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Nabelschau mit großen Gesten
Nur einer von Tausenden? Die Figur des Verbrechers Fritz Haarmann. Foto: dpa
Eher Essay als Drama: Das Musical über den Serienmörder Fritz Haarmann in Hannover uraufgeführt

Nabelschau mit großen Gesten

Theaterautor Nis-Momme Stockmann hat ein Stück über den Triebtäter Fritz Haarmann geschrieben. Die Reaktionen in Hannover: gespalten.

19.02.2016
  • CHRISTINA STICHT, DPA

Hannover. Bei Fritz Haarmann verstehen viele Menschen in Hannover keinen Spaß. Sie diskutierten heftig darüber, ob der Serienmörder mit dem Hackebeil auf einem jährlich erscheinenden Adventskalender auftauchen darf. Im Stadion von Hannover 96 verursachte eine Fahne mit Haarmanns Konterfei Aufregung. Als das Schauspiel Hannover dann auch noch ein Haarmann-Musical ankündigte, wurden sofort Befürchtungen laut, dies sei keine geeignete Form für den sensiblen Stoff.

"Bis heute habe ich keine Erklärung dafür gefunden, warum es in Hannover so einen neurotischen Umgang mit diesem Thema gibt", sagt Intendant Lars-Ole Walburg, Regisseur des jetzt uraufgeführten Musicals "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso". Die Inszenierung kommt ohne die Darstellung von Verbrechen aus. Es fließt kein Blut, und es werden keine Körper zerstückelt. Haarmann wurde 1925 für die Morde an 24 Jungen und jungen Männern in Hannover hingerichtet.

Walburg war erleichtert, als sich der Autor Nis-Momme Stockmann von der historischen Figur des Triebtäters und Polizeispitzels wegbewegte. "Nach Filmen wie ,Der Totmacher ist alles gesagt, was die Geschichtsdetails angeht", meint der Regisseur. So erfährt das Publikum zwar im Programmheft viel über Haarmann, auf der Bühne aber wenig. Der 34-jährige Dramatiker beschreibt das Scheitern eines jungen Mannes am Auftrag, ein Musical über Haarmann zu schreiben. Der Serienmörder fungiert als Auslöser von Reflexionen über Aufgabe und Wirkung von Kunst, über die eigene Haltung in der Flüchtlingskrise oder über Pegida. Der Zuschauer fragt sich mitunter, warum Stockmann nicht ein kulturpolitisches Essay statt eines Theaterstückes geschrieben hat. Zwar gibt es Selbstironie und komische Momente. Aber es wird nicht ersichtlich, warum die Akteure Anleihen bei den großen Gesten des Musicals machen.

Den "unsicher wirkenden jungen Mann", die Figur des Autors, verkörpern sieben Schauspielerinnen und Schauspieler, oft ein Chor von Klonen im Karohemd. Nur in einer Szene erscheint Haarmann als Phantom im Anzug mit Hut und weißer Strumpfmaske. In der Hand hält er das Hackebeil. Er ist nicht das Monster, der Unmensch, sondern einer von Tausenden. Stockmann geht es darum zu zeigen, dass wir heute noch das Böse "outsourcen", statt es in uns selber zu suchen.

Anstelle von "Refugees welcome" wäre "Oje, wie kann das klappen?" ehrlicher, meint die Figur des Autors. Sie schwankt zwischen Größenwahn und Selbstzerfleischung und verkündet schließlich das Zulassen des Scheiterns als neues Programm. Daneben gibt es reichlich Kritik an den Mechanismen des Theaterbetriebs. Im zweiten Teil spielt der Intendant eine große Rolle. Er verbietet dem Autor in gewisser Weise das Scheitern am Auftragswerk. Dabei nimmt er die Kritik des Publikums vorweg. Als er den Vorwurf der "selbstreferentiellen Nabelschau" erhebt, gibt es Zwischenapplaus.

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19.02.2016, 08:30 Uhr
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