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Applaus für den Klimadeal

Nach 23 Jahren Verhandlungen einigen sich 195 Staaten auf ein Abkommen

Der Hammer fällt um 19.26 Uhr - wenige Minuten, nachdem das Schlussplenum der Weltklimakonferenz eröffnet worden ist. Konferenzpräsident Laurent Fabius: "Das Abkommen von Paris ist angenommen."

14.12.2015
  • ANNE-BÉATRICE CLASMANN, DPA

Hunderte Männer und Frauen reißen jubelnd die Arme hoch. Menschen verschiedenster Hautfarben fallen einander in die Arme. Einige von ihnen haben feuchte Augen. Vorne auf dem Podium ruft jemand: "Es lebe der Planet!" Fast könnte man meinen, hier steige ein Eine-Welt-Festival, bei dem schon sehr viel Gras geraucht wurde.

Doch diejenigen, die hier jubeln, sind stocknüchtern. Es sind Minister und Regierungsbeamte aus 195 Nationen. Sie freuen sich, dass es nach 23 Jahren Verhandlungen gelungen ist, einen Weltklimavertrag zu vereinbaren. Der euphorische Mann mit Brille, der "Vive la planète!" ruft, ist Frankreichs ansonsten eher glückloser Präsident François Hollande.

US-Präsident Barack Obama erklärt zwar nach Abschluss der Verhandlungen, es sei vor allem "amerikanischer Führung" zu verdanken, dass der Vertrag zustande gekommen sei, der nahezu alle Staaten der Welt zu Klimaschutz-Maßnahmen verpflichtet. Doch die Kompromissbereitschaft Chinas war genauso wichtig. Was zuletzt den Ausschlag gab, war auch die Bildung einer "Allianz für ein ehrgeiziges Klimaabkommen", der sich Industrienationen und Entwicklungsländer angeschlossen haben. Denn dieses Bündnis hat Schluss gemacht mit der Konfrontation zwischen Arm und Reich, an der schon mehrere frühere Klimakonferenzen gescheitert waren.

Doch auch ohne das geschickte Taktieren von Frankreichs Außenminister Laurent Fabius, der die Verhandlungen leitete, hätte es im letzten Moment noch schiefgehen können. Er ließ zwischen der Eröffnung der letzten Sitzung und dem Hammerschlag, der das Abkommen besiegelt, nur wenige Minuten vergehen. Die Gegner und Zweifler hatten so keine Zeit mehr, sich neue Störmanöver auszudenken.

"Das ist schon hohe diplomatische Schule, was Laurent Fabius uns hier gezeigt hat", kommentiert Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Auch sie ist sichtlich ergriffen. Vor dem Plenarsaal herzt sie ihre Mitarbeiter. Zum wiederholten Male lobt Hendricks das politische Geschick ihres "Freundes Tony de Brum". Der Außenminister der Marshall-Inseln, die bei einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels im Meer versinken würden, hatte am Morgen Anstecker aus getrockneten Halmen verteilt. Sie sollten Glück bringen. Auch Hendricks und EU-Klimakommissar Miguel Arias Ca·ete befestigen ihre Bast-Anstecker am Revers. Dann ziehen die Vertreter der "Koalition der Ehrgeizigen" gemeinsam in den Plenarsaal ein. Auf ihrem Weg dorthin stehen Klimaschützer und Delegierte Spalier. Sie beklatschen die Minister wie eine Fußballmannschaft.

Es ist in Paris keiner der Verhandlungsgruppen gelungen, alle Forderungen im Vertragstext unterzubringen. Einige Beispiele.

USA: Die Vereinigten Staaten haben konkrete Verpflichtungen abgewehrt, für Klimafolgen in fremden Ländern, die sie mitverursacht haben, zahlen zu müssen.

Deutschland: Als reiches Industrieland soll Deutschland laut dem Vertrag beim Klimaschutz vorangehen. Gerade nach dem offensiven Auftreten der Bundesregierung in den Verhandlungen von Paris fordern Opposition und Umweltschützer, dass die Bundesregierung die Energiewende jetzt forciert und schnellstmöglich den Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohle-Stromproduktion einleitet. Um die Klimaziele für 2030 zu erreichen, müsse bis dahin mehr als die Hälfte der Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, so die Denkfabrik Agora Energiewende.

Golfstaaten: Für die Ölproduzenten am Arabischen Golf ist der geplante Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ein tiefer Einschnitt, der ihr gesamtes bisheriges Wirtschaftsmodell infrage stellt. Ihre Vertreter der wollten mit der Botschaft nach Hause fliegen, dass die mit Öl- und Gas-Einnahmen finanzierten staatlichen Wohltaten für die Bürger weiter gesichert sind. Ihnen ist es in Paris gelungen, dafür zu sorgen, dass eine Abgabe auf fossile Energiequellen nicht in den völkerrechtlich bindenden Teil des Vertrags aufgenommen wurde.

Pazifik-Inseln: Für die kleinen Inselstaaten, die durch den steigenden Meeresspiegel gefährdet sind, ist das im Abkommen erwähnte 1,5-Grad-Ziel ein Hoffnungsschimmer. Sie konnten die Konferenz nutzen, um ihre Angst vor dem Untergang deutlich zu machen. Doch die Gefahr ist längst nicht gebannt, die 1,5 Grad sind extrem schwer zu schaffen - die Inseln müssen sich deshalb dennoch auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten.

Indien: Als Entwicklungsland darf sich Indien zwar noch Zeit lassen, bis es seine Emissionen drosseln muss. Dennoch wird Klimaschutz für den Riesenstaat eine gewaltige Aufgabe. Denn gleichzeitig muss Indien die Wirtschaft weiter ausbauen - ein Fünftel der Inder lebt in Armut, noch immer haben 300 Millionen Menschen keinen Strom. Allerdings kann das Land nun auf Unterstützung aus den Industriestaaten setzen, um beispielsweise den Energiehunger aus sauberen Quellen zu stillen.

Investoren: Großanleger wie Pensionsfonds oder Versicherungen denken zunehmend darüber nach, ob sich Investitionen in Öl, Kohle und Gas in Zukunft noch rentieren. Wenn die Staaten Ernst machen mit Klimaschutz, dürfte sich dieser Trend verstärken. Zugleich könnte das Klimaabkommen Investitionen in erneuerbare Energien neuen Schwung geben.

Die französischen Gastgeber bekommen viel Lob für ihre "transparente Verhandlungsführung". Fabius schreitet bei der Abschluss-Sitzung unter donnerndem Applaus zum Podium. Die französische Regierung braucht den Erfolg womöglich dringender als jeder andere Teilnehmer dieser Konferenz. Denn Hollande und die Regierung stehen massiv unter Druck.

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14.12.2015, 08:30 Uhr
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