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Ballett

Mit dem Rückblick in die Zukunft

Volle Pulle für Reid Anderson: Stuttgart verabschiedet den Intendanten mit einer Mordsgala.

24.07.2018
  • WILHELM TRIEBOLD

Stuttgart. Unter fünfeinhalb Stunden machen sie‘s nicht. Eine Gala „volle Pulle für Reid“ kündigte der Nachfolger auf der Opernhaus-Bühne an. Was Tamas Detrich mit einer solchen „Retrospektive XXL“ meinte, zeigte sich anschließend: Tanz pur in allen Formen, Facetten und Dimensionen, zurückblickend auf mehr als zwei erfolgreiche Jahrzehnte. Wobei zweierlei dominierte: das Zwiegespräch des Pas de deux und die Zugkraft der zahlreichen Handlungsballette.

Es begann mit der Zukunft. Sie besteht aus den Jahrgängen der Cranko-Schule, die zum Entrée den Weg zum gehobenen Tanz-Vokabular wiesen – und zwar programmatisch, vorm aufscheinenden Neubau der Ausbildungsstätte im Hintergrund.

Reid Anderson hat zwei Wochen „Hausverbot“ hinter sich, um die Überraschung auszukosten, die ihm seine Company zum Abschied bereiten wollte. Lobredner Winfried Kretschmann hub gleich mal zum „Grand Allegro“ an, indem er den Ballettchef die selten verliehene Staufermedaille in Gold überreichte und zuvor beeindruckt bekundete, wie dem smarten Kanadier gelegentlich „Der Widerspenstigen Zähmung“ in der Kulturpolitik geglückt sei. OB Fritz Kuhn versuchte es mit Hegel und mit Augustinus: „O Mensch, lerne tanzen,/sonst wissen die Engel/ im Himmel mit dir/ nichts anzufangen!“

Auf den Leib geschrieben

Andersons Vorgängerin Marcia Haydée erinnerte vergnügt daran, dass er sie anschließend immer wieder besetzte: „Das hat mir eine zweite Karriere gegeben – mit 70 Jahren!“ Auch den ehemaligen Tanzpartner Anderson rühmte sie besonders.

Tatsächlich brachte das mit 22 Nummern äußerst üppige Programm für jeden etwas, aber eben auch den Hinweis auf Partien, die dem Tänzer Anderson eigens auf den Leib geschrieben wurden. Etwa in John Neumeiers „Kameliendame“ oder in Kenneth MacMillans „Requiem“. Das wird heute von einer anderen Generation getanzt, mit ähnlicher Hingabe und Passion, aber auch mit ungleich ausgefeilteren technischen Mitteln.

Draußen im Park trotzten nicht wenige Ballettfans während der Übertragung den widrigen Bedingungen, legten sogar ein triefnasses Tänzchen hin, das wiederum ins Opernhaus zurückgebeamt wurde.

Tanzen hat doch etwas himmlisch Verbindendes. Zum Finale reckten alle im Saal einen Zettel in die Luft, mit Herzchen drauf und dem gleichfalls von Herzen kommenden Abschiedsgruß: „Danke, Reid!“ Und der legte noch gerührt ein Abschiedstänzchen hin. Wilhelm Triebold

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24.07.2018, 06:00 Uhr
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