Kopieren verboten

Musikverleger, Musikschulen und der Urheberschutz

Wer musiziert, benötigt meist Noten - und kopiert sich diese nicht selten. Das ist freilich absolut verboten. Musikverleger und Musikschulen suchen daher einen Kompromiss. Und streiten sich seit zwei Jahren.

26.11.2009

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Bonn/Ulm Das Gesetzbuch kennt keinen Spielraum. "Die Vervielfältigung graphischer Aufzeichnungen von Werken der Musik ist . . . stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig" (Urheberrechtsgesetz § 53). Auf Deutsch: Musiknoten dürfen nicht kopiert werden.

Die Realität sieht anders aus. Musiker, die aus einem Notenband nur ein Stück benötigen, kopieren das häufiger, als ein teures Werk komplett zu kaufen. Musikschüler greifen gerade anfangs gern auf vervielfältigte Übungsblätter zurück. Wie es in Hobby-Ensembles aussieht, mag man sich leicht ausmalen, und viele Chöre besitzen ihr gesamtes Repertoire in der Form von Loseblattsammlung. Zudem: Wer im Internet sucht, wird auf einschlägigen Seiten eine Riesenauswahl an Notenmaterial als pdf-Datei finden - die kann sich jeder ausdrucken.

Dieser Widerspruch zwischen Rechtslage und Handhabe hat die Verwertungsgesellschaft (VG) Musikedition auf den Plan gerufen. Die nimmt für Komponisten, Texter und Musikverlage die Urheberrechte und Vergütungsansprüche wahr - so ähnlich wie die Gema. Den Schaden, der Musikverlagen durch das illegale Kopieren von Noten entsteht, schätzt VG-Geschäftsführer Christian Krauß auf mindestens 50 Millionen Euro jährlich.

Besonders das "rege Fotokopier-Verhalten in Musikschulen" ist den Musikverlegern ein Dorn im Auge, sagt Krauß. "Man muss doch nur in öffentliche Vorspiele gehen und auf die Notenpulte schauen!" Daher haben die Musikverleger 2007 die VG beauftragt, ihre Rechte geltend zu machen. Seitdem laufen Verhandlungen mit den Musikschulen, sowohl den öffentlichen als auch den privaten. Ziel ist es, Lizenzverträge zu schließen, die das Kopieren in einem bestimmten Umfang regeln.

15 Euro pro Musikschüler und Jahr fordert die VG. "Das ist viel zu viel", sagt Claudia Wanner. Sie ist Bildungsreferentin des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) und betont: "Wir wissen, dass Kopieren nicht erlaubt ist und geben das an die Lehrkräfte weiter. Das Kopierverbot besteht nicht nur proforma!" Es herrsche "ein Konsens darüber, dass Urheberrechte geschützt werden müssen". Dennoch müsse man praktikable Wege finden, "das Ganze finanzierbar zu machen".

Im Übrigen wehrt sie sich gegen pauschale Verdächtigungen: "Es kopieren ja nun nicht alle Musiker ihre Noten, viele kaufen oder leihen sie durchaus. Und wenn Musikschüler selbst kopieren, haben wir keinen Einfluss darauf."

Außerdem sei nicht klar, ob die VG tatsächlich alle deutschen Musikverlage vertrete, ein Lizenzvertrag also wirklich umfassend Sinn macht. Das sei nur ein Scheinargument, kontert VG-Geschäftsführer Krauß: Die VG repräsentiere die Branche zu maßgeblichen Teilen.

Wie auch immer - die Verhandlungen sind zäh. Daher hat die VG direkt an die Musikschulen geschrieben: Sie weist erneut auf das Kopierverbot und mögliche Lizenzverträge hin. Dann folgt Säbelrasseln: Das illegale Kopieren könne nicht nur zivil-, sondern auch strafrechtlich verfolgt werden. "Notwendige Kontrollen wird die VG Musikedition in Zukunft verstärkt durchführen." Zwar hat die VG kein Hausrecht in Musikschulen, "aber man hört und sieht und erfährt ja genug", sagt Krauß. "Und bei Verdacht kann man Anzeige erstatten."

Wie reagieren die Musikschulen darauf? Stephan Schuh, Leiter der Musikschule Ulm, spricht von einem "Warnschuss" und hat die Warnung an Lehrkräfte und Eltern weitergegeben. Er weiß: Im Urheberrecht drohen empfindliche Strafen. Er weiß aber auch: 15 Euro pro Schüler sind eine nie und nimmer erfüllbare Forderung. Für sein Haus hieße das bei rund 2000 Schülern satte 30 000 Euro jährlich. Angesichts des aktuellen Spardrucks eine Riesensumme. Und da gerade erst die Gebühren erhöht werden mussten, "kann ich mir auch nicht vorstellen, das eins zu eins auf Schüler und Eltern umzulegen".

In dieser Sache gibt sich VG-Geschäftsführer Krauß wiederum keinen Illusionen hin: "Es ist letztlich die Entscheidung der Musikschulen. Aber es ist schon klar, dass es im Umlageverfahren an Schüler und Eltern weitergegeben wird."

Eine verfahrene Situation. Musikschulleiter Schuh findet "die ganze Sache eigentlich positiv und nachvollziehbar". Schließlich gehe es auch um die "Wertigkeit" der Noten, um den "Respekt vor Musik". Ein richtiges "Freikaufen" durch einen Lizenzvertrag mag er sich nicht vorstellen: Das so legalisierte Kopieren "entspräche unserem Zeitgeist der schnellen Verfügbarkeit". Und es bestünde die Gefahr, dass gar keine Noten mehr gekauft werden.

Schießen sich die Musikverlage also durch einen Lizenzvertrag selber ins Knie? Christian Krauß: "Nein. Es kann eh nicht mehr schlimmer für uns kommen." Aber drohten nicht dem Noten- und Musikalienhandel fatale Konsequenzen? "Möglich", sagt Krauß, "aber die vertreten wir nicht."

Laut Urheberrecht ist das Kopieren von Noten nahezu ausnahmslos verboten - doch im Alltag halten sich viele nicht daran. Foto: Volkmar Könneke

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Erstellt:
26. November 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. November 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. November 2009, 12:00 Uhr

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