Nach gut drei Stunden macht ein Ritter Pause

Mittelaltermarkt zog an drei Tagen hunderte Interessierte an

Drei Tage Mittelaltermarkt auf dem Thiepval-Gelände vor dem Tübinger Finanzamt: Bei der dritten Auflage der Veranstaltung gab es jede Menge zu sehen, zu kosten und zu riechen. Die Publikumszahlen scheinen jedoch noch ausbaubar.

19.04.2015

Von Michael Sturm

Kein Schädel wie der andere – eine ausgefallenere Form von Schmuck.

Tübingen. An den meisten Tagen des Jahres ruht die Ritterrüstung im Wohnzimmer von Katrin und Thomas Gehring auf einem Ständer. Am Samstag hatte sie Ausgang: Thomas Gehring, Banker von Beruf, trägt sie auf dem dritten Tübinger Mittelaltermarkt auf dem Thiepval-Gelände vor dem Finanzamt. So eine Rüstung zu besitzen sei sein Kindheitstraum gewesen, sagt der Spaichinger. Vor fünf Jahren machte er seinen Traum auf einem Mittelaltermarkt in Dresden, der Heimatstadt seiner Frau wahr: „Ich habe sie mir anpassen lassen – bei 30 Grad im Schatten – und dann gekauft.“ Danach überraschten sie die Eltern seiner Frau. „Ihn in voller Montur ins Auto zu bekommen war ein Akt. Ich habe ihn wie einen Maikäfer auf dem Rücken in den Kofferraum gepackt“, erzählt Katrin Gehring.

Ohne Untergewand, das Kettenhemd und die Waffen wiegt die aus 24 Teilen bestehende Rüstung 45 Kilogramm. Die Gehrings brauchen mindestens eine halbe Stunde, bis er drin steckt. „Nach zwei, drei Stunden ist es eine Wohltat, sich hinzusetzen“, sagt Thomas Gehring. Einmal testete er, ob er sich aus liegender Position wieder in die Senkrechte bringen kann: „Wenn ich das Schwert als Krückstock benutze, komme ich wieder hoch.“ Unter dem Helm versteht er nicht alles, was man zu ihm sagt. Dafür schränke der schmale Sehschlitz seine Sicht kaum ein, behauptet Gehring und stapft los. Er übersieht dabei den kleinen Jungen, der etwa einen Meter von ihm entfernt mit großen Augen zu ihm aufblickt. Der Junge rettet sich mit einem schnellen Schritt zur Seite.

Beim Anblick der Rüstung staunt auch Christian Burkhäuser. Dabei ist er es doch, der normalerweise solche Blicke auf sich zieht, denn der Tübinger Punk trägt einen beachtlichen Iro auf dem Kopf. Er sagt, er mag den optischen Eindruck dieses Marktes, den besonderen Lebensstil der Leute, die sich dem Mittelalter verschrieben haben. „Auch das Essen, weil es über das Übliche hinausgeht. Zum Beispiel Wildschwein mit Kartoffeln.“

Daniela Lesch bietet Kräuterfladen, Rosinenbrötchen und Käse-Kümmel-Stangen an. Die Kräuterfladen sind ziemlich lecker: Wasser, Mehl, Hefe, Kräuter, Gewürze und Knoblauch sind drin. Seit 18 Jahren sei sie Teil der Szene, berichtet die Leipzigerin. Bäckerin war sie jedoch nicht von Anfang an: „Ich bin über eine Anzeige reingerutscht. Da suchte jemand eine Aushilfe.“

Zu essen gibt es genug: Langos, Baumstriezel und andere süße Sachen ebenso wie Habhaftes: Wildschweinbraten oder Hühner. Die hängen an Ketten über Feuerschalen und garen vor sich hin, während die Standbetreiberin durch einen hohlen Stock ins Feuer bläst, um die Glut stetig auf etwa gleicher Temperatur zu halten. So stellt man sich die Zubereitung eines echt mittelalterlichen Festmahls vor.

