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Kooperation statt Konkurrenz

NS-Lernzentrum soll Schulunterricht ergänzen und neue Themen aufgreifen

Der Verein für ein NS-Lern- und Dokumentationszentrum traf sich am Freitagabend zur Jahreshauptversammlung. Im Salzstadel berieten die Mitglieder nicht zuletzt die Pläne für ein Ausstellungs- und Lernzentrum im ehemaligen Güterbahnhof.

02.03.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen. Der bisherige Vorsitzende Hans-Otto Binder warf einen Blick zurück auf das vergangene Jahr, in dessen Verlauf der Verein deutlich wuchs – er zählt nunmehr knapp 80 Mitglieder. Binder setzte sich mit den Vorwürfen auseinander, die in der öffentlichen Debatte der vergangenen Monate gegen das geplante Zentrum im ehemaligen Güterbahnhof in der Tübinger Südstadt erhoben wurden.

Von Anfang an habe der Verein „insbesondere die Bedürfnisse der Schulen im Auge gehabt“, sagte Binder. Es gehe um die Auseinandersetzung mit dem Thema „Demokratie und Diktatur“. Durch die Vermittlung historischen Wissens solle – gerade bei jungen Menschen – ein Bewusstsein für heutigen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit geschaffen werden. Keineswegs solle das Projekt in Konkurrenz zu anderen Gedenkstätten stehen. Vielmehr solle es sie ergänzen, indem regionale Besonderheiten thematisiert werden. „Wir wollen keine Gedenkstätte einrichten, sondern diesen helfen“, so Binder. Und weiter: „Wir möchten einen Ort zum Lernen bieten.“

Es dürfe solche Dokumentationszentren nicht nur in einigen Großstädten geben, betonte der scheidende Vereinsvorsitzende. Im Gespräch mit Lehrern habe man viel Zuspruch erfahren für ein solches Zentrum in unmittelbarer Nähe zu den Tübinger Schulen. Binder bedankte sich auch für die Unterstützung, die der Verein bislang durch die Universität und ihre Lehrkräfte erfahren hat.

Er zeigte sich außerdem erfreut über die gute Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv. Durch die Kooperation mit dem Archiv – ein Hauptanliegen des Vereins – sollen in dem neuen Zentrum „Synergieeffekte entstehen und Schülern partizipatives Lernen ermöglicht werden“. Der Güterbahnhof eigne sich hierfür ideal, denn es handelt sich um einen historischen Ort: „Der Beobachtungsstand und die Brandmauer sind Ausdruck der damaligen Kriegsvorbereitungen.“

Hunderte Kriegsgefangene haben zudem hier und anderswo in Tübingen Zwangsarbeit geleistet. Das Thema Zwangsarbeit als ein „zentrales Instrument der Naziherrschaft“ sei bislang noch weitgehend unterbelichtet. Immerhin wurden zwischen 1939 und 1945 über zehn Millionen Menschen zum Dienst in der deutschen (Kriegs-)Wirtschaft gezwungen.

Für das Zentrum spreche außerdem, dass immer noch zu wenig über die konkrete Herrschaftspraxis der Nazis auf dem Land sowie über die damals verantwortlichen Personen und ihre Biografien aufgeklärt werde. Letzteres will der Verein mit einem NS-Täterbuch unterstützen, das gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Tübingen erstellt werden soll, wie Martin Ulmer erklärte. So gebe es bisher keine Biografie über Hans Rauschnabel, der seit 1937 NSDAP-Kreisleiter in Tübingen war und der in den 1950er Jahren problemlos wieder eine Anstellung fand – nun als Lehrer in Freudenstadt.

Für den AK Rechtsradikalismus und Zeitgeschichte sprach Hans-Peter Hellermann. Er thematisierte gegenwärtige rechte Tendenzen in der Region und nannte als Beispiel den rechtsextremen Tübinger Hohenrain-Verlag (früher Grabert). Claus Nordbruch, ein Autor des ehemaligen Grabert-Verlags, hatte laut Hellermann enge Kontakte zu den NSU-Terroristen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt. Auch in solche Zusammenhänge soll künftig mehr Licht gebracht werden.

Lothar Letsche ergriff als Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft das Wort und gab bekannt, dass der DGB-Kreisvorstand die Mitgliedschaft im Verein beantragen möchte. Diese Entscheidung muss allerdings noch vom Bundesvorstand des DGB bestätigt werden.

Zum neuen Vorsitzenden wurde Edgar Lersch gewählt, der den Willen des Vereins bekräftigte, „in Kooperation mit kompetenten Institutionen wie dem Stadt- und dem Uni-Museum oder den Archiven“ zu forschen oder etwa Sonderausstellungen zu konzipieren. Man sei stets offen für Rat und Anregungen. Als Schwerpunkte seiner Arbeit nannte er neben der Zwangsarbeit die Erforschung der Universität als „ideologische Vordenkerinstitution im Nationalsozialismus“ sowie die Erforschung von Stadtverwaltung und Stadtgesellschaft während der Naziherrschaft.

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02.03.2015, 12:00 Uhr
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