Pop

Momentaufnahmen eines Stillstands

AnnenMayKantereit veröffentlichen mit „12“ ein im Lockdown entstandenes Album zur Gegenwartsbewältigung.

21.11.2020

Von UDO EBERL

Die Bandmitglieder von AnnenMayKantereit. Foto: Landstreicher Booking

Köln. AnnenMayKantereit überraschten gerade mit der Veröffentlichung eines nicht angekündigten Blitzalbums mitten im Wellenbrecher-Lockdown. Ein Tonträger, der ohne die Pandemie gar nicht realisierbar gewesen wäre. Die Band der guten Freunde hatte 2020 eigentlich die bislang größte Tournee seit dem Bestehen vor Augen. Zwei Konzerte in Moskau, die Hamburger Trabrennbahn ausverkauft, jede Menge Sommer-Festivals waren gebucht, doch vor einem Konzert in der Schweiz holte das Trio Ende Februar die Corona-Realität ein. Dann kam der Lockdown.

„Wir saßen zunächst völlig desillusioniert zuhause, denn dieses Jahr hatten wir uns ganz anders vorgestellt“, erinnert sich Multiinstrumentalist Severin Kantereit. Schnell sei aber klar gewesen, dass man die „Frei-Zeit“ für ein neues Album nutzen wollte. Songwriting virtuell per Video-Call, Telefon und Mail, das hatte die Band so noch nicht erlebt. Nahezu jeden Tag wurden über Fernkontakt Ideen ausgetauscht und Diskussionen darüber geführt, wo ein noch „unfertiges Lied hinwill“. So manche Handy-Fassung landete letztendlich im Original auf dem authentischen Corona-Album. „Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist. Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss“, beschreibt Sänger und Texter Henning May den Prozess.

Die Band spiegelt in meist kurzen Songs die Stimmung im Land und gibt das Gefühl der eigenen Isolation wieder: Momentaufnahmen eines Stillstands und der grassierenden Unsicherheit. Das Ergebnis ist auf „12“ zu hören, einem Album, von dem die Band nicht wusste, ob es wegen seiner Schwere überhaupt jemand hören will. Die Lieder sind deutlich tiefgründiger, düsterer, oft auch fragmentarischer, als man das bisher von den Kölnern kannte.

Sich von den üblichen Song-Strukturen zu lösen und bisweilen auf wenige Kernaussagen zu konzentrieren, das „hat uns frei gemacht“, weiß Severin Kantereit, der unterstreicht, dass politischer Klartext in mancher Zeile zwingend war: „Wir machen ja keine tagespolitische Musik, aber es gibt Themen, mit denen wollen wir uns jetzt befassen.“

Die Weiterentwicklung, die der Band gelungen ist, erhofft sie sich nun auch von Ihren Fans. „Die Reihenfolge der Lieder hat für uns eine große Bedeutung, und wir wünschen uns, dass unser Album zunächst an einem Stück gehört wird“, sagt Kantereit, der den Begriff Konzeptalbum für das schnell entstandene Werk gerne annimmt.

Und was macht eine Band wie AnnenMayKantereit nun in Zeiten der Corona-Unsicherheit? „Es ist schon seltsam, ein Album zu veröffentlichen und die Resonanz nur via Handy und Bildschirm zu bekommen. Was live im kommenden Jahr umsetzbar sein wird, das werden wir erst noch herausfinden müssen“, sagt Kantereit, der nur eines mit fester Überzeugung versichern kann: „Wir werden weiterhin unsere Musik machen.“ Udo Eberl

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Erstellt:
21. November 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. November 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. November 2020, 06:00 Uhr

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