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Coaching

Mit der Siegerpose gegen Flugangst kämpfen

Pilot Suk-Jae Kim unterstützt Menschen, die beim Schritt in das Flugzeug Schweißausbrüche bekommen. Seine Taktik: ihre Denkmuster verändern.

02.05.2019

Von MELISSA SEITZ

Suk-Jae Kim fliegt für eine deutsche Airline. Zurzeit investiert er viel Zeit in seine freiberuflichen Coachings. Foto: Ferdinando Iannone

Es gibt zwei Arten von Menschen: Die einen können es kaum erwarten, dass das Flugzeug endlich startet, es in die Luft abhebt und sie den Ausblick genießen können. Und dann gibt es diejenigen, die bereits an der Kofferabgabe zitterige Hände bekommen, der Schweiß nur so von ihrer Stirn tropft und beim Check-In würden sie am liebsten umdrehen und zu Fuß zum Reiseziel gehen. Mit solchen Flugangst-Patienten hat Suk-Jae Kim regelmäßig zu tun. Wenn er nicht gerade als Pilot in einem Langstreckenflug sitzt, dann hilft er Menschen, für die Fliegen der reinste Horror ist.

Für den geborenen Ludwigsburger gibt es nichts Schöneres als das Fliegen. „Als ich sechs Jahre alt war, bin ich das erste Mal mit meinen Eltern nach Korea gereist“, erzählt er. Mit 16 Jahren erneut: „Ich wollte unbedingt mal ins Cockpit schauen, durfte ich aber nicht. Dann habe ich mir gesagt: Gut, dann werde ich halt selbst Pilot“, erzählt er. Mit 22 Jahren hatte er dann seine Ausbildung beendet. „Du bist zwar Pilot und hast eine Art Führerschein, musst dann aber erst eine Airline finden, nochmal Prüfungen absolvieren und dann kannst du als Pilot fliegen“, erzählt der 40-Jährige. Seit 14 Jahren sitzt er bereits als Co-Pilot in Passagiermaschinen. Inzwischen ist er bei einer deutschen Airline auf Langstrecken unterwegs.

Seine Karriere als Flugangst-Coach startete vor acht Jahren in dem Messaging-Dienst „Snapchat“. „Immer wieder haben mir Nutzer Fragen zu meinem Beruf gestellt, jeden Tag habe ich eine beantwortet“, sagt er. Da auf „Snapchat“ die Videos nach 24 Stunden gelöscht werden und sich dadurch viele Fragen wiederholt hatten, hat sich der Pilot ein neues Medium herausgesucht: Podcasts. Auch eine Facebook-Gruppe und eine Website hat er erstellt. Immer wieder erreichen ihn Fragen wie: Welche Airline ist sicher? Was passiert, wenn ein Triebwerk ausfällt? Wie funktioniert die Flugzeugsteuerung? Als „Cockpitbuddy“, so nennt sich Suk-Jae Kim, hat er sich ein Ziel gesetzt: Menschen von ihrer Flugangst befreien.

„Filme und Medien regen die Fantasie an“, erzählt der 40-Jährige. Flugangst-Patienten malen sich dadurch die wildesten Szenerien aus. In seinen Podcasts widmet er sich in regelmäßigen Abständen einem Themenbereich. „Ich erkläre zum Beispiel, was passiert, wenn ein Triebwerk ausfällt, denn dann gibt es noch ein Ersatztriebwerk. Man kann auch mit einem fliegen und selbst wenn beide nicht mehr funktionieren, kann das Flugzeug immer noch gleiten“, erklärt Suk-Jae Kim. In der Pilotenausbildung lerne man so etwas. Es gebe immer einen Plan B und C.

Auch wenn der Ludwigsburger, der inzwischen in Stuttgart wohnt, auf seinen Social-Media-Accounts Einblicke in das Flugzeug, die Technik und seinen Beruf gibt: „Dieses Wissen allein reicht nicht, um Menschen von ihrer Flugangst zu befreien. Man muss ihr Mindset ändern.“ Also ihr Denkverhalten neu programmieren und Fliegen mit Freude verknüpfen. In seinem sechswöchigen Coaching erhalten seine „Patienten“ mehrere Videos. Sie lernen durch verschiedene Übungen mit ihrer Flugangst umzugehen. Darunter seien Aufgabe wie meditieren oder die Siegerpose üben. „Wenn jemand die Arme in die Höhe schmeißt, setzt das Glückshormone frei“, sagt der „Cockpitbuddy“. Seine Aufgabe erfüllt ihn: „Anderen helfen zu können, das ist mein Kerosin.“

Abschlussflug als Prüfung

Wer das Coaching hinter sich bringt, sitzt künftig ohne Angst im Flugzeug – das verspricht Suk-Jae Kim. „Natürlich muss man die Übungen auch wirklich durchziehen.“ Erst vor kurzem hat er erlebt, wie ein Mann wieder völlig entspannt verreisen konnte. „Nach dem Coaching mache ich mit meinen Kunden immer einen Abschlussflug“, erzählt er. Vor der Therapie musste der Mann eine Reise abbrechen. Seine Frau und die Kinder stiegen alleine in den Flieger. „Für ihn war das ein schmerzliches Erlebnis. Doch es hat ihn dazu angeregt, etwas zu verändert.“ Nach dem Coaching könne er endlich wieder mit seiner Familie verreisen.

Die Angst ist weg. Welches Reiseziel sollte man als neuer Flug-Fan als nächstes ansteuern? „Ich liebe die Strecke von Frankfurt nach Vancouver. Man fliegt über Grönland und Kanada. Wenn man Glück hat, sieht man sogar die Polarlichter“, erzählt der „Cockpitbuddy“ mit strahlenden Augen.

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Erstellt:
2. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Mai 2019, 06:00 Uhr

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