Welterbe

Mondänes Heilwasser

Wo der Hochadel und die Reichen kurten: Die „Großen Bäder Europas“ stehen mit ihrer historischen Architektur jetzt auf der Unesco-Liste. Baden-Baden, Bad Kissingen und Bad Ems feiern.

26.07.2021

Von JÜRGEN KANOLD

Jugendstil-Juwel Mathildenhöhe in Darmstadt. Foto: Thomas Lohnes/epd

Baden-Baden. Im Kurhaus von Baden-Baden hängt ein Plakat aus dem Jahre 1881, auf dem das „städtische Cur-Comité“ die Sommer-Saison ankündigt. Von der Gesundheit der Gäste ist nicht die Rede, zumindest nicht von Herz- und Kreislaufbeschwerden. Fürs Wohlbefinden sollen offenbar Treibjagden und Pferderennen sorgen, und zur Feier der „allerhöchsten Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers“ wird ein „Monstre-Militär-Concert“ mit Illumination veranstaltet.

Die gute alte Zeit der Belle Epoque. An der Oos ist sie schöne Geschichte: sichtbar an den Baudenkmälern, an den Hotels. Auch Baden-Baden gehört deshalb jetzt, nach langer, transnationaler Bewerbungsphase, zu den elf „Großen Bädern Europas“, die am Samstag von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

Es fing vielleicht mal in bei den Römern mit Thermalquellen an, um körperliche Gebrechen zu lindern, aber diese mondänen Kurorte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts waren dann Schauplätze auch des gehobenen Unterhaltungsbedürfnisses einer reichen und/oder adeligen Klientel. Gerne auch Schampus statt Heilwasser. Mit den Klinik-Komplexen in Beton für Kassenpatienten aus dem sozialen Wohnungsbau neuer Zeit hatte das jedenfalls nichts zu tun. In Baden-Baden, im englischen Bath, im böhmischen Karlsbad oder im französischen Vichy ging es äußerst nobel und opulent zu. Stuck, Marmor, Samt und Blattgold. Hohe Kolonnaden und Springbrunnen. Die architektonischen Ensembles dieser Kurorte begründen in ihrer erhaltenen Einmaligkeit nun den Welterbe-Status.

In diesen Bädern war das Spielcasino so gefragt wie die Trinkhalle. Das Amüsement, die Kultur spielten eine Hauptrolle – und auch die hohe Politik. Es wurde kurend Geschichte geschrieben. Was kennt man von Bad Ems? Außer den Emser Pastillen? Zum Beispiel die „Emser Depesche“.

Nicht nur der Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski, der zunächst in Baden-Baden der Spielleidenschaft verfallen war, traf in Bad Ems an der Lahn den deutschen Kaiser Wilhelm I. und notierte 1874: „Er selbst verbeugt sich vor niemandem und winkt höchstens manchmal mit der Hand.“ Jahre zuvor wurde Wilhelm, noch preußischer König, dort vom französischen Botschafter Benedetti bedrängt, in der Frage der spanischen Erbfolge. Fürst Bismarck intrigierte daraus eine diplomatische Ohrfeige, frisierte ein Telegramm seines genervten Königs und verbreitete in der Zeitung diese „Emser Depesche“. Sie stellte die Franzosen als unfähig und beleidigend dar – es folgte, kurz gesagt, der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871.

Kaum 9000 Einwohner zählt Bad Ems heute, das ehemalige „Weltbad“, in dem nicht nur der Hochadel, sondern auch Künstler wie Franz Liszt und Niccolò Paganini verkehrten. Aber der historische Kern der Stadt ist erhalten: Kurhaus, Quellenturm, Grand Hotel, Villen und auch eine russisch-orthodoxe Kirche für die verschwendungssüchtigsten Gäste, die Russen.

Bismarck übrigens kurte, wie die blutarme österreichische Kaiserin Sisi, in Bad Kissingen. Es ist der dritte deutsche Kurort mit Welterbestatus. Im späten 19. Jahrhundert war in Unterfranken, am Rande der Rhön, ein mondänes Bad für Adel und Bürgertum entstanden, und als die Gästezahlen immer weiter stiegen, ernannten die Wittelsbacher 1910 den Stararchitekten Max Littmann zum „Spezialkommisär für die Staatlichen Neubauten im Königlichen Kurgarten Bad Kissingen“. Genau dieser Littmann baute auch das 1912 eröffnete königliche Hoftheater in Stuttgart, dessen Opernhaus jetzt für eine Generalsanierung reif ist.

Max Littmann (1862-1931) entwarf in Bad Kissingen ein neubarockes Kurtheater, den Maxbrunnen, die Ludwigsbrücke, das Kurhausbad und nicht zuletzt die Wandelhalle, die mit 90 Metern Länge und einer Fläche von 3000 Quadratmetern größte überdachte Kurpromenade Europas. Um 1900 war Littmann einer der berühmtesten Baumeister Deutschlands, und in Bad Kissingen erweiterte er den nach Plänen Friedrich von Gärtners von 1834 bis 1838 errichteten Arkadenbau harmonisch und stilgerecht auch um den „Regentenbau“ mit einem holzgetäfelten, grandios klingenden Konzertsaal im späten Jugendstil. Dort treten nun die Klassik-Stars des „Kissinger Sommers“ auf.

Kultur im Festspielhaus

Und das macht ja auch in Baden-Baden das heutige Flair eines der „Großen Bäder Europas“ aus. Es ist nicht nur das sehenswert Museale, das Beschwören einer verblassenden Tradition, sondern die in der Gegenwart neu aufblühende Kultur. Da finden sich an der Oos etwa das Museum Burda und das 1998 eröffnete Festspielhaus, in dem das prächtige Empfangsgebäude des Alten Bahnhofs von 1895 als Foyer dient.

Bäderkultur auf der Welterbe-Liste: Die größte Wandelhalle Europas im Kurpark von Bad Kissingen, entworfen von Max Littmann. Foto: Daniel Karmann/dpa

Die Trinkhalle in Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa

Das Spielcasino im Kurpark von Bad Ems. Foto: Thomas Frey/dpa

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Erstellt:
26. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2021, 06:00 Uhr

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