Führt DNA-Spur zum Täter?

Mordfall Anja Aichele: Nach 24 Jahren Hoffnung durch Kriminaltechnik

Der Tod Anja Aicheles, die am 27. März 1987 ermordet wurde, gilt immer noch als einer der erschütterndsten Fälle in der Stuttgarter Kriminalgeschichte. Doch 24 Jahre später keimt wieder Hoffnung auf.

04.01.2011

Von ULI NAGEL

Stuttgart Alle Ermittlungen nach dem Mörder von Anja Aichele - auch über die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY" - verliefen damals im Sande. Doch 24 Jahre später keimt bei der Kriminalpolizei wieder Hoffnung auf. Denn Ende 2008 wurde eine DNA-Spur des mutmaßlichen Täters entdeckt.

Ganz in der Nähe ihrer elterlichen Wohnung hatte die Polizei die 17 Jahre alte Anja Aichele drei Tage nach ihrem Verschwinden am 27. März 1987 tot aufgefunden. Die Schülerin des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums wurde auf dem Nachhauseweg vor einem Schülertreff der Cannstatter Luthergemeinde ermordet und an der Ecke Steinhalden-/Schmidener Straße in einem Gartengrundstück verscharrt. Während der Täter dort alle Spuren verwischt hatte, fand die Polizei im Rahmen von groß angelegten Suchaktionen Kleider von Anja Aichele unter anderem auf dem Schmidener Feld.

Während der Fahndungsapparat der Polizei ins Rollen kam, war die Anteilnahme der Stuttgarter an dem grauenhaften Schicksal der Schülerin riesig. Nach einer Andacht am 3. April in der Lutherkirche zogen rund 1200 Menschen in einem Schweigemarsch die Schmidener Straße hinauf zur Haltestelle und legten dort, wo Anja gefunden wurde, Blumen nieder. Ein Ort, an dem auch jahrelang eine Holzkreuz mit dem Namen "Anja" stand, eh das stumme Symbol an die Bluttat dem Bau der Stadtbahn weichen musste.

Bis zu 60 Ermittler sammelten damals mehr als 4000 Hinweise. Viel Arbeit, weshalb die Soko teilweise auf bis 250 Mitarbeiter aufgestockt wurde. Allein in den ersten Wochen nach der Tat wurden rund 530 junge Männer aus Anja Aicheles Umgebung nach ihren Alibi befragt. Zeugenaufrufe im damaligen Neckarstadion sollten den Ermittlern ebenso helfen wie Fernsehfahndungen über "Aktenzeichen XY" im Januar 1988. Ein halbes Jahr zuvor war in der Nähe von Schmiden der Lederfetzen eines Schuhs von Anja Aichele entdeckt worden. Er muss, laut der damaligen Polizeiexperten, erst wenig Tage zuvor dort wohl vom Täter weggeworfen worden sein. Doch in der Folge blieben alle Bemühungen, den Mörder zu überführen, ohne Erfolg. Allerdings wanderten die Ermittlungsakten rund um das Schicksal der 17-jährigen Schülerin nie gänzlich in den Keller der Mordkommission, denn in Deutschland verjährt Mord nicht.

Jetzt keimt wieder Hoffnung auf, denn dank moderner Technik in den Kriminallabors bei der Täterüberführung hat sich offenbar eine brauchbare Spur auf den Mörder Anja Aicheles ergeben. "Wir verfügen über den Code eines so genannten genetischen Fingerabdrucks, der auf einem Asservat gefunden wurde", bestätigt Polizeisprecher Jens Lauer den Ermittlungserfolg. Entdeckt wurde die DNA-Spur bei einer routinemäßigen Überprüfung der Gegenstände, die im Zuge der Ermittlungen im Mordfall Anja Aichele sichergestellt worden waren und seitdem in der Asservatenkammer lagerten. Das war Ende 2008.

In der Folge wurden alle Beteiligten, darunter auch sämtliche mit dem Fall betrauten Polizeibeamten, durch eine DNA-Abgleich ausgeschlossen. Zudem sind die Personen aus dem damaligen Freundes- und Bekanntenkreises des Mordopfers aufgefordert worden, freiwillig eine Speichelprobe beim LKA abzugeben. "Wir werten die Daten zur Zeit aus", erläutert Lauer die sehr zeitintensive Arbeit. Denn mehr als 500 Menschen sind damals auf ihre Alibis hin überprüft und dadurch aktenkundig geworden. "Mehr dürfen wir aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen", meint der Polizeisprecher. Allerdings stehe bereits fest, dass der mutmaßliche Täter nicht in der DNA-Datenbank des Bundeskriminalamtes auftaucht und folglich auch noch nicht wegen einer schweren Straftat registriert worden sei. Und dort lagern immerhin mehr als 700 000 Datensätze von Straftätern.

Diese Ermittlungstechnik stand dagegen 1987 noch ziemlich in den Anfängen. Erst gut zehn Jahre später begann das Landeskriminalamt, ihre so genannte DNA-Datenbank aufzubauen. Mittlerweile wurden auch die Analysetechniken immer mehr verfeinert und Ende 2008 stießen die Kriminaltechniker in ihren Labors auf einen genetischen Code, der vielleicht vom Mörder der 17-Jährigen stammt.

Personen aus dem damaligen Freundes- und Bekanntenkreises des Mordopfers Anja Aichele sind aufgefordert worden, freiwillig eine Speichelprobe (gestellte Szene) beim Landeskriminalamt abzugeben. Mehr als 500 Menschen sind damals auf ihre Alibis hin überprüft und dadurch aktenkundig geworden. Foto: Archiv / dpa

Zum Artikel

Erstellt:
4. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Januar 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+