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Spurensuche in Herrlingen

Mythos Rommel und kein Ende

"Rommel - ein deutscher General" heißt ein Stück, das am Theater Ulm zur Uraufführung kommt. Das Wehrmachts-Idol wohnte in Herrlingen in einem Haus, das zuvor zu einem jüdischen Landschulheim gehörte.

19.01.2012
  • JÜRGEN KANOLD

Herrlingen Im Büro der Ortsvorsteherin hängt ein Porzellan-Teller des Deutschen Afrika-Korps: "Ritterlich im Krieg, wachsam im Frieden". Ein Mitbringsel offenbar der alten Kameraden, die das kleine Erwin-Rommel-Museum in Herrlingen bei Ulm besuchten. Aber auch viele Engländer, Amerikaner und Franzosen, die ehemaligen Feinde des "Wüstenfuchses", holen oft den Schlüssel ab für die beiden Gedenkräume in der Villa Lindenhof, wo der Generalfeldmarschall frontübergreifend geehrt wird. Sandproben aus Tobruk oder El Alamein erinnern in einer Glasvitrine an Kriegsschauplätze. "Das war ein Held!", steht im Gästebuch - aber auch: "He is a really great soldier". Eine alliierte Verklärung.

"Es gibt keinen zweiten Soldatennamen in diesem gewaltigen Krieg, der bei Freund und Feind gleichen Klang hat wie der Name Rommel" - der Satz klingt plausibel, aber so beginnt schon der Nachruf des "Völkischen Beobachters". Rommel war der populärste deutsche General des Zweiten Weltkriegs, eine Zentralgestalt der NS-Propaganda. Aber auch die Kriegsgegner achteten den Strategen - und Hollywood verfilmte das Leben des "Desert Fox".

Der 1891 in Heidenheim geborene Rommel war eine äußerst widersprüchliche Figur, "zerrissen zwischen der Loyalität gegenüber dem Diktator und der Einsicht in die Unmenschlichkeit des Systems". Das sagen Stephan Suschke und Michael Sommer, die das Stück "Rommel - ein deutscher General" geschrieben haben und es am 26. Januar als Uraufführung auf die Bühne des Theaters Ulm bringen.

Mythos und Mensch Rommel: Dieser Stoff lässt nicht los, vor drei Jahren erst beschäftigte sich das Stuttgarter Haus der Geschichte damit in einer großen Ausstellung, derzeit entsteht eine fünf Millionen Euro teure ARD-Produktion von Niki Stein, dessen Drehbuch Schlagzeilen machte, weil die Familie Rommel protestierte, der Film denunziere ihren Vorfahren als Nazi-Verbrecher. Und jetzt ein Theaterstück in Ulm über Rommels letzte 24 Stunden - mit lokalem Bezug.

Ein schwarzer Mercedes bog am 14. Oktober 1944 am Ortsrand von Herrlingen ins freie Feld ab und hielt in der Nähe eines Steinbruchs. Es stiegen aus: die Wehrmachtsgeneräle Wilhelm Burgdorf und Ernst Maisel sowie der Fahrer, ein SS-Mann. Im Wagen saß Erwin Rommel, sterbend. Ein Gedenkstein erinnert noch mehr als 67 Jahre danach an den Ort, an dem der Generalfeldmarschall zum Selbstmord gezwungen wurde. Auf einer Tafel steht, mit militärischem Pathos: "Er nahm den Giftbecher und opferte sich, um das Leben seiner Familie vor den Schergen Hitlers zu retten."

Rund eineinhalb Kilometer sind es zu Rommels Wohnhaus an der Wippinger Steige Nr. 13 - heute Erwin-Rommel-Steige. An jenem Oktobertag 1944 begann dort mittags die zynische Inszenierung einer Tragödie: Die aus Berlin angereisten Generäle warfen Rommel vor, an der Verschwörung gegen Hitler beteiligt gewesen zu sein und vom Attentat am 20. Juli 1944 gewusst zu haben. Das Urteil war längst gesprochen, Rommel werde von Hitler vor die Wahl gestellt, so die Generäle, sich entweder zu vergiften oder vor dem Volksgerichtshof angeklagt zu werden. Rommel fügte sich - und diente noch im Tod der Propaganda: Mit einem Staatsbegräbnis entsorgte der Führer seinen Lieblingsgeneral.

Tatsächlich lautet die Frage: Was wusste Rommel, der weder Nazi noch Widerstandskämpfer war, von den Putschplänen? Wie er am 20. Juli 1944 gehandelte hätte, ist offen, denn Rommel lag an jenem Tag nach einem Tieffliegerangriff schwer verwundet im Koma. Als die Nazi-Generäle am 14. Oktober nach Herrlingen kamen, befand sich Rommel dort bei seiner Familie auf Genesungsurlaub. "Ich habe den Führer geliebt und liebe ihn noch", soll Rommel laut Maisel dem Todesboten Burgdorf geantwortet haben. Ehre, Treue, Loyalität - das sind Themen in dem Ulmer Theaterstück über den Generalfeldmarschall. Aber dann taucht in dem Schauspiel von Suschke und Sommer auch der "Geist einer jüdischen Greisin" auf, der diese Geschichte im Holocaust verortet. Damit verneinen die Autoren auch die Frage, ob es ein "sauberes Soldatentum" in Hitler-Deutschland hatte geben können, während gleichzeitig Millionen Juden ermordet wurden.

Wer Rommels Spuren in Herrlingen sucht, der findet am ummauerten Grundstück des Hauses Friedenthal, wo die Familie Rommel 1943 bis 1945 wohnte und das heute unzugänglicher Privatbesitz ist, eine Bronzetafel. Sie erinnert daran, dass in jener Villa einmal die im KZ Theresienstadt zu Tode gekommene jüdische Schriftstellerin Gertrud Kantorowicz lebte. Und dass dieses Haus bis 1939 zu einem jüdischen Landschulheim gehörte, dessen Kinder später Opfer der Nazis wurden. Danach befand sich in den Landschulheim-Gebäuden in Herrlingen ein jüdisches Altersheim, dessen Insassen 1942 in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Damit war die Villa frei für eine Lichtgestalt des Dritten Reiches. Und deshalb spukt der "Geist einer jüdischen Greisin" in dem aktuellen Ulmer Rommel-Stück - da verblasst jede Landser-Romantik.

Mythos Rommel und kein Ende

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19.01.2012, 12:00 Uhr
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