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Festival

Musik am Rande des Abgrunds

Das Stuttgarter Neutöner-Treffen Eclat bietet mit Klängen über Tod, Terror und Krieg viel Stoff für Debatten.

05.02.2018
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Wohin geht sie, die Neue Musik? Weiter ins Ungewisse. Das Festival Eclat jedenfalls beeindruckt mal wieder durch schillernde Vielfalt und liefert reichlich Stoff für Diskussionen. Sicher, auch bemühte oder nur gut gemeinte Bastelarbeiten finden sich im Programm, ebenso Werke, die von Platon bis Alain Badiou den halben Weltgeist bemühen – und dann klanglich einfach nur enttäuschen.

Wie auch immer, das Spektrum ist riesig und reicht vom 82-jährigen Grandseigneur Helmut Lachenmann bis zu jungen Wilden wie Johannes Kreidler, der Fragen der Gegenwartsmusik mit Witz in einer „Late Night Show“ erörtert – irgendwo zwischen Adorno und Fahrradklingel-Sounds. Eher sarkastischen Humor zeigt Lachenmann. Sein Klavierstück „Marche fatale“ rotiert mit militärischem Wumms und melodischem Falschgold-Charme immer wahnsinniger um die eigene Achse, bis es mit Wagners „Liebestod“ in den Abgrund donnert – fulminant interpretiert von Yukiko Sugawara.

„Daily Transformations“ dagegen, ein 70-Minuten-Werk, das sich anhand eines Parkbummels in einem ermüdend verschnörkelten Monolog mit Möglichkeiten menschlicher Wahrnehmung beschäftigt (Libretto: Lisa Spalt), kommt nie richtig in die Gänge. Trotz enormen Aufwands (Musik: Clemens Gadenstätter) vermag es in selbstverliebter Pseudo-Verrätselung nur selten zu fesseln.

Gespenstische Szenerie

Raphael Sbrzesnys musiktheatrale Installation „Principal Boy“ wiederum, entstanden als Reaktion auf die islamistischen Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris, vermischt Einblicke in suizidale Täterpsychen mit autobiografischen Alpträumen. Wir sehen Körperskulpturen – eingefrorene Gewaltposen junger Männer, die später auf umgeschnallten Sprengstoffgürteln prasselnde Krampfrhythmen trommeln. Die Zuschauer bewegen sich in einer gespenstischen, latent medial gierigen und katastrophischen Szenerie, die zwar religiös-politische Hintergründe ausblendet, aber dennoch auf einem schmalen Grat balanciert: zwischen Kunst und Verharmlosung, Anverwandlung und Ästhetisierung. Heraus kommt eine immerhin streitbare Installation, auch wenn die Musik – mit Anmutungen an Wagners „Walkürenritt“ – nur eine Nebenrolle spielt.

Und sonst? Selbst das Konzert mit dem Calefax Reed Quintet und den Neuen Vocalsolisten bot theatralische Augenblicke. Fabio Nieders „Alpenländische Volksweise von Krieg und Tod“ bewegt sich zwischen Klangschalen-Magie und Jodeln in Slow Motion: eine sanfte Meditation, ruhig atmende Musik am Rande der Stille. Otto Paul Burkhardt

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05.02.2018, 06:00 Uhr
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