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Musikalische Wundertüte

Maifeld Derby Festival in Mannheim

Provokativ und fast schon nervig, hoch emotional und mitreißend populär: So klingt das 9. Maifeld Derby Festival in Mannheim.

17.06.2019

Von Udo Eberl

Wie es um die britische Seele bestellt ist: Jason Williamson von den Sleaford Mods. Foto: Udo Eberl

Im Vorfeld des 9. Maifeld Derbys im und rund ums Mannheimer Reitstadion war in einer Fachgazette von einem kuratierten Festival zu lesen. Das dreitägige Derby ist seit jeher durchaus eine couragierte Sammlung von Künstlern, die der Herzblut-Veranstalter Timo Kumpf zusammenträgt und -packt. Nicht unbedingt aus einem Guss, nicht immer zielgruppendefiniert, schon gar nicht grundsätzlich kommerziell orientiert. Da kippen legendäre Namen schon mal ins Mittagsprogramm und hierzulande gänzlich Unbekannte spielen vor einem voll besetzten Zelt.

Alterssprung nach oben

Natürlich braucht auch das Derby seine Zugpferde. Hot Chip, Parcels, Von wegen Lisbeth, The Streets oder Faber waren das für die täglich 4000 bis 5000 Besucher in diesem Jahr. Das schlug sich nieder. Das einstige Post-Hippie- und Pop-Delikatessen-Festival erlebte einen deutlich sichtbaren Alterssprung nach oben. Weniger in die Luft gehaltene Steckenpferde, kaum Farbtupfer in den Gesichtern, nur am Samstag waren vorne nahe der Bühne ganz viele glückliche junge Menschen zu sehen – die Berliner Von wegen Lisbeth schafften das mit ihren knuffigen Popliedchen Marke zweite Neue Deutsche Welle.

Das größte Glück hatten freilich die Derby-Gänger, die Wundertüten schon immer mochten und sich den so genannten „Surprise Slot“ im Parcours D'Amour am Samstagnachmittag nicht entgehen lassen wollten. Die erlebten einen geradezu entfesselten Auftritt der deutschen Überflieger AnnenMayKantereit. Veranstalter Kumpf hatte einen Auftritt der Vielspieler beim Festival immer abgelehnt. Vor einem halben Jahr hatte die Band selbst den Vorschlag gemacht, unangekündigt auftreten zu wollen. Die Tribüne platzte mit mehreren tausend Besuchern aus allen Nähten. Mehr fröhliche Euphorie geht kaum.

Andreya Casablanca von Gurr fetzt. Foto: Udo Eberl

Und sonst: Man erfuhr aus verschiedenen Blickwinkeln sehr viel über den Zustand der britischen Seele. Die beiden Sleaford Mods rotzten den Untergang des britischen Empires geradezu gossenhaft hin, und das erwartungsgemäß sehr cool. Deutlich hintersinniger und doch voll direkter Poesie sind die Texte von Kate Tempest, die Spoken Word mit atmosphärischem HipHop verknüpft, die Welt mit all ihren Fehlern umarmt und dann wieder ausspuckt – teils auch singend. Ihre finale Ballade „People's Faces“ machte wirklich Gänsehaut.

Die kam bei Mike Skinner alias The Streets erst am Ende des Gigs mit den Hits, davor plätscherte das in aufgeweichten R 'n' B-Gefilden. Skinner laberte sich einen weg, versprühte diverse Flaschen Sekt und beschäftigte sich mit Nichtigkeiten. Immerhin war er hyperinteraktiv mit nahezu jedem sichtbaren Zuhörer beschäftigt und wühlte sich bereits im ersten Song durchs gerammelt volle Zelt.

Das genaue Gegenteil: Der Auftritt von Hot Chip. Die waren beim Derby völlig von der Rolle, indisponiert und verzweifelten an internen technischen Keyboard-Konfigurationen. Völlig frei spielten dagegen die australischen Wahl-Berliner Parcels auf. Smart, mitreißend, wunderbar leicht, dieses Pop- und Discofieber. Starke Sache. Wie auch die grandiose Soulstimme eines Jordan Rakei oder die Sause mit dem Garage-Rock und Slacker-Pop der Damen von Gurr. Made in Germany und richtig fetzig.

Natürlich braucht es auf Festivals auch versierte Abräumer. Mit den Niederländern De Staat war eine Band am Start, die mit kräftig pumpendem Rock und einer exaltierten Live-Show die Visitenkarte für späte Auftrittszeiten bei größeren Festivals abgab. Schon schön: Bands wie Balthazar oder The Twilight Sad. Überraschungscoups landeten in enger Folge zwei österreichische Acts. Zunächst zeigte Mavi Phoenix, wie gut englischsprachiger HipHop mit Schmäh sein kann, dann überzeugten Cari Cari live im sehr vollen Zelt als Austria-Variante der White Stripes. Und dann gab es ja noch die Überaschungscoups fürs selektierende Publikum. Die katalanische Band ZA! mit ihrem Experimental-Rock oder Les Big Byrd mit einem Haufen an Pop-Eleganz und -Extravaganz.

Gestern endete das Maifeld Derby mit Konzerten von Madrugada, Tocotronic und Faber. Ob das 10. Maifeld Derby nach einer erstmaligen Pause in zwei Jahren noch einmal stattfinden wird, das stand gestern noch nicht fest. Den Fans feinster Musik und Live-Überraschungen wäre es zu wünschen.

Fest der neuen Alben

Etliche der Künstler des Maifeld Derbys hatten ihre neuen Alben gerade veröffentlicht oder der Release steht kurz bevor. „A Bath Full of Ecstacy“ von den Briten Hot Chip erscheint am kommenden Freitag, Kate Tempest stellte ihr hochgelobtes Album „The Book of Traps and Lessons“ in Mannheim live vor. Der aufstrebende Pop-Akteur Jordan Rakei brachte die Songs seines neuen Albums „Origin“ auch erstmals live auf die Bühne. Viele spannende Neuheiten wurden da also zu Gehör gebracht.

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Erstellt:
17. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 06:00 Uhr

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