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Abflug in die Freiheit

Mössinger Vogelschutzzentrum und norddeutscher Wildpark entlassen einen Gänsegeier

Anfang Juli fand ein Landwirt in Schleswig-Holstein auf seinem Acker einen halb verhungerten Gänsegeier. Ein nahegelegener Wildpark päppelte ihn wieder auf. Damit der Rückweg zu seinen Artgenossen im Süden nicht so weit ist, startete der Vogel am Donnerstag von Mössingen aus in die Freiheit.

04.08.2016
  • Moritz Siebert

Mössingen.Es ist ein erhabener Moment. Die Käfigtür geht auf, der Gänsegeier macht ein paar vorsichtige Schritte und breitet seine mächtigen Schwingen aus. Nach vier kräftigen Schlägen hebt er ab und steigt in den Sommerhimmel über dem Farrenberg. „Hoffentlich Richtung Südwesten, dahin zurück, wo er herkommt“, sagt Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter des Mössinger Vogelschutzzentrums: „Dann soll er seinem Vagabundenleben wieder freien Lauf lassen.“ Nach einer Erkundungsrunde lässt sich der Gänsegeier auf einer großen Fichte nieder. Nach einigen Minuten hebt er wieder ab, kreist nochmal über dem Gelände und lässt sich von der Thermik in die Höhe tragen.

Hinter dem Vogel liegen schwere Wochen. Anfang Juli hatte ihn ein Landwirt in Schleswig-Holstein halb verhungert auf einem Acker gefunden. Als er seinen Fund im nahegelegenen Wildpark Eekholt meldete, glaubte man ihm erst nicht. Ein Geier?, fragte Tierpflegeleiter André Rose ungläubig. Das war in der Gegend noch nie vorgekommen. Rose fuhr raus. Der Vogel – tatsächlich ein Geier – ließ sich ohne Gegenwehr einfangen. So geschwächt war er.

„Ein Jugendlicher auf Wanderschaft“, beschreibt Schmidt-Rothmund den Gänsegeier, er schätzt ihn auf vier Jahre. Von wo aus er nach Norddeutschland geflogen war, bleibt unklar. Für solche Jungtiere sei es aber normal, dass sie Erkundungsflüge machen, erklärt Schmidt-Rothmund. Bei seinem letzten war dieser Vogel aber deutlich zu weit vom Kurs abgekommen. In Norddeutschland fand er keine Nahrung mehr, und die Hilfe kam im letzten Moment. Als Rose ihn aufgriff, wog er gerade noch 5,7 Kilogramm. Sein Gefieder war voll mit Parasiten. Nach einem Monat auf Station brachte er wieder 8 Kilogramm auf die Waage und war im Grunde fit für das Leben in Freiheit.

Aber wohin mit dem aufgepäppelten Tier? Rose kontaktierte verschiedene Einrichtungen. Das Mössinger Vogelschutzzentrum sagte sofort zu, dass es Sinn machen würde, den Vogel vom Fuß der Alb aus in die Freiheit zu entlassen. Mittwochabend fuhr Rose los, nach acht Stunden kam er in Mössingen an. „Der Geier hat die Fahrt gut überstanden“, berichtet der Tierpfleger. Natürlich sei ein solcher Transport sehr aufwendig. „Aber wenn das hier gut geht, dann bin ich zufrieden.“

Auf der Pflegestation in Schleswig-Holstein hatte der Geier keine Gelegenheit zu fliegen. Nur ein bisschen konnte er im Käfig seine Muskeln trainieren, erzählt Rose. Verlernt hat er es jedenfalls nicht: Immer weiter steigt er über dem Farrenberg in die Höhe und nimmt schließlich Kurs. Es geht Richtung Südwesten.

„Der Gänsegeier hat einen inneren Kompass“, erklärt Schmidt-Rothmund: „Dieser sagt ihm, wo er gefühlt ist und wo er gefühlt hinmuss.“ Auch für das Mössinger Vogelschutzzentrum sei es sehr spannend, zu beobachten, wohin der Gänsegeier sich bewegt. Damit die Experten das verfolgen können, hat ihn das Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell mit einem Sender ausgestattet. Die gesammelten Daten werden jeden Abend übermittelt, erklärt Wolfgang Fiedler vom Institut. Die regelmäßige Lokalisierung des Aufenthaltsorts ist auch sinnvoll, damit die Vogelschützer dem Tier bei Bedarf noch einmal helfen können, ergänzt Schmidt-Rothmund.

Ziel ist es, dass der Riesenvogel zunächst an der Alb entlang fliegt, wo er wegen der Steilhänge gute Flugbedingungen hat. Dann soll es etappenweise möglichst in Richtung Frankreich oder Spanien gehen. Zwar werden Gänsegeier immer wieder in Deutschland gesichtet, dass sie sich hier ansiedeln, sei aber nicht sinnvoll, sagt Schmidt-Rothmund. Als Aasfresser hätte er zwar kaum Futterkonkurrenz in der Gegend. Allerding auch fast kein Futter. „Der Sauberkeitswahn verhindert das“, so der Zentrumsleiter. Tierkadaver werden in Deutschland normalerweise sofort entsorgt. In anderen Ländern, Spanien etwa, sei es eine gängige Entsorgungstechnik, Kadaver auszulegen, damit Geier sie fressen können.

Immer weiter entfernt sich der Gänsegeier vom Farrenberg, bald schon ist er mit bloßem Auge nicht mehr zu sehen. Am Tag kann seine Art bis zu 400 Kilometer zurücklegen. Nicht mehr lange, dann könnte er auf Artgenossen stoßen. Dass er sie tatsächlich findet, da ist Schmidt-Rothmund zuversichtlich. Gänsegeier nehmen sich gegenseitig über eine Distanz von bis zu 30 Kilometern wahr. „Die finden zueinander.“

Verbreitung, Ernährung und Erscheinung

Der Gänsegeier gehört zur Familie der Altweltgeier. Verbreitet ist er auf der iberischen Halbinsel, in Nordafrika, auf Sardinien, in Südfrankreich und in weiten Teilen des Balkans, außerdem im Nahen und Mittleren Osten. Der größte Teil der in Europa lebenden Gänsegeier lebt in Spanien. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war der Gänsegeier auf der Schwäbischen Alb verbreitet. Grund für den Rückgang waren das Klima und der Mensch. In den vergangenen Jahrzehnten stieg der Bestand in Europa wieder an. Gänsegeier ernähren sich von Aas mittelgroßer und großer Säugetiere, in Europa sind das etwa Schafe, Ziegen, seltener Rehe, Füchse oder Hasen. Der Körper der Gänsegeier kann über einen Meter lang werden, die Spannweite kann bei ausgewachsenen Tieren bis zu 2,80 Meter betragen.

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04.08.2016, 20:00 Uhr
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04.08.2016

21:16 Uhr

Linse schrieb:

Freue mich mit euch!
Habe dieses Jahr unser Urlaub in Frankreich verbracht (in den Cevennen nur wegen den Geiern)
Binn Nabu Mitglied und erfreue mich über diese Aktion ;-)



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