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Traummann aus dem Netz

Mit falschen Identitäten gaukeln Betrüger Singles eine Liebesbeziehung vor

Traummann - oder Betrüger? Im Netz gibt es immer wieder perfekt inszenierte Täuschungen. Einige wollen kein Geld, sondern Zuneigung. Für die Betrogenen wird die virtuelle Beziehung oft zum Alptraum.

24.10.2015
  • ANTONIA LANGE, DPA

Am Anfang war Kai der perfekte Mann. Er war klug, aufmerksam, sah gut aus und schickte Geschenke. Die Internet-Liebe von Victoria Schwartz schien zu schön, um wahr zu sein. So war es auch: Denn hinter Kai steckte eine Frau. Schwartz war auf eine perfekt inszenierte Täuschung reingefallen.

Die Hamburgerin selbst verwendet dafür den Begriff Realfake. Sie machte den Fall öffentlich und schrieb ein Buch "Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde". Darin wird deutlich: Digitale Fantasiefiguren sind oft so geschickt gemacht, dass sogar Internetprofis lange keinen Verdacht schöpfen.

Und: Bei diesem Typ Fälschung geht es nicht um Geld, anders als etwa bei jüngsten Vorwürfen gegen einige Dating-Plattformen, Profile angeblicher Frauen erstellt zu haben, um Nutzer zu bezahlpflichtigen Kontakten zu bewegen. "Ein Realfake will Gefühle wecken, echte Emotionen hervorrufen und genießt die positive Zuwendung und Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird", erklärt Autorin Schwartz. Geld oder Nacktfotos verlangte die Person hinter Kai nie - stattdessen bekam Schwartz teure Geschenke, per Post.

Einen ersten Verdacht hatte die Hamburgerin, als sie Kai in seiner angeblichen Heimatstadt besuchen wollte - und den Namen nicht auf der Klingel fand. Einen Beweis, dass ihr Geliebter sich nicht wie behauptet in Deutschland aufhielt, lieferte ein Foto, das er ihr schickte: Darauf waren im Hintergrund amerikanische Steckdosen zu sehen.

Das ganze Ausmaß des Betruges erfuhr Schwartz erst später: Die Fotos des attraktiven Surfers waren tatsächlich die eines Amerikaners - allerdings gestohlen. Auch der angeblich beste Freund von Kai oder seine Geschwister - hinter all den Profilen steckte eine einzige Person: eine Psychologin aus den USA. Sie fühlte sich, so erzählte sie es zumindest einem "Neon"-Journalisten, zu Frauen hingezogen. Die homophoben Südstaaten zwangen sie demnach aber, ihre Neigung auf diesem Wege auszuleben.

"Ich würde nicht sagen, dass das aus purer Boshaftigkeit passiert", sagt Andreas Schmitz von der Uni Bonn zu dem Phänomen. Der Soziologe hat das Ausmaß von Täuschungen auf Singlebörsen analysiert. Hintergrund sei wie im beschriebenen Fall häufig "das Auseinanderdriften von Wunsch und Möglichkeit". Unter Umständen lebten Internet-Betrüger über falsche Identitäten verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit aus. Eine Rolle könne aber auch die Macht spielen, die sie über ihre Opfer hätten. In einigen Fällen, so erzählt Schwartz, hätten Opfer den Betrug trotz Hinweisen jahrelang mitgemacht. Soziologe Schmitz erklärt das so: "Wenn Sie an einem Auto zehn Jahre rumgeschraubt haben, wollen Sie es auch nicht weggegeben." Ähnlich beschreibt das die 21-jährige Jenny Bachmann (Name geändert) aus Thüringen. Sie hatte jahrelang Kontakt mit einem Fake. "Ich hatte mich ihm mehr geöffnet als anderen Menschen in der Realität", sagt sie. "Der ganze Schmerz wäre umsonst gewesen, der einem zugefügt wurde." Schmerz deswegen: Die Betrüger enttäuschen ihre Opfer - denn zu einem Treffen in der realen Welt kommt es ja nie.

Bachmann verglich irgendwann IP-Adressen, forschte nach. Inzwischen ist sie nahezu sicher: Hinter dem Männer-Profil steckt eine junge Frau. "Zwar ist die vorgetäuschte Existenz einer Person ein uraltes Phänomen", schreibt Internet-Visionär Sascha Lobo im Vorwort zu Schwartz Buch. "Aber das Netz und speziell die sozialen Medien haben es sehr einfach gemacht, Fantasiefiguren zu erschaffen." Zugleich sei es Normalität geworden, sich online zu verlieben.

"Der Liebeskummer, der dadurch entsteht, ist natürlich echt", so Autorin Schwartz. "Das Problem ist, dass man in vielen Fällen nicht abschließend klären kann, dass die Person nicht echt ist." Einen endgültigen Beweis für die Täuschung hat auch die junge Frau aus Thüringen nicht. Auch deswegen, so sagt sie, fällt es ihr schwer, loszulassen.

Mit falschen Identitäten gaukeln Betrüger Singles eine Liebesbeziehung vor
Eine Flut von Karten - und dazu noch jede Menge Geschenke: Vicotria Schwartz wurde von ihrem vermeintlichen Freund mit Aufmerksamkeiten überschüttet. Als sie ihn zum ersten Mal besuchen wollte, schöpfte sie Verdacht. Foto:dpa

Mit falschen Identitäten gaukeln Betrüger Singles eine Liebesbeziehung vor
Erfahrungen im Buch verarbeitet. Victoria Schwartz fiel auf eine Frau herein, die sich alsMann ausgab. Foto: dpa

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24.10.2015, 12:00 Uhr
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