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Kehrwoche? Kein Problem!

Mulgheta Russom ist Rekordspieler der Blindenfußball-Nationalmannschaft

Bei einem Autounfall verlor der Stuttgarter Mulgheta Russom beinahe sein Leben und erblindete danach. Heute ist der 32-Jährige eine wichtige Stütze der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft.

22.12.2010

Von EDGAR DEIBERT

Stuttgart Mulgheta Russom ist ein stolzer Mann. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille, ein schwarzes Halstuch mit weißen Streifen, dazu einen schwarzen Wollkragenpullover. Sich selbst bezeichnet der 32-Jährige als "Modefreak". Er hat eine imponierende Ausstrahlung, der deutsche Rekordnationalspieler - im Blindenfußball.

Die Sportart steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen, erst 2008 wurde die Blinden-Bundesliga gegründet. Russom selbst spielt beim zweimaligen Meister MTV Stuttgart. Dass er zur wichtigen Stütze des deutschen Blindenfußballs geworden ist, hat mit mehreren Schicksalsschlägen zu tun. Geboren wurde er in Asmara, der Hauptstadt Eritreas. "Als ich dreieinhalb Jahre alt war, ist meine Familie aufgrund des Bürgerkriegs geflohen, wir waren ja mittendrin", erzählt Russom. In Deutschland fand seine Familie eine neue Heimat. Russom zeigte Interesse an Mode und absolvierte eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei einem Modehaus.

Bis der 3. Oktober 1998 alles veränderte: Am Tag der Deutschen Einheit kam der damals 20-Jährige mit seinem Auto nachts von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. "Was genau passiert ist, weiß ich nicht. Ich bin erst wieder im Krankenhaus erwacht", sagt Russom. Bis dahin hatte der junge Mann keinen Schluck Alkohol getrunken, auch Drogen waren nie ein Thema für ihn gewesen. Denn Russom ist das, was man einen Vollblutsportler nennt. Bis zu dem Schicksalsschlag hatte er nicht nur Fußball gespielt, sondern auch geboxt. "Zum Ausgleich", wie er anmerkt. Russom war körperlich topfit und durchtrainiert - wahrscheinlich hat ihm das das Leben gerettet.

Nach dem Unfall war Mulgheta Russom schon abgeschrieben, in seinem Freundeskreis machten gar Gerüchte die Runde, er sei tot. Sein Gesicht war völlig entstellt. "Mein Kopf war so angeschwollen, dass mein eigener Bruder mich im Krankenhaus nicht erkannt hat. Erst als er meine Hand gesehen hat", erzählt Russom. Die Ärzte machten seiner Familie keinen Mut: "Sie hatten mich schon aufgegeben."

Während der 14-stündigen Operation wurde Russom dreimal wiederbelebt. Was ihm zu Gute kam, war die körperliche Fitness - und sein ungeheurer Lebenswille, betont der Botnanger. Noch heute hat er Platten unterhalb der Jochbeine und eine Schiene im Unterkiefer. Russom erzählt seine Geschichte mit der Gelassenheit eines Menschen, der dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen ist.

Und wie! Bereits kurz nach der schweren Operation ist der heute 32-Jährige mit dem Kämpferherz aufgewacht und "wollte aufstehen und nach Hause gehen". Auch deswegen wurde er ins künstliche Koma versetzt. Nach den "drei Monaten Urlaub", wie Russom diese Zeit scherzhaft nennt, habe er noch sehen können, "meinen Bruder habe ich erkannt, verschwommen". Doch eine Infektion war der nächste Schicksalsschlag, mit dem Russom fertig werden musste. "Ich bekam über 40 Grad Fieber. Es ging zwar weg - das Augenlicht aber auch", sagt Russom trocken.

Er war kein normaler Patient. "Ich wollte einfach so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen." Deshalb habe er mit zwei Schwestern erste Gehversuche unternommen und seinen Arzt nach einem Physiotherapeuten gefragt, was der zunächst gar nicht gutheißen konnte. "Ich hatte ziemlich schnell auch zwei Hanteln unter meinem Bett liegen - dazu bin ich schwimmen gegangen."

Heute kann er sich ein Leben ohne Blindenfußball nicht mehr vorstellen, doch an den ersten Anruf von Nationaltrainer Ulrich Pfisterer erinnert er sich genau "Will er mich veräppeln? Wie soll das denn gehen?", war Russoms Reaktion. Damals noch unvorstellbar: Jetzt hat er in der Sporttasche immer einen Ball dabei. Und einige CDs: "Ich trainiere gerne für mich alleine, da brauche ich lebendige Musik", sagt der Fan von Funk und Jazz.

Momentan steht Russom kurz vor seiner Prüfung zum Fitnesstrainer - und arbeitet nebenbei in einem Dunkel-Restaurant in Stuttgart. "Hier herrscht eine umgekehrte Situation. Die Sehenden müssen sich auf uns blinde Kellner verlassen", erklärt Russom.

Sportlich will er sich mit der Nationalmannschaft für die Paralympics 2012 in London qualifizieren, "dafür müssen wir bei der Europameisterschaft im Juli 2011 Dritter werden," so Russom. Das wird sicherlich schwerer, als die Kehrwoche, die er vor sich hat: "Ob ich auch Schnee schippen muss? Na klar! Selbstständigkeit war mir schon immer wichtig."

Dribbeln im Dunkeln: Der Stuttgarter Mulgheta Russom spielt Blindenfußball - und ist deutscher Rekordnationalspieler. Foto: Getty Images

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Erstellt:
22. Dezember 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Dezember 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2010, 12:00 Uhr

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