Neben Speis und Trank sind viele Stände mit Kleidung im Mittelalter-Look vertreten. Hütchen, Kleider, Mäntel gibt es am Stand von Johanna und Reinhold Krause. Aber auch von einer Freundin gefertigte Jungfernkrönchen, sowie Kapitänsjacken, die bei den Männern beliebt seien, Wappenröcke oder Kriegsmönchroben. Einiges davon seien Museumsreplikate, so Johanna Krause. Und wenn sich die Mamas und Papas mittelalterlich einkleiden, soll der Nachwuchs nicht nachstehen: „Wir sind eine Kinder-Rüstkammer“, sagt Johanna Krause. Schwerter, Hellebarden, Helme, rüstungsdurchbrechende Morgensterne, zweischneidige Drachentöter – was ein Nachwuchsritter eben so braucht. „Alles aus handgeschmiedetem Plastik“, sagt sie und lacht.

Ein Mittelaltermarkt wäre nicht vollständig, gäbe es keine Teilnehmer, die alte Handwerkskünste zeigten. Daniel Schwarz demonstriert die Tätigkeit des Steinmetzes. Woanders zeigt Markus Kranz, der in einem Mönchskostüm steckt, wie man Seile flicht. Er hat Glück: „Das könnte ich bei Regen nicht zeigen.“

Die Tübingerin Pamela De Fino begann vor drei Jahren mit Stickereien. Ihr bevorzugtes Material als Grundlage für Mäntel und andere Textilien sei künstliches Wildleder: „Das ist toll – es knittert nicht.“ Besonders gut, sagt sie, gehen große Schals aus drei bis vier Metern Stoff mit Karabinerhaken, die man mit verschiedenen Wickeltechniken umlegen können: „Da kann man sogar ein Jäckchen draus machen.“ Bei ihr gibt es auch Gamaschen, bestickte Tiermasken und Stickereien als Bügelbilder. Mit ihrer im hinteren Teil des Zelts verborgenen Stickmaschine kann sie schnell auf Publikumswünsche reagieren.

Die Reaktionen der Markt-Besucher fällt ganz unterschiedlich aus. Die einen lassen sich mehr auf Kostümierung und Sprache der Szene ein, andere weniger. Carina Baumgart aus Holzgerlingen etwa. Sie ist zum ersten Mal auf einem Mittelaltermarkt. „Amüsant“ sei es schon, aber nun reiche es wieder.

Mit Tempus aus Tschechien engagierte Organisator Uli Helmel eine der gefragtesten Bands der Szene, denn sie spielen auch Coverversionen bekannter Hits, die zum Flair der Veranstaltung passen, etwa „Scarborough Fair“ von Simon and Garfunkel. Die Band wurde von Freunden aus der Heimat begleitet, die vor der Bühne eine tolle Feuershow boten.

Eine knapp zehnköpfige Gruppe Zweitsemester hört zu. Einer von ihnen, Tim Wedemeyer, war mal vier, fünf Jahre als Wikinger unterwegs. Er habe vor allem das Leben im Lager geschätzt: „Anspruchsvolles Campen“, sagt der gebürtige Lüneburger. Daher nimmt er den Markt kritischer unter die Lupe als seine Begleiter. Die Auswahl der Stände könne besser sein, da sei viel Ramsch dabei. Samuraischwerter, sagt er, gehen gar nicht. Er weiß jedoch auch: „Handwerklich hergestellte Produkte sind schöner, aber auch schwieriger an den Mann zu bringen.“

Die Arbeit der Falkner gehörte zu den klassischen Formen des Handwerk sim Mittelalter. Im Vordergrund ein kleiner Mäusebussard.

Hier einmal ohne Feuer: Eine tschechische Gauklerin aus der Entourage der Band Tempus. Bilder: Metz

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Erstellt:
19. April 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. April 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. April 2015, 12:00 Uhr

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