Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Mutiger, einsamer Freigeist
Der saudische Künstler Ahmed Mater in seinem Atelier vor einem Bilderzyklus seines Freundes Ashraf Fayadh, der als Lyriker wegen Gotteslästerung zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Foto: Katharina Eglau
Saudi-Arabiens bekanntester Künstler Ahmed Mater kritisiert Machthaber

Mutiger, einsamer Freigeist

Kunst muss politisch sein, sagt der saudi-arabische Künstler Ahmed Mater. Der Freund des inhaftierten Lyrikers Ashraf Fayadh weiß, dass die Spielräume klein sind. Doch er ist nicht der Einzige, der Bewegung fordert.

23.03.2016
  • MARTIN GEHLEN

Dschidda. Der Bilderzyklus an der Wand ist ein stummer Protest. "Das bin ich ihm schuldig", sagt Ahmed Mater. "Er ist mein Freund - und das schon seit langer Zeit." Demonstrativ hat er in seinem Studio in der saudischen Hafenstadt Dschidda zehn Werke von Ashraf Fayadh aufgehängt, dessen Schicksal im vergangenen November rund um den Globus Schlagzeilen machte. Damals wurde der Lyriker von einem Scharia-Gericht wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt, eine Strafe, die drei Monate später in acht Jahre Gefängnis und 800 Rutenhiebe umgewandelt wurde.

Vor seiner Haft war der staatenlose Palästinenser Mitglied der Initiative "Edge of Arabia" und Kurator des saudischen Pavillons 2013 auf der Biennale in Venedig, die die saudische Gegenwartskunst international bekannt gemacht hat. An diesem Erfolg beteiligt ist der 36-jährige Ahmed Mater, der inzwischen als einer der wichtigsten Künstler der arabischen Halbinsel gilt.

Doch die Mächtigen im Königreich dulden keinen Widerspruch. Sie sind nervös und unsicher. Die meisten Kritiker sitzen zu langen Strafen verurteilt hinter Gittern. Das Land führt einen katastrophalen, teuren Krieg im Jemen. Im Haushalt klaffen seit dem Ölpreisverfall Riesenlöcher. An den Grenzen stehen die Dschihadisten des "IS". Im Inneren rumort es bei der schiitischen Minderheit, und international bläst dem erzkonservativen Königreich wegen seiner Frauen- und Menschenrechtspolitik der Wind ins Gesicht.

Ahmed Maters Studio im Stadtteil Al-Rawdah ist ein offenes Haus. Den ganzen Tag herrscht ein Kommen und Gehen. In der Bibliothek dürfen sich Besucher bedienen, wenn sie im Austausch ein anderes Buch dalassen. In einem der hohen Regale liegt noch seine alte Gasmaske. Im letzten Jemenkrieg 2010 war der Künstler als Feldarzt an der Front. Den verrosteten Helm daneben hat er auf dem Schlachtfeld nahe der Grenze gefunden, auf dem schon damals hunderte saudische Soldaten im Kampf gegen die Huthi-Rebellen ihr Leben verloren. Seit einem Jahr führt Saudi-Arabien wieder Krieg, diesmal ist Mater nicht dabei. Den weißen Kittel hat er an den Nagel gehängt, um sich der Kunst zu widmen. Von dem früheren Teil seines Lebens zeugen nur die Biologie- und Medizinbücher, inmitten der Bildbände über Kalligrafie und Mekka, Kunst und Architektur, Fotografie und Film.

Aufgewachsen in dem kleinen Dorf Rijal Alma nahe der Grenze zum Jemen, wo die Landschaften bergig und saftig grün sind, treibt ihn vor allem die fragwürdige, rasante Modernisierung seiner Heimat durch den Ölboom um. "Die Vergangenheit wird ausradiert, die Tradition zu Schutt gemacht, die Grundstücke werden verspekuliert", sagt er. Bekannt wurde er mit der Serie "Evolution des Menschen", bei der sich auf Röntgenbildern eine Tanksäule mit Zapfpistole schrittweise in einen menschlichen Torso mit Pistole am Kopf verwandelt. Heute sammelt er in seinem Atelier alte Türen mit farbigen Gläsern, die aus Abrisshäusern stammen. Eine Collage aus diesen Fundstücken ist momentan auf der Biennale in Marrakesch zu sehen. Im Mai erscheint in der Schweiz Maters Herzensprojekt, seine Fotodokumentation "Desert of Pharan" über die Kommerzialisierung von Mekka zu einem Giga-Zentrum des frommen Massentourismus.

Auf den Fotos zu sehen sind Zapfsäulen mit eingelassenen Videoscreens, auf denen bärtige Salafisten zu den Spritkunden predigen. Oder sie zeigen die neuen Superluxus-Suiten mit Blick auf die Kabaa, von denen aus Betuchte den Hadsch für 3000 Dollar die Nacht verfolgen können. Das religiöse Gedächtnis werde ausradiert und das spirituelle Zentrum der islamischen Welt zerstört, bilanziert der Künstler. "Das alles ist das Werk von zehn Jahren - weniger als einer Generation. Diese Leute wissen nicht, was sie tun", fügt er hinzu und meint vor allem das Königshaus, dessen ehrgeizige Stadtplaner sowie den Bin-Laden-Konzern, der seit den Anfängen des modernen Saudi-Arabiens faktisch das Baumonopol in der Heiligen Stadt hat.

Mater weiß, dass ihn seine Kritik in Schwierigkeiten bringen kann. Doch Kunst sei nicht dazu da, die Reichen zu belustigen. "Kunst muss politisch sein und politische Veränderungen bewirken", hält er dagegen, obwohl er die engen Spielräume in seiner Heimat kennt. "Wir Künstler müssen uns kritischer als bisher mit dem sozialen Leben auseinandersetzen und in der Gesellschaft Diskussionen anstoßen."

So denken auch die 15 jungen saudischen Untergrundkünstler, die dieser Tage ihre Werke auf zwei Etagen eines staubigen Rohbaus im Stadtteil Tahlia von Dschidda zeigen. Allen jungen Frauen und Männern hier gehen die Entwicklungen in ihrer Heimat viel zu langsam. "Arabi/Gharbi" nennt Nasser Al-Salem seine Installation aus grünen Leuchtbuchstaben. In der arabischen Schrift unterscheiden sich die Worte "Arabisch" und "Westlich" lediglich durch einen winzigen Punkt, den Al-Salem an der kahlen Betonwand permanent blinken lässt.

"Diese Kategorien der älteren Generation verschwimmen, wir brauchen sie nicht mehr", sagen die Jungen, von denen mehr als hunderttausend mit Regierungsstipendien im westlichen Ausland studierten. "Das wichtigste Ziel für uns ist die freie Meinungsäußerung", unterstreicht der 30-jährige Ramy Alquthamy, der zusammen mit Al-Salem diese neue rebellische Künstlerbewegung "Alhangar" organisiert. "Wir Jungen sind die Mehrheit. Wir werden das Land bald übernehmen - und die Älteren müssen uns die Türen öffnen." Nicht nur im Inneren wächst der Druck. Hunderte Künstler und Menschenrechtsorganisationen haben bei der saudischen Führung gegen die acht Jahre Gefängnis von Ashraf Fayadh protestiert, wenn auch ohne Erfolg. Sein Freund und Weggefährte Ahmed Mater will in Saudi-Arabien keine Ausstellung mehr machen, solange der Lyriker im Gefängnis sitzt. Ob das einen der Mächtigen kratzt, weiß er nicht. "Doch das ist mein Statement", sagt er.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.03.2016, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular