären Kontext erscheinen, sollen sie dem potenziellen Leser etwa eine fachwissenschaftliche und ideologische Einordnung über Werk und Autor geben, die These und die mehr oder weniger schlüssige Beantwortung diskutieren.

Im digitalen Tübinger Uni-Katalog finden sich zu drei Büchern von Maaß Kinzel-Rezensionen – die gleichen wie in Freiburg und Heidelberg. Exemplarisch haben sich zwei Tübinger Uni-Dozenten die Kinzel-Kritik zum Spengler-Werk von Maaß angeschaut, sie kommen zu einem eindeutigen Ergebnis. „Es spricht nichts dafür, ausgerechnet diese Rezension zu verlinken“, sagt Dr. Jörg Neuheiser von den Historikern. Es sei „sehr unglücklich“, dass man darauf verwiesen werde. Eine fachhistorische Einordnung gebe Kinzel nicht. Bei den von Kinzel gesetzten Fußnoten wäre er „hellhörig“ geworden, denn da gebe der Rezensent auch rechte Ideologen an. Neuheiser, der auch Redakteur für das angesehene Historiker-Fachforum „H-Soz-Kult“ ist, hätte diese Rezension nicht durchgehen lassen.

Auch für Prof. Johannes Großmann, am Seminar für Zeitgeschichte zuständig für die Geschichte Westeuropas, ist die Rezension „extrem dünn und schwach“, über das Buch werde „nichts Substanzielles“ ausgesagt. Sie lasse zwar an einigen Stellen durchaus kritische Töne anklingen. Sie arbeite aber, so Großmann, mit „typischen neurechten Argumenten“. So attestiere Kinzel dem Werk des bekennenden Anti-Demokraten Spengler eine Relevanz „für eine Zeitdiagnose auch unserer Epoche“ und unterstelle „den Kulturwissenschaften“ pauschal „eine schon merkwürdig zu nennende Amnesie“ in Bezug auf seine Schriften. Worin genau der Wert von Spenglers Werk für die Gegenwartsdiagnose bestehen soll, werde jedoch nicht konkretisiert. Großmanns Fazit: „Diese Argumentation ist äußerst problematisch.“ Er selbst könne die Rezension zwar einordnen, aber die meisten Studierenden wären damit wohl überfordert. Er fragt, ob es da nicht eine Qualitätskontrolle gebe? Wer denn dafür verantwortlich sei?

Die Uni-Bibliothek Tübingen ist es nicht. Sie verlinkt den Datensatz nur, die Web-Adresse verweist auf das Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg in Konstanz. Es stellt Dienstleistungen für Bibliotheken, Archive und Museen bereit, etwa die automatische Verknüpfung von Medien über Datenbanken. Das BSZ sei eher technischer Betreiber, sagt Volker Conradt, Stellvertreter der Direktion, Mitte Juni zum TAGBLATT. Es spiele die Rezensionen ins System und stelle sie den Unis zur Verfügung. Sobald eine Bibliothek ein Buch aufnimmt, werde automatisch der Link zur Rezension gesetzt. Eine inhaltliche Verantwortung habe das BSZ nicht, könne sie aus personellen Gründen auch nicht übernehmen. Verantwortlich seien der Rezensent und der Lieferant. Vom Leipziger Fall habe das BSZ gehört.

Rezensent ist Till Kinzel, Lieferant das IFB (Informationsmittel für Bibliotheken). Es besteht aus einem Mitarbeiter, der seit 1993 Rezensionen herausgibt. Nein, bezahlt wird er nicht dafür, sagt Klaus Schreiber. Er sei Privatmann und keine Firma. Den Rezensenten gebe er auch kein Geld. Wie üblich, bekämen sie nur das Buch. Till Kinzel sei sein „wichtigster Rezensent“, sagt er, „der Mann ist gut, er liefert.“ Sobald er eine Rezension habe, schicke er sie ans BSZ, die Verlinkung ist automatisiert. Über Kinzel weiß er nur, dass er in seiner Jugend eine „sicherlich etwas rechte Vergangenheit“ gehabt habe.

