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Hirnschäden zu groß?

NSU-Untersuchungsausschuss: Grüne äußern Zweifel an Gutachten über den Polizisten Martin A.

Kann sich Martin A. an Täter des Polizistenmords erinnern, oder reimte er sich etwas zusammen? Ein Gutachter bescheinigt ihm letzteres - aus medizinischer Sicht seien keine Erinnerungen möglich.

05.10.2015
  • THUMILAN SELVAKUMARAN

Stuttgart Die Kernfrage des NSU-Untersuchungsausschusses im Stuttgarter Landtag ist die Frage nach den Tätern. Waren Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vom Nationalsozialistischen Untergrund allein für den Polizistenmord in Heilbronn verantwortlich? Oder gab es Helfer, gar andere Täter?

Das Gremium ist zwar erst am Anfang des Komplexes - doch steht für SPD, CDU, und FDP bereits fest: Es gibt keine Zweifel an der Täterschaft der beiden NSU-Männer. Ausschlaggebend ist ein Gutachten, das am Freitag thematisiert wurde. Es geht um das Erinnerungsvermögen des Beamten Martin A., der am 25. April 2007 neben seiner ermordeten Kollegin Michèle Kiesewetter schwer verletzt überlebt hat.

Dieses Gutachten aus der Klink am Weissenhof besagt, dass sich A. an nichts erinnern könne. Der Ersteller Thomas Heinrich erklärte vor dem Ausschuss, dass die schweren Gehirnschäden durch den Kopfschuss verhindert haben müssen, dass A. überhaupt die wahrgenommenen Informationen hätte speichern können. Auch der zweite Gutachter, der als Sachverständiger geladen war, vertritt diese These. Demnach reiche der große Druck im Schädel, damit das "Gehirn ausschaltet", meint Rechtsmediziner Heinz-Dieter Wehner.

Brisant sind die Erinnerungen des Schwerverletzten, da er bei mehreren Vernehmungen zwischen 2007 und 2008 immer detaillierter jenen Mordtag auf der Theresienwiese beschreiben konnte. Er berichtete von den Gesprächen mit seiner Kollegin, vom warmen Frühlingstag und von zwei Männern, die sich von hinten dem Streifenwagen genähert haben, in dem die beiden Polizisten saßen.

Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde A. später unter Hypnose befragt. Weitere Erinnerungsfetzen kamen zurück. Ein Phantombild wurde erstellt. Das Opfer war, wie es mehrfach äußerte, davon überzeugt, dass das Bild den Mann auf seiner Seite zeigt. Auch das LKA sah die Befragung und die Aussagen als Erfolg an, wollte das Phantombild mit weiteren, die mit Hilfe von anderen Zeugen erstellt worden waren, veröffentlichen. Keiner der Hinweise oder keines der Bilder passen allerdings zu Mundlos und Böhnhardt - doch ist die Kernthese des NSU-Prozesses in München, dass die beiden allein alle zehn Morde der Serie begangen haben sollen.

Als A. von den Plänen zur Veröffentlichung der Phantombilder erfuhr, machte er eine Kehrtwende. Er drohte, das Land zu verlassen, da er Racheakte befürchtete. Es kam zu einem geheimen Gespräch mit ihm und dem Staatsanwalt, wo er erneut erklärt hatte, dass das Phantombild zwar den Täter zeige - er eine Veröffentlichung aber strikt ablehne. Der Staatsanwalt beauftragte danach jenes nervenärztliche Gutachten, das nun im Ausschuss thematisiert worden war - mit der Fragestellung, ob sich A. tatsächlich erinnern könne. Bei der zweistündigen Untersuchung 2011, so berichtet Heinrich heute, habe A. klar ausgedrückt, dass er sich etwas zusammengereimt habe, seine bisherigen Aussagen nicht verwertbar seien. Ohnehin, so der Gutachter, seien seiner Meinung nach aus medizinischer Sicht keine Erinnerungen möglich. Jürgen Filius (Grüne) wundert sich: "Ihr Ergebnis stand also schon vor der Untersuchung fest?" Heinrich kontert. "Das Ergebnis steht nie vorher fest." Es sei dennoch absehbar gewesen.

Der Mediziner hat noch mehr Erstaunliches zu berichten: Der Staatsanwalt habe mit der Beauftragung des Gutachtens seine Bewertung gleich mitgeschickt, wieso die Erinnerungen von A. unter Verschluss bleiben sollten. "Ist das üblich?", fragt Alexander Salomon (Grüne). Das sei ungewöhnlich, bestätigt Heinrich - und versichert, er habe sich zu keiner Zeit von der Einschätzung des Heilbronner Staatsanwalts beeinflussen lassen.

Petra Häffner, ebenfalls Grüne, wagt die These, ob A. mit falschen Angaben zu einem Gutachten kam, das ihm die Phantombildveröffentlichung ersparte. Thomas Heinrich antwortet, dass er keine Mittel habe, um den Wahrheitsgehalt der Patientenangaben zu prüfen. Martin A. habe aber einen glaubwürdigen Eindruck hinterlassen.

Das Gutachten war für die Ermittler des LKA bindend, wie Axel M., damaliger Leiter der Soko-Parkplatz, kürzlich erklärte. Fortan durften A.s Angaben nicht verwendet werden, obwohl die Ermittler darauf gedrängt hatten. Denn Rekonstruktionen der Soko hatten ergeben, dass ein Großteil der Erinnerungen von A. tatsächlich so stattgefunden haben. Dennoch: Die Angaben von A. zum Tatgeschehen landeten letztlich als Fabelgeschichte in der Schublade.

Für Matthias Pröfrock (CDU) genügen die Angaben der Gutachter für die Überzeugung, dass sich Martin A. nicht an die Täter erinnern könne. Nikolaos Sakellariou (SPD) ist der Meinung, dass es keine Erinnerungen mehr bei A. geben kann. "Mir scheint so, dass der Gang zur Hypnosebefragung eine Verzweiflungstat war." Für Niko Reith (FDP) hat sich nach dem Freitag die Täterschaft von Mundlos und Böhnhardt "klar herauskristallisiert".

Filius bleibt aber bei seinen Zweifeln. Laut den Medizinern sei es nicht ausgeschlossen, dass doch Erinnerungen hängengeblieben seien. "Da wurde sehr schnell ein Knopf dran gemacht", kritisiert er auch die mit zwei Stunden "relativ kurze Untersuchungszeit" beim Nervengutachten. "Ich hätte mir gewünscht, dass man da sorgfältiger mit umgeht."

NSU-Untersuchungsausschuss: Grüne äußern Zweifel an Gutachten über den Polizisten Martin A.
Ordner des Untersuchungsausschusses "Rechtsterrorismus/NSU BW" in einem Sicherheitsraum im Landtag. Foto: dpa

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05.10.2015, 12:00 Uhr
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