Pandemie

Mutation treibt Zahlen nach oben

Die Inzidenz steigt, gerade erst beschlossene Lockerungen stehen deshalb schon wieder infrage. 1,6 Millionen Dosen Astrazeneca warten auf Verimpfung. Auch Kinder sind zunehmend von der englischen Variante betroffen.

20.03.2021

Von HAJO ZENKER

Corona-Impfung im Tübinger Impfzentrum in der Paul Horn Arena: mRNA- Impfstoff von Biontech/Pfizer .Bild: Ulmer

Berlin. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sieht angesichts der Corona-Neuinfektionen „den Beginn einer fulminanten dritten Welle“. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigt an, es könnten „vielleicht Schritte rückwärts“ nötig sein – Hamburg tut das bereits. Die Lage.

Inzidenz Die Sieben-Tage-Inzidenz, die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner, liegt laut Robert-Koch-Institut (RKI) bundesweit bei 95,6. Am Donnerstag hatte sie noch 90, am Mittwoch 86,2 betragen. Binnen eines Tages wurden 17 482 Neuinfektionen registriert – rund 5000 mehr als vor einer Woche. Der Anstieg der Infektionszahlen verlaufe wieder „ganz deutlich exponentiell“, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade am Freitag. Angesichts der ansteckenderen Variante B.1.1.7, die bereits drei Viertel der Neuinfektionen ausmache, stünden „leider wieder schwere Wochen bevor“.

Karl Lauterbach warnte davor, dass es bereits Mitte April eine Inzidenz von 200 geben könne – „wir müssen deshalb zurück in den Lockdown“. Als eine Konsequenz hat bereits Hamburg nach drei Tagen mit Sieben-Tages-Inzidenzen über 100 am Freitag die Corona-Notbremse gezogen. Damit werden von diesem Samstag an die erst Anfang vergangener Woche vollzogenen Öffnungsschritte rückgängig gemacht. Brandenburg verabschiedete sich von seinem Sonderweg, die Notbremse erst ab 200 zu ziehen. Für Jens Spahn muss man am Montag zusammen mit den Ministerpräsidenten Konsequenzen ziehen, bei der Notbremse bei 100 müsse es „mindestens“ bleiben.

Astrazeneca Laut Spahn gibt es bundesweit 1,6 Millionen unverimpfte Astrazeneca-Dosen, die nach gut drei Tagen Impfstopp verwendet werden könnten, weil die Europäische Arzneimittelbehörde EMA nach Überprüfung mehrerer Fälle von Hirnthrombosen die Sicherheit des Impfstoffs festgestellt hatte. Das Vakzin wird nun mit der Warnung versehen, dass es in sehr seltenen Fällen Thrombosen im Hirn bei Frauen unter 55 Jahren geben könnte. In Deutschland waren 13 Fälle der Sinus- und Hirnvenenthrombosen, die einen Verschluss von Venen im Gehirn durch Blutgerinnsel bedeuten, nach einer Impfung mit Astrazeneca gemeldet worden. Zwölf davon betrafen Frauen, es gab drei Todesfälle.

Karl Lauterbach hält es zwar für wahrscheinlich, dass die Hirnthrombosen auf die Impfung zurückzuführen sind, der Nutzen des Vakzins sei aber „massiv überwiegend“. Frankreichs Gesundheitsbehörde hat anders reagiert – es empfiehlt Astrazeneca nur noch für über 55-Jährige.

Thrombosen-Therapie Forscher der Universitätsmedizin Greifswald haben nach eigenen Angaben herausgefunden, wie Astrazeneca Thrombosen im Hirn auslösen kann. Vom Immunsystem in Reaktion auf die Impfung gebildete Abwehrstoffe hätten bei den Betroffenen offenbar die Blutplättchen aktiviert, was wiederum zu Blutgerinnseln geführt habe, so Teamchef Andreas Greinacher am Freitag. Man könne jetzt nicht nur testen, ob jemand betroffen sei, sondern auch eine Behandlung anbieten. Allerdings: Es sei nur die Therapie möglich, keine Prophylaxe.

Weitere Impfstoffe Nachdem sich mehrere Ministerpräsidenten für eine rasche Zulassung des russischen Impfstoffs Sputnik V ausgesprochen hatten, plädierte auch Lauterbach für eine Beschaffung. Jedoch müssten noch Daten abgeklärt werden, Spahn meinte, falls die EU-Zulassung zu lange dauere, sei eine nationale Entscheidung denkbar. Lauterbach warb zudem dafür, dem Vakzin der Tübinger Firma Curevac, das regulär erst im Mai/Juni erlaubt werden dürfte, eine Notfallzulassung zu erteilen. Schließlich ähnele es Biontech und Moderna.

Kinder Von der englischen Mutation B.1.1.7 sind laut Karl Lauterbach Kinder und Jugendliche „sehr viel mehr betroffen“ als von der bisherigen Variante. Deshalb habe das Testen an Schulen höchste Priorität, denn mit einem Impfstoff für Kinder sei nicht vor dem Sommer zu rechnen. So hatte der US-Hersteller Moderna erst diese Woche begonnen, sein Vakzin Kindern zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren zu verabreichen. Bisher ist Moderna nur für über 18-Jährige zugelassen. Biontech-Partner Pfizer testet Impfstoff zunächst an 12- bis 15-Jährigen. Biontech ist bisher ab 16 Jahren zugelassen.

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Erstellt:
20. März 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. März 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. März 2021, 06:00 Uhr

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