Es ist also ein privater Ein-Mann-Betrieb, der Rezensionen über das BSZ an die Uni-Bibliotheken und schließlich bis zum Leser liefert, die von niemandem mehr auf ihre Qualität kontrolliert werden. Nein, sie unterliegen „keiner wissenschaftlichen Qualitätskontrolle im Sinne eines ‚peer review‘“ (unabhängige Experten aus dem gleichen Fachgebiet), so das Stuttgarter Wissenschaftsministerium auf TAGBLATT-Anfrage.

Der Tübinger Hans Peter Hellermann kennt sich in der neurechten Szene aus. Er bezeichnet den aktuellen Kinzel „als Grenzgänger zwischen ultrakonservativen und neurechten Positionen und Milieus“. Mehrfach habe er bei „Akademien“ des rechtsorientierten „Instituts für Staatspolitik“ (IfS) referiert. Kinzels politische Sympathien lägen bei den Vertretern der „Konservativen Revolution“ in der Weimarer Republik und bei präfaschistischen Antidemokraten, die die völkische und nationalsozialistische Bewegung ideenpolitisch untermauerten, wie Texte von ihm zeigten. Da die „Neue Rechte“ den „Jungkonservativen“ und „Nationalrevolutionären“ der Weimarer Republik gegenwärtig neue Geltung verschaffen will, beteilige sich Kinzel etwa durch entsprechende Hinweise und Thesen in seinen Texten, die außerhalb der neurechten Publizistik erscheinen.

Auch Maaß bewege sich wie Kinzel in den Kreisen des IfS. In seinen Büchern beziehe er sich auch auf Informationen, die er als Teilnehmer der „Staatspolitischen Tagungen“ gewonnen habe. Kinzel und Maaß hätten Beiträge für das vierbändige „Staatspolitische Handbuch“ des IfS geliefert. Und wie Maaß selbst im bereits genannten O-Ton-Interview mit der „Deutschen Stimme“, sagte, sei eine von ihm 2012 eingereichte Dissertation an der Uni Chemnitz zwar von den Gutachtern mit „gut“ bewertet, vom Vorsitzenden des Prüfungsausschusses Eckhard Jesse aber als „partiell rechtsextrem“ eingestuft worden.

Aber nicht nur Till Kinzel, auch Volker Weiß hat das Spengler-Buch von Maaß rezensiert. Die Kritik des Hamburger Historikers und Publizisten, der bis 2014 Lehrbeauftragter in Hamburg und Leipzig war, erschien im November 2013 im kostenfreien Web-Historiker-Fachforum H-Soz.Kult. Dass ausgerechnet der renommierte Berliner Verlag Duncker & Humblot das Spengler-Buch von Maaß veröffentlicht habe, fand Weiß „weder aus wissenschaftlichen noch aus verlegerischen Gründen nachvollziehbar“. So suche man Namen vergebens, die sich mit Spengler seriös auseinandergesetzt hätten. Das Werk sei „unreflektierte Spengler-Apologetik“, ein „Selbstgespräch der äußersten Rechten“. Der Erste Weltkrieg sei als „Verratsgeschichte“ , als „Weltanschauungskrieg“ der Westmächte gegen Deutschland angelegt, auch Spenglers Verhältnis zum Nationalsozialismus sei schon differenzierter dargestellt worden. Mit der Übernahme von Maaß ins Programm untergrabe der Verlag seinen wissenschaftlichen Anspruch und seine Seriosität.

Starker Tobak für Duncker & Humblot. Knapp vier Wochen später nahm der Verlag das Buch aus dem Programm. Obwohl im Buch keine extremistischen Positionen vertreten werden, „verwahre sich der Verlag mit diesem Schritt ausdrücklich gegen eine Vereinnahmung für die politische bzw. ideologische Agenda des Autors“, teilt er auf seiner Webseite mit.

