Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Nah dran

Mit dem Trend als Turbo

E-Bikes Leicht wie die neuen Generationen von elektrisch verstärkten Fahrrädern ist auch die Firma Bosch eBike Systems. Das traditionsreiche Weltunternehmen Bosch hat 2009 in Kusterdingen ein smartes Start-up gegründet und ist damit bereits an die Spitze des europäischen E-Bike-Marktes geradelt. Möglich war dies durch das Tandem Technik und Trend.

09.10.2015
  • TEXT: Gernot Stegert | FOTOS: Ulrich Metz

Alles riecht noch neu. Und sieht stylisch aus. Weiß lackierte Möbel und Wandverkleidungen, ein offener Küchenbereich mit Sitzhockern im Eingangsbereich und überall herumstehende, nein, wohlplatzierte Räder: Die Büroflächen von Bosch eBike Systems im Technologiepark Tübingen-Reutlingen (TTR) signalisieren dem Besucher sofort: Hier herrscht Gründergeist. Seit 2010 befindet sich die Bosch-Tochter im Umfeld anderer Start-ups. Ganz neu ist ein Ausstellungsraum, „Showroom“ auf Neudeutsch. WIRTSCHAFT IM PROFIL ist erster Besucher.

Vier unterschiedliche E-Bike-Typen stehen im Vorzeigeraum: ein Allzweckrad, ein Stadtrad im Retrolook, ein Mountainbike und ein Lastenrad. Sie sind speziell zusammengeschraubt und neutral gehalten. Kein Hersteller soll durch Typ oder Markenname erkennbar sein. Schließlich beliefert Bosch eBike Systems über 60 Fahrradmarken, da darf keiner bevorzugt werden.

Auf Bildschirmen laufen Videos, auf denen Menschen fröhlich und entspannt durch grüne Landschaften und moderne Städte radeln, und Bosch-Vorstandsvorsitzender Volkmar Denner erklärt, warum E-Bikes für das Weltunternehmen wichtig sind. Auf Wandregalen stehen Pokale, von Bosch-Mitarbeitern bei E-Bike-Rennen errungen. Gezeigt wird nicht zuletzt das Produkt: eine Einheit aus Antrieb, Akku mit Ladegerät und Bordcomputer fürs Lenkrad. In den verschiedenen Ausführungen.

Claus Fleischer tritt mit Sportjacke über dem weißen Hemd und ohne Krawatte ein. Dem E-Bikes-Produktleiter bei Bosch ist beim neuen Showroom vor allem wichtig, „dass wir hier eine Erlebniswelt geschaffen haben“. Das ist kein übliches Marketingsprech. Denn Bosch lädt in den Raum Hersteller und Händler ein. Und die ticken anders als Mitarbeiter etwa in der Autobranche, wie Fleischer aus langer Berufserfahrung weiß. Oft seien sie früher Radrennen gefahren, das Sportliche gehöre zum Charakter der Branche, ja der Szene. „Ein Anzug würde da nicht passen“, weiß der 48-Jährige, betont jedoch: Die lockere Kleidung dürfe nicht mit mangelnder Professionalität verwechselt werden.

Ähnliches gelte auch für die Endkunden, die Käufer von Rädern. „Das Fahrrad ist ein Lifestyleprodukt und Ausdruck der persönlichen Lebensgestaltung, mit dem man sich darstellen und abgrenzen kann“, fasst Fleischer seine Erfahrungen mit dem Markt zusammen, der „sehr stark der Mode und dem Technikwandel“ unterliege.

Die Branche ist sehr flexibel, neue Trends auch umzusetzen. Dem müssen sich Anbieter anpassen, auch Bosch, und „manches zurücklassen, was man aus der Autoindustrie kennt“. Deshalb hat Bosch ein Start-up gegründet. Dieser Schritt war „unbedingt“ nötig, ist Fleischer überzeugt. Die eigene Dynamik müsse derjenigen der Branche entsprechen. Die Firma soll also selbst leicht und wendig sein wie ein Rad.

Bosch eBike Systems ist schnell in die Gänge gekommen. 2009 erst gegründet, ist die Firma nach eigenen Angaben heute in Europa führender Hersteller von Komponenten für E-Bikes. 2010 wurde die erste Antriebseinheit auf der Eurobike-Messe präsentiert. 2014 wurden Niederlassungen in Amerika und Asien für die dortigen Märkte gegründet. Gefertigt wird seit 2012 in Ungarn. Zahlen zu Mitarbeitern, Umsätzen und anderem veröffentlicht Bosch grundsätzlich nicht, das gilt auch für die Töchter. Doch die Laune im TTR ist spürbar gut. Die Mitarbeiter haben offenbar gut pedaliert, unterstützt von Leittrends der Gesellschaft und der Branche.

Die Entwicklung prägten nach Fleischers Beobachtung die Elektrifizierung der Fahrräder und die Steigerung der Reichweite. Die Batteriegrößen seien in den vergangenen Jahren von 250 bis 300 auf 400 bis 500 Wattstunden angewachsen. Boschs Erfahrung: Die Radfahrer wollen nicht liegen bleiben und selten nachladen und sind bereit, dafür auch Geld auszugeben.

