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Bayreuther Festspiele

Musikalisch glühend

Neo Rauch bebildert den „Lohengrin“ mit einer Trafostation und Strommasten, die Regie aber hat keinen Saft. Christian Thielemann jedoch elektrifiziert die Wagner-Oper grandios.

27.07.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Bayreuth. Auch die Polizei, die wieder in großer Stärke zur Bayreuther Festspielpremiere aufmarschiert ist, hat neue Kostüme: dunkles, gediegenes Blau mit hellen Streifen an den Uniformhosen. Bayerischer Chic. Das muss eine Wagner‘sche Fügung gewesen sein, denn der neue „Lohengrin“ zeigt sich nicht minder von allgemeiner Bläue erfüllt.

Starkünstler Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy haben in ihrem Leipziger Atelier sechs Jahre lang das Vorspiel der romantischen Oper von Richard Wagner „als atmosphärisches Lockmittel für inspirative Einschübe“ aufgelegt und die Musik wie einst Friedrich Nietzsche gehört: „Blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“. Für eine figürlich-surreale Malerei ist Rauch berühmt, und Märchenbilder mit modernen Brüchen hat er jetzt auch für Bayreuth geschaffen – inspiriert zudem von „Delfter Kachelblau“.

Im Mittelpunkt steht eine Transformatoren-Station, die elektrische Energie aus dem Netz in Strom für den Verbraucher umwandelt. Aber irgendwie funktioniert das alles nicht im zerstrittenen Lande Brabant. Dort gehen die Lichter aus, weshalb der Elektriker kommen muss: Lohengrin. Schöne Metapher. Es blitzt und funkt stürmisch, und auf dem Dach ist plötzlich, sagen wir mal, das Modell eines weißen Tarnkappenbombers aus der Batman-Welt zu sehen – offenbar der Schwan. Lohengrin also rettet die des Brudermords angeklagte Elsa, indem er durch die Luft schwebend mit Telramund kämpft. Man trägt hier nämlich Flügel. Waren es im „Lohengrin“ des Hans Neuenfels zuletzt Ratten, gehören jetzt vom Licht angezogene Motten zur Opern-Population. Ansonsten erinnern die Kostüme mit ihren gestärkten Krägen an die alten Niederlande eines van Dyck.

So vielgestaltig kennt man das von Rauchs teuren Bildern. Faszinierend aber sind die gemalten Zwischenleinwände: ein Himmel etwa zu Anfang des zweiten Akts mit einer fast lesbaren Abstraktion. Liegt da nicht, im Wolkengebilde, ein gefallener Engel – Elsa? An solcher Kulissenmalerei, musikalisch aufgeladen, kann man sich gar nicht satt sehen.

Die Frage ist nur, was will uns das alles erzählen? Besser gesagt: Wo bleibt die Regie? Yuval Sharon, der spät ins Bühnenkonzept eingestiegen ist, nachdem Alvis Hermanis abgesagt hatte, benutzt leider keinen großen (Personen-)Schaltplan. Und er hat keine entschiedene Haltung zu einer Interpretation, keine Betriebsanleitung: Der „Lohengrin“ darf postromantisch, muss nicht politisch sein, aber doch etwas sagen. Diese Inszenierung jedoch fällt enorm statisch aus, wenn nicht gerade irgendjemand gefesselt wird. Der Festspielchor singt grandios, er täte es eventuell aber auch in der Bewegung.

König Heinrich – der einmal mehr mit seinem Bass Ehrfurcht heischende Georg Zeppenfeld – steht einfach nur herum. Tomasz Konieczny darf einen fast schon clownesk bösen Telramund singen – und tut es zu affektiert. Viel interessanter die Ortrud: einmal nicht die verschlagene Hexe, sondern eine verführerische Frau, die eher lockt als intrigiert. Waltraud Meier, schon 62, gelingt ein bejubeltes Bayreuth-Comeback; dass sie die Spitzenausbrüche forcieren muss, fällt nicht ins Gewicht.

Am ehesten bietet Sharon eine Anti-Liebesgeschichte. Lohengrin jedenfalls pocht nicht nur auf das Frageverbot nach seiner Herkunft, er befragt auch selbst niemanden, interessiert sich einen Kehricht für Elsa. Das Brautgemach steht orange unter Strom, aber es knistert nichts zwischen den beiden, im Gegenteil. Eine wahre Lichtgestalt des Wagner-Gesangs aber ist der Pole Piotr Beczala, der mit wunderbarer Leichtigkeit und Geschmeidigkeit den Lohengrin verkörpert. Farbenreich, sogar mit Belcanto-Schluchzern, feinstem Piano – es ist die pure Poesie. Anja Harteros hat es als Elsa schwer: Ist sie jetzt das verlorene Mädchen oder doch eine starke, tapfere, betrogene Frau? So singt sie überzeugend von allem was, in allen Schattierungen. Ovationen für ein Sängerensemble, mit dem Bayreuth eine konkurrenzlose Festspielklasse behauptet.

Wer auf dem Grünen Hügel aber unter Strom steht, wer für Hochspannung sorgt, das ist Christian Thielemann mit dem grandiosen Festspielorchester, das ihm auf jeden Fingerzeug folgt. Er hat jetzt in Bayreuth alle zehn Wagner-Werke dirigiert, was nur noch dem 1911 verstorbenen Felix Mottl gelang. Thielemann, eine historische Figur: Darf man so sagen nach diesem Premieren-Triumph. Die Akustik des Festspielhauses kennt keiner besser, und so klingt auch dieser „Lohengrin“ ungemein transparent, klar und doch romantisch voluminös. Schon das sehr zügige, ja straff dirigierte Vorspiel war in der Premiere ein Ereignis. Herrliche lyrische Linien, unerhörte Instrumental-Figuren, die Thielemann in der Partitur entdeckt. Und das oft grobschlächtige Blechgebläse der Staatsaktionen tönt bei ihm plötzlich nach durchchoreografierter Musik.

Elektro-Ingenieur Lohengrin hat dann schließlich seinen Auftrag erfüllt. Glücklich machte er Elsa wirklich nicht, aber er rüstet sie am Ende noch mit einer Batterie aus, jedenfalls packt er ihr einen orange leuchtenden Rucksack auf den Rücken. Dann fällt das Volk wie tot um, ob vom Blitz getroffen oder endgültig ermattet, man weiß es in dieser Regie nicht so genau. Vielleicht hat Yuval Sharon auch vollends den Stecker aus seiner Personenführung herausgezogen.

Aber es kommt ein grünes Männchen auf die Bühne – wohl Gottfried, den Ortrud laut Libretto ja in einen Schwan verzaubert hatte, und der, freudig verklärt, zum neuen Führer von Brabant berufen sein soll. Jetzt bringt das putzige Männchen die Erleuchtung. Ein ökologisch unbedenkliches Happy End.

Die Festspielgastronomie bietet nach der Oper dann auch eine „Happy Hour“: zwei Glas Radeberger (0,3) für fünf Euro. Das ist gut für den Flüssigkeitshaushalt. Und macht noch lange nicht blau.

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27.07.2018, 06:00 Uhr
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