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Patientenzahlen sind stark gestiegen

Modell für die Jugendpsychiatrie: Ambulante Intensivtherapie soll schnell helfen

Mit einer neuen ambulanten Intensivtherapie soll dem alarmierenden Anstieg junger Psychiatriepatienten begegnet werden.

10.10.2017
  • Ulla Steuernagel

Die Zahlen sind alarmierend: Immer mehr Kinder und Jugendliche werden wegen schwerer psychischer Probleme oder Störungen stationär behandelt. Allein unter den AOK-Versicherten, so teilt die gesetzliche Krankenkasse mit, ist die Zahl innerhalb von fünf Jahren um 19 Prozent gestiegen.

In Baden-Württemberg wurden im vergangenen Jahr 2500 Kinder und Jugendliche stationär in einer der Psychiatrien des Landes aufgenommen. Knapp die Hälfte blieben sechs Wochen und länger in der Klinik. In Tübingen wurden 2016 rund 140 junge AOK-Versicherte stationär versorgt.

Drei Viertel kommen als Notfälle

Noch alarmierender erscheint, wie viele der jungen Patienten akut gefährdet sind. 76 Prozent derjenigen, die in die Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie kommen, sind Notfälle. Damit ist der Anteil der Notfallversorgung in Tübingen weit höher als im Landesdurchschnitt, der bei 51 Prozent liegt.

Was steckt hinter diesen Zahlen?

Die Daten müssen erst noch ausgewertet werden, so sagt der Leiter der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie, Prof. Tobias Renner. Bislang könne man noch keine wissenschaftlich fundierten Aussagen dazu abgeben. Immerhin so viel kann er sagen: Die Mehrzahl der Notfallpatienten sind in jugendlichem Alter, also 14 Jahre und älter. Dennoch, so Renners Eindruck, steige der Anteil der Kinder ebenfalls. Erst vor kurzem wurde nachts ein siebenjähriges Kind mit der Polizei eingeliefert, und im vergangenen Herbst habe es „geradezu ein Welle von schwer depressiven Kindern“ gegeben.

Wer fällt in die Kategorie Notfallpatient?

Laut Renner ist die Notfallversorgung immer mit einer Eigen- oder Fremdgefährdung verbunden. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um akut suizidale Jugendliche. Fremdgefährdung komme seltener vor, und habe dann meist mit einem psychotischen Schub zu tun. Eben wenn in der Krisensituation auf eine scheinbare Bedrohungen mit Aggression reagiert wird. Manchmal geschehe dies auch unter Drogeneinfluss.

Mit persönlichem Betreuer

Trotz der bislang noch ungenügenden Datenauswertung – erste Einschätzungen kann Renner doch schon abgeben: „Viele Jugendliche stehen unter erhöhter Stressbelastung.“ Selbst wenn der Druck auf Heranwachsende nicht stärker geworden ist, gefühlt ist er das für manche. Die Schule als wichtiges Lebensumfeld spiele da eine Rolle, aber auch die Peergroup, also die jugendliche Bezugsgruppe, und das „Mobbing, sowohl auf dem Schulhof als auch in der digitalen Welt“.

Es sei selten ein Grund allein, der einen Jugendlichen in eine existenzielle Krise stürze: „Meist ist es das Aufeinandertreffen verschiedener Faktoren“, so der Psychiater.

Zum 1. Oktober hat die Tübinger Jugendpsychiatrie nun gemeinsam mit der AOK-Versicherung und der Landwirtschaftlichen Krankenkasse (SVLFG) ein neues und bisher bundesweit einmaliges Modell gestartet, das nicht nur eine Erleichterung für die stationäre Überlastung bringen kann, sondern vor allem den jungen Patienten die Rückkehrchancen in ihre soziale Lebenswelt verbessern soll.

Das Modell sieht eine kurze vollstationäre Behandlung vor, in der der Patient erst einmal stabilisiert wird. Danach soll er möglichst schnell teilstationär oder ambulant betreut werden. Die Patienten werden also in ihren Alltag entlassen, ohne dabei allein gelassen zu werden. Sie sollen dabei, so Renner, „mit der therapeutischen Dichte der Station“ begleitet werden.

Die Kinder und Jugendlichen können dann „tagesstrukturierende Angebote in der Klinik“ bekommen, aber sich auch in ihrem häuslichen, familiären Umfeld oder im Freundeskreis bewegen und sogar die eigene Schule weiterbesuchen. Unterstützt werden sie von einem persönlichen Betreuer oder „Case Manager“, das kann sowohl ein Mediziner als auch eine ausgebildete Pflegefachkraft sein. Damit ist ebenfalls eine Brücke zur Behandlung durch einen niedergelassenen Arzt gelegt. Der Kontakt zu dieser Bezugsperson soll nach der Entlassung nicht abrupt abbrechen. Das Modell verspricht eine größere Flexibilität und ein weniger hohes Rückfallrisiko – das ja immer besteht, wenn ein Patient aus der geschützten Klinik in die raue Praxis entlassen wird.

„Die Behandlungsintensität passen wir gezielt auf die Patientenbedürfnisse an“, verspricht Renner. Man könne bei wiederkehrenden Krisen dann auch viel schneller reagieren als bisher möglich war und damit auch weitere stationäre Einweisungen vermeiden helfen.

Auf acht Jahre angelegt

Einen Namen hat dieses Programm auch: Tibas (Therapeutische Intensivbehandlung im Ambulanten Setting). Es unterscheidet sich an Behandlungsintensität auch deutlich von dem Modell Tagesklinik. Dass die regelmäßigen Anfahrtszeiten zur Klinik für die jungen Patienten allzu strapaziös werden könnten, glaubt Renner nicht. Der Einzugsbereich der Klinik umfasst bis zu einstündige Anfahrten, damit kämen auch die Patienten der Tagesklinik zurecht.

Renner verspricht sich viel von Tibas: „Da entwickeln wir was völlig Neues, was es in dieser Form heute nicht gibt.“ Das Modell ist derzeit auf acht Jahre angelegt.

Mehr als voll ausgelastet

Die Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie steht unter einem „hohen Aufnahmedruck“ wie Tobias Renner sagt. Die Auslastung liege derzeit bei 105 bis 117 Prozent der Bettenkapazität. Auf den Gang müsste bisher zwar noch niemand ausgelagert, aber die Bettenzahl in den einzelnen Zimmern erhöht werden. „Wir beantragen jedes halbe Jahr neue Betten“, so Renner. Durch die vielen schweren Fälle seien auch die Liegezeiten der jungen Patienten oft lang.

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10.10.2017, 01:00 Uhr
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