Und wohin geht die Fahrt? Auch für die Zukunft sieht Fleischer vor allem zwei Trends, die er Automatisierung und Design-Integration nennt. „Jetzt haben wir Sensorik, Elektronik und Batteriespeicher an Bord. Damit kann man weitere Funktionen am Fahrrad elektrifizieren.“ Er nennt Fahrwerksregelung, Licht und Automatikschaltung und erklärt: „Wir geben den Schaltungsherstellern den Zugang zu unserer Batterie. Damit brauchen sie keine eigene mehr. Und wir tauschen Signale über Geschwindigkeit und Schaltung aus. Dieser Trend geht weiter.“

Design-Integration heiße, „die großen Komponenten Antrieb und Batterie noch harmonischer in den Rahmen zu integrieren“. Das sei Aufgabe der Hersteller, doch müsse Bosch als Zulieferer seine Einheiten eben auch entsprechend anpassen, damit diese unauffälliger seien und das ganze Rad stylischer werde.

Gesellschaftliche Trends befördern die E-Bike-Entwicklung, aber auch umgekehrt. Die technischen Voraussetzungen ermöglichen die massenhafte Verbreitung. „Das Fahrrad erobert gerade wieder die Städte“, freut sich Fleischer und wird grundsätzlich: „Das Fahrrad ist der Einstieg in die Mobilität und das Elektrofahrrad der Einstieg in die Elektrifizierung.“ Das Zweirad erfahre durch die Urbanisierung, durch Verkehrsinfarkte und Parkplatzmangel eine Renaissance – stark in der elektrifizierten Form. Das Pedelec passe darüber hinaus zum Lebensstil vieler: „Ich behalte den Charakter des Radfahrens bei und muss selbst treten, habe die Unabhängigkeit und Flexibilität, komme aber auf den Berg und schneller ans Ziel.“ Daher werde es noch mehr Raum in den Städten einnehmen als bisher.

Aber ist der Preis nicht eine Bremse? Fleischer erlebt, dass das Geld nicht die entscheidende Rolle spielt. Kunden wollen seiner Einschätzung nach vor allem mehr Reichweite und sind bereit, dafür auch mehr zu bezahlen. Eine Batterie mit 300 Wattstunden sei heute zwar günstiger als vor fünf Jahren, doch sie werde kaum noch nachgefragt. Obwohl sie für die meisten Radfahrer reichen würde.

Den Ausschlag gäben stattdessen „die Begeisterungsfaktoren“, wie der Bosch-Experte sie nennt. Im Fokus stehen beim Hybridverkehrsmittel E-Bike insbesondere die Reichweite und die Stärke der Fahrunterstützung für den „Biomotor“. „Auch hier erwarten die Kunden immer mehr Leistung“ – und bezahlen dafür. Kurz: Ein E-Bike für deutlich weniger Geld ist möglich, wird aber kaum nachgefragt. Ähnlich wie bei einem Dreiliter-Kleinwagen in der Autobranche, sagt Fleischer. Auch da werden bekanntlich die großen Fahrzeuge mit viel Ausstattung gekauft. „Emotionale Faktoren treiben den Markt derzeit mehr als das Preisbewusstsein.“

Zur besseren Ausstattung gehören längst Bordcomputer. Das neueste Modell Nyon hat ein Navi integriert, zeigt auf dem großen Display am Lenkrad unter anderem die Karte an, die Geschwindigkeit und die Restkilometer des Akkus. In Verbindung mit einem Brustgurt lassen sich die Herzfrequenzen darstellen. Bei einer Probefahrt vom TTR nach Jettenburg spürt der Tester von WIRTSCHAFT IM PROFIL, wie leicht die Boschtechnik läuft und wie kraftvoll sie abgeht. Ganz außerhalb von Show und Room.

Mit dem Trend als Turbo
Dieses Mountainbike im Showroom von Bosch eBike Systems in Kusterdingen zeigt besonders augenfällig, was elektrisch angetriebene Räder heute sind: Lifestyle- produkte auf hohem technischen Niveau.

Mit dem Trend als Turbo

E-Bike: der Ausdruck wird mal als Oberbegriff für alle Zweiräder mit Elektroantrieb (auch Scooter) benutzt, überwiegend als Synonym für Pedelec (Pedal Electric Cycle).
Pedelec: Es unterstützt den Fahrer, wenn er tritt, so stark, wie er tritt. Ein Pedelec gilt verkehrsrechtlich als Fahrrad.
S-Pedelec: Es ist ein Pedelec, das mehr als 25 km/h fährt. Es gilt verkehrsrechtlich als Kleinkraftrad und darf nicht auf Fahrradwegen fahren. Es besteht eine Pflicht zu Kennzeichen, Haftpflichtversicherung und Führerschein.
Scooter: Ein Elektromotorrad oder -scooter hat keine Pedale, sondern einen E-Motor, den man aufdrehen kann.
Nachgefragt werden die Fahrzeugtypen sehr unterschiedlich. In Europa laufen vor allem Pedelecs, berichtet Claus Fleischer von Bosch eBike Systems. Sie ersetzen oft Fahrräder ohne Elektroantrieb. In Asien dagegen kommen vor allem E-Scooter an, die wegen des Smogs in vielen Großstädten Zweiräder mit Verbrennungsmotor verdrängen. In Deutschland würde der Absatz erst steigen, wenn mehr Städte Autos aus den Zentren aussperren würden.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Neueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular