Tübingen

Die Fahrradspur und ihre Folgen: Mühlstraße für Autos gesperrt

Oberbürgermeister Boris Palmer will den Vorrang für Radfahrer auf der zentralen Tübinger Achse testen.

24.07.2019

Von Gernot Stegert

So könnte es mal aussehen auf der Tübinger Neckarbrücke: Radfahrer hätten eine extra Fahrbahn in der Mitte. Bilder und Montage: Ulrich Metz

Es war dreiviertel Elf am Dienstagabend. Nach fast sechs Stunden Gemeinderatssitzung im heißen Tübinger Ratssaal rief Oberbürgermeister Boris Palmer Punkt 34 auf: Bekanntgabe von Anträgen. AL/ Grüne wollen Vorrangstreifen für Radfahrer von der Karl- bis zur Wilhelmstraße einrichten. „Als erster Schritt“ soll die mittlere Spur auf der Neckarbrücke den Zweirädern vorbehalten sein. Statt wie üblich nur den zuständigen Ausschuss zu nennen, sagte Palmer: „Das sage ich gleich zu.“ Für eine Probephase von zwei Monaten gleich nach den Sommerferien bis zum 15. November.

Am Mittwoch ließ der OB eine Pressemitteilung verschicken. In Absatz vier heißt es: „Es bleibt daher bei der heutigen Regelung, dass Autos nur nach rechts abbiegen dürfen.“ Im fünften Absatz steht: „Im Ergebnis bedeutet dies, dass PKW vom Zinser-Dreieck kommend nicht mehr zur Universität fahren können.“ Palmer hat also für zwei Monate die Mühlstraße für Autos – von Ausnahmen abgesehen – gesperrt. Gegen den Alleingang regte sich umgehend breiter Protest aus dem Gemeinderat.

Radler: Ziel des Antrags von AL/Grünen und des Oberbürgermeisters ist, den Radverkehr durch den Ausbau der Wege zu fördern. In der Pressemitteilung heißt es: „Die Verbindung zwischen Südstadt und Universität über Neckarbrücke und Mühlstraße ist die wichtigste Radachse in Tübingen. Nirgendwo sonst sind mehr Fahrräder unterwegs. An Spitzentagen sind es bis zu 10.000 Räder.“ Mit dem Umbau des Zinser-Dreiecks wurde die Karlstraße als Engpass im Radwegenetz beseitigt. Beim Umbau der Mühlstraße wurde ein Parkstreifen zum Radbereich umgebaut. Die Neckarbrücke hat zwar aufwärts einen extra Radstreifen erhalten, doch ist dieser schmal und wird laut Stadt „zwischen Bussen und Autos zu Recht als verunsichernd und unkomfortabel kritisiert“. Das soll verbessert werden.

Auf der mittleren Spur der Neckarbrücke sollen allein Radler fahren dürfen – in beide Richtungen. Sie haben dann bergauf wie bergab 1,50 Meter Platz.

Autofahrer: Sie müssen weichen. Sie können bergauf nur noch die rechte Spur benutzen. Auf dieser aber halten die Busse an beiden Haltestellen, oft zwei, drei hintereinander. Auf der rechten Spur dürfen bisher nur Rechtsabbieger in die Gartenstraße fahren. Eine Weiterfahrt in die Mühlstraße ist laut Verwaltung „nicht möglich, weil dann ein langer Rückstau zu erwarten wäre und alle Busse viel Zeit verlieren würden“. Daher dürften Autos nur nach rechts abbiegen – nicht mehr geradeaus in die Mühlstraße fahren. Die Stadtverwaltung schreibt: „Die Neckarbrücke ist für diese Verkehrsbeziehung gesperrt. Der dominierende Durchgangsverkehr in der Mühlstraße wird damit auf Umgehungsstraßen im Stadtgebiet oder andere Verkehrsmittel verlagert.“

Die Mühlstraße ist für Autos nicht völlig gesperrt, aber weitgehend. Von der Gartenstraße können sie noch rechts abbiegen. „Für die Bewohner des Österbergs gilt, dass sie bei der Fahrt von Süden den Umweg über den Schlossbergtunnel oder Lustnau in Kauf nehmen müssen.“ Im Konflikt zwischen Radlern und Autos werde „in der Probephase die bisherige Wertentscheidung umgekehrt: Vorrang erhalten jetzt die Bedürfnisse der Radfahrer.“ Ob diese Änderung funktioniert, solle über Versuche und nicht Debatten geklärt werden.

Umfrage

Soll die Mühlstraße auch bergauf für den Autoverkehr gesperrt werden?

OB Boris Palmer will für eine zweimonatige Testphase eine drei Meter breite Fahrradspur auf der Tübinger Neckarbrücke einrichten. Weil es dann eng wird, sollen Autos nicht mehr von der Brücke in die Mühlstraße fahren dürfen. Was halten Sie davon, dass die Mühlstraße dadurch im Ergebnis als innerstädtische Achse für den Autoverkehr wegfällt?
46%
46%
Finde ich richtig. Dadurch gibt es mehr Platz für umweltfreundlichen Individualverkehr, und die Innenstadt wird attraktiver.
52%
52%
Finde ich falsch. Dadurch müssen Autofahrer weite Umwege in Kauf nehmen, was auch nicht gut für die Umwelt ist.
2%
2%
Ist mir egal.
5357 abgegebene Stimmen
Diese Umfrage ist beendet.

Der Grünen-OB drängt beim Klimaschutz: „Ein sinnvoller Versuch kann dieses Jahr nur noch im September beginnen. Sonst sind wir im April 2020. Der Gemeinderat hat den Auftrag erteilt, 2020 bereits das Klimaschutzprogramm für Tübingen klimaneutral 2030 zu erarbeiten.“ Dort sollten Erfahrungen des Versuchs berücksichtigt werden. Palmer: „Die Verdrängung des Durchgangsverkehrs aus der zentralen Achse ist eine zentrale Voraussetzung für eine Vielzahl von Folgemaßnahmen. Was das bedeuten könnte, ist in allen Aspekten 25 Jahre diskutiert worden.“ Deshalb werde auch niemand vor den Kopf gestoßen. Der OB: „Einen Versuch zu machen, auf dem schon wegen der Antragslage die Zustimmung von 15 Mitgliedern des Gemeinderates sicher ist, kann nicht zu einem formalen Problem gemacht werden.“ AL/Grüne und Palmer haben 15 Stimmen.

Streit-Lust-Umfrage: Fahrradstreifen auf der Neckarbrücke
kostenpflichtiger Inhalt

Streit-Lust-Umfrage: Fahrradstreifen auf der Neckarbrücke. Video: Hans-Jörg Schweizer

05:38 min

„Skandal“: Zum Vorgehen des Oberbürgermeisters

Harsche Kritik äußerten Fraktionen am Vorgehen von OB Boris Palmer.

Martin Sökler (SPD) sagte, bei der Neckarbrücke müsse etwas für die Sicherheit der Radler getan werden. Aber die Sperrung der Mühlstraße so einzuführen, auch nur testweise, „ist nicht akzeptabel“. Palmer hätte den Gemeinderat zumindest informieren müssen.

Ernst Gumrich (Tübinger Liste) schrieb: „Wir empfinden es als eine grobe Missachtung des Gemeinderats und mit ihm der Bürgerschaft. Eine Verkehrssperrung dieser Hauptachse ist keine Routineangelegenheit. Dass AL/Grüne und Oberbürgermeister Palmer es als solche behandeln“, zeuge von einer „Alleinregierung“.

Ulrike Ernemann (CDU) sagte: „Das geht überhaupt nicht.“ Sie hält eine Sperrung der Mühlstraße für den Autoverkehr für falsch, weil Uni und Kliniken erreichbar sein müssten und weil Lustnau und die Weststadt mehr belastet würden. Palmers Handeln widerspreche dem guten Miteinander. „Das Thema gehört im neuen Klimaausschuss besprochen.“

Gerlinde Strasdeit (Linke) ärgerte sich: „Das ist wieder mal Palmers Von-oben-runter-Politik.“ Der Gemeinderat müsse beraten. Sie sei gegen die Sperrung, „weil der Verkehr nur in die Weststadt und nach Lustnau verlagert wird“.

Dietmar Schöning (FDP) sagte: „Man kann inhaltlich dazu stehen wie man will – es ist ein Skandal, wenn die Stadtverwaltung dies ohne vorherige Unterrichtung und Beratung im Gemeinderat umsetzt. Der Oberbürgermeister verliert an Vertrauen, wenn er hier bewusst am Gemeinderat vorbei agiert.“

Christoph Joachim (AL/ Grüne) meint: „Im Rahmen einer verkehrsrechtlichen Anordnung muss der Gemeinderat nicht beteiligt werden.“

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Erstellt:
24. Juli 2019, 18:34 Uhr
Aktualisiert:
24. Juli 2019, 18:34 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2019, 18:34 Uhr

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