Es macht also Sinn, in der Uni eine wissenschaftliche Rezension zu ausleihbaren Werken vorzufinden. Das sehen auch Bibliotheksleiterin Marianne Dörr und das Wissenschaftsministerium in Stuttgart so. Nachdem sie vom TAGBLATT auf die wenig aussagekräftigen Texte von Kinzel zu den Maaß-Büchern hingewiesen wurden, werden die Links zu den Rezensionen nun gekappt. War bislang das IFB „normalerweise“ eine „seriöse Quelle“, wie Dörr sagt, soll nun „eine automatisierte Übernahme von bekanntermaßen fragwürdigen Quellen“ nicht mehr erfolgen. Die Bibliotheksleiterin habe zudem die Leitungen weiterer Uni-Bibliotheken des Landes entsprechend informiert, so das Wissenschaftsministerium am Freitagnachmittag vergangener Woche. Und Dörr will beim BSZ anfragen, ob Rezensionen der Fachzeitschrift H-Soz-Kult verlinkt werden können.

Wegen der Unmenge an digitalen Informationen seien Qualitätskontrollen vor Veröffentlichung der Rezensionen „nicht leistbar“, sagen unisono das BSZ und das Wissenschaftsministerium. Gleichwohl dürfe es nicht zu Fällen wie den vom TAGBLATT aufgegriffenen kommen. Daher unterstütze das Ministerium das Vorgehen in Tübingen. Im Übrigen wolle das BSZ den technischen Dienst für die gesamten Rezensionen vom IFB einstellen. Das sei bereits vor einem halben Jahr beschlossen worden.

Sebastian Maaß: Der „AfD-Wähler der ersten Stunde“ fühlt sich als eine „Art Chronist“ der „Konservativen Revolutionäre“

Sebastian Maaß, Schriftführer der Tübinger AfD, ist „AfD-Wähler der ersten Stunde“, schreibt er per E-Mail auf die Fragen des TAGBLATTs. Aus mehreren Gründen: So sei die AfD die einzige politische Kraft, die sich mit Nachdruck für die Abschaffung der „GEZ“ ausspricht (die es jedoch seit 2013 nicht mehr gibt, an ihre Stelle ist der „Beitragsservice“ getreten, es wurde von der Geräte- auf die Haushaltsgebühr umgestellt. Anmerkung der Redaktion). Damit könne er sich „vollkommen identifizieren“. Denn es sei nicht nachvollziehbar, warum freie Bürger in einem freien Land für einen Service bezahlen sollen, den sie überhaupt nicht benutzen möchten. Zweitens sei zwar der europäische Binnenmarkt eine der größten Errungenschaften der heutigen Zeit. Mit einer „Transferunion“, wie sie mit der „Griechenlandrettung“ weiter manifestiert werde, könne er sich hingegen nicht anfreunden. Eine zentralistische EU-Bürokratie sei seiner Auffassung – was den Erhalt von sozialen Frieden und Wohlstand angehe – einem „Europa der Vaterländer“ unterlegen. Und drittens setze sich die AfD für eine Stärkung des plebiszitären Elements ein. Das könne der allgemeinen Politikverdrossenheit entgegenwirken. Persönliche Ziele verbinde Maaß nicht mit der AfD. Es sei „einfach sehr angenehm“, im Kreisvorstand mitzuarbeiten und gleichzeitig zu beobachten, wie die AfD sich Tag für Tag zu einer neuen Volkspartei der Mitte entwickele. Sein Wunsch: die AfD möge einen ähnlichen Weg gehen wie die Grünen: dass sie auf Bundes- und Landesebene in den nächsten Jahren Regierungsverantwortung übernimmt, um „einige Fehlentwicklungen“ korrigieren zu können, die auf dem Weg der 68er-Bewegung durch die Institutionen angestoßen worden seien. Maaß fühlt sich keinem der von ihm in seinem Buch über die „Neue Rechte“ genannten Flügel zugehörig, weder dem bürgerlichen noch dem nationalen. Die im deutschnationalen Spektrum angesiedelte Zeitschrift Derfflinger verortet ihn zwar eher im nationalen Flügel, aber Maaß sieht sich als eine „Art Chronist“. Die „Konservative Revolution“ aus der Weimarer Republik sei ein abgeschlossener Prozess, der für die heutige Politik keinerlei Vorbildfunktion mehr haben könne, sagt er. Er habe sie „aus reinem historischen Interesse aufgearbeitet“.

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Erstellt:
28. Juni 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Juni 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2016, 01:00 Uhr

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