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Demut im Paradies

Mitten im Weinberg ein Gläschen genießen oder zwei . . .

A n eine Fata Morgana glaubte Viktor Wunderlich aus Wunsiedel, als er mitten im Weinberg eine gastliche Hütte entdeckte. In einer der größten zusammenhängenden Rebflächen Württembergs hatte der Oberfranke eigentlich keine Verführung zur Frischlufteinkehr erwartet.

24.10.2015
  • HANS GEORG FRANK

Jetzt steht er hier mit Frau Sigrun und zwei befreundeten Paaren. Gemeinsam kommen sie vom Staunen gar nicht mehr los. "Das ist eine ganz wunderbare Gegend", bestätigt Peter Seifert. Überall Weinberge, eine Lage heißt ganz offiziell "Paradies", dazwischen der Breitenauer See, das größte Gewässer Nordwürttembergs, hinten die Löwensteiner Berge.

Die Urlauber aus Bayerns Nordosten haben ein Fleckchen entdeckt, das ihrer Ansicht nach locker mit der Toskana konkurrieren kann. Die drei Paare pausieren am Wengerthäusle, so heißt die Ausschankstation im regionalen Zungenschlag. Die genossenschaftlich organisierten Winzer des Weinsberger Tals haben die Parzelle gekauft. Dank einer Ausnahmegenehmigung darf von April bis Oktober einer jener Wagen geparkt werden, wie er sonst bei Festen zu finden ist. Immer sonntags von 11 bis 18 Uhr erquicken sich Weinliebhaber an einem Zehntele, gern und meist auch mehr. Oft kann der angepeilte Aufbruch nicht eingehalten werden.

"Das ist sofort gut angelaufen", erzählt Regina Hirschmann. Sie ist von Anfang an dabei, versteht das Wengerthäusle als "mein Baby". Sie entkorkt die Flaschen für Spaziergänger aus der Umgebung, für Urlauber vom Campingplatz am See, für Ausflügler aus Ludwigsburg und Stuttgart. "Viele kommen regelmäßig zu einem Gläschen mit Freunden." Sie alle genießen nicht nur den Wein, vorzugsweise Weißburgunder und den perligen Trollinger Rosé secco, "sondern auch den tollen Ausblick auf den See - alle sind begeistert von der Landschaft".

Derlei idyllische Stärkungseinheiten, die Weintrinker mitten in den Reben regelmäßig und zuverlässig ansteuern können, gibt es erst seit Kurzem. Im Raum Heilbronn ist eine gewisse Vermehrung festzustellen, während im sonst so genussorientierten badischen Landesteil solche ausdauernden Open-Air-Schankstätten noch rar sind.

Einen besseren Ort für Versucherle kann es kaum geben, wissen Erzeuger und Gäste gleichermaßen. Die Qualität des Weins entscheidet sich ja nicht im Keller, die Weichen für den exquisiten Jahrgang werden hier draußen gestellt. Wer mehrfach kommt, kann die Entwicklung des Rebstocks verfolgen, sieht erst die Blätter grünen, dann die zarten Knospen blühen, schließlich die Beeren reifen. Jeden Sonntag ein anderer Eindruck. Im Herbst schließlich diese gespannte, hoffnungsfrohe Erwartung auf eine gute Ernte. Das Rebenlaub legt sich eine Farbenpracht zu, als wolle es den "Indian Summer" in den Schatten stellen.

Dieser Wechsel in Gottes Werkstatt, wie nicht nur fromme Winzer sagen, verhilft zu bewussterem Konsum. Wein ist eben kein Getränk gegen den Durst und für den Rausch, er ist eine himmlische Labsal, wird an den Tischen zwischen zwei Schlückchen philosophiert. Es ist ein Genuss in Demut, der sich mitten in den Weinbergen abspielt.

Wer als Wanderer stoppt, kann jeden Zeitplan vergessen. Auch Gestresste schalten in den Verweilmodus, bleiben länger als geplant. Selbst Wortkarge kommen mit Wildfremden ins Gespräch. Am besten knüpfen sich neue Kontakte mit dem unwidersprochenen Lob auf die Landschaft. Sie lassen sich mit Komplimenten für den Wein noch etwas festigen. Und beim dritten Gläschen folgt die Verabredung für einen der nächsten Sonntage.

Solche Stammkundschaft ist auch am Leberbrunnensee in Flein und am Wildenberg über Grantschen anzutreffen. Die frohe Kunde vom naturnahen Probieren spricht sich rum. Oft gibt es Tipps für weitere Plätze der Kategorie "einfach schön". Es sind Wertschätzer, die hier zum Glas greifen, keine Hochleistungszecher. In Dürrenzimmern, einen Stadtteil von Brackenheim, wollten sich die Ausschenker nicht mit einem Provisorium begnügen, haben sie doch eine ganzjährige Versorgung der Besucher im Sinn. Also wurde ein Verein namens "Kultur und Wein" gegründet. Die 168 Mitglieder stellten eine ordentliche Hütte auf und dank Bebauungsplan einen Toilettentrakt dazu. Jetzt ist ganzjährig geöffnet. Wird es kalt, gibt es eben Glühwein.

"Es haben sich schon viele Freundschaften gefunden bis hin zur drohenden Eheschließung", sagt der Vorsitzende Walter Schneider. Philip Nussbaumer - ein Effekt-Spezialist aus Hollywood, der zum Beispiel am oscargekürten Film "Hugo Cabret" mitgewirkt hat - feierte hier die Hochzeit mit seiner Elisabeth. Die hundert Gäste genossen den Wein, dessen Trauben wenige Meter entfernt gelesen worden waren. Alles in echt, nichts aus dem Trickfilmstudio.

Info Einen Überblick über die Ausschankstätten gibt es unter http://www.wein-süden.de/Weingenuss.

Mitten im Weinberg ein Gläschen genießen oder zwei . . .

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24.10.2015, 12:00 Uhr
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