Einzelhandel

Mit dem Rücken zur Wand

Viele Ladenbesitzer sehen aufgrund des andauernden Lockdowns ihre Existenz bedroht. Eine Interessengemeinschaft fordert nun passgenauere Hilfen. Ansonsten drohten zahlreiche Insolvenzen.

14.01.2021

Von JULIA KLING

Auch wenn Kunden bestellte Waren jetzt im Geschäft abholen dürfen: Viele Einzelhändler sehen sich vor dem Aus. Foto: Marijan Murat/dpa

Läden sind geschlossen, die Winterware türmt sich in den Lagern – „und die finanziellen Reserven sind inzwischen aufgebraucht“. Hermann Hutter zeigt sich besorgt über die Lage der Einzelhändler im Land. „Die Situation ist äußerst dramatisch“, erklärte der Präsident des Handelsverbands Baden-Württemberg (HBW) am Mittwoch. Rund 84 Prozent der Einzelhändler im Land reichten die derzeitigen Hilfsmaßnahmen der Regierung nicht aus, um die Existenz ihres Unternehmens zu sichern. „Viele stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Hutter.

Im Vergleich zum sechswöchigen Lockdown im vergangenen Frühjahr habe die im Dezember verfügte Schließung der Geschäfte eine neue Qualität. „Im Dezember verzeichnen zahlreiche Händler oft bis zu 40 Prozent ihres Jahresumsatzes“, erklärt Hutter. Der sei nun jedoch zu großen Teilen weggefallen. Das lasse sich nicht so einfach kompensieren. Hutter zufolge bringe der Einzelhandel gemeinsam mit der Gastronomie und dem Hotelgewerbe ein Sonderopfer in der Bekämpfung der Pandemie. „Und dennoch wird uns nur sehr schlecht geholfen.“ Obwohl funktionierende Hygienekonzepte vorlägen, sei keine Öffnung der Ladenschäfte in absehbarer Zeit möglich.

Aus dem Unmut über die derzeitige Unterstützung vonseiten der Politik hat Roland Reischmann gemeinsam mit Kollegen die Interessengemeinschaft „Handel steht zusammen“ ins Leben gerufen und einen Vorschlag für „sinnvolle Überbrückungshilfen“ ausgearbeitet und veröffentlicht. „Die Reaktion darauf war überwältigend. 7000 Handelsunternehmen haben sich gemeldet“, berichtet der Geschäftsführer des gleichnamigen Familienunternehmens, zu dem Mode- und Sportgeschäfte an vier Standorten im Oberschwäbischen gehören. Die Überbrückungshilfe 3, die gestaffelt nach Höhe der Umsatzausfälle im Vergleich zum Zeitraum 2019 Zuschüsse von bis zu 90 Prozent der monatlichen Fixkosten erstattet, ist Reischmann zufolge „kompliziert, ungerecht und langsam“.

Nach Überzeugung der Interessengemeinschaft ist der Handel nicht Teil des Problems. Bei den unterzeichnenden Unternehmen sei bislang kein Corona-Fall nachweislich auf eine Infektion im Geschäft zurückzuführen gewesen. In Supermärkten, Drogerien oder Postämtern seien zudem weitaus größere Menschenansammlungen anzutreffen.

Derzeit schafften die Hilfen falsche Anreize, erklärt Simon Bittel, Geschäftsführer der Parfümerie-Gruppe Amica. „Wer 69 Prozent Umsatzeinbruch nachweisen kann, erhält derzeit bis zu 60 Prozent der monatlichen Fixkosten erstattet. Wer dagegen 71 Prozent vorweist erhält bis zu 90 Prozent – das ist nicht fair und nicht nachvollziehbar“, ist Bittel überzeugt. Zu den Forderungen zählen neben anderen Berechnungsgrundlagen auch eine stufenlose Staffelung der Hilfen sowie eine Abschaffung der Umsatz-Obergrenze und eine Entschädigung für die Kosten der angeschafften, aber nun nicht mehr brauchbaren Saisonware. „Wir reden dabei nicht von Gewinnen, wir reden nur von Verlustausgleich“, sagte Reischmann. Der sei am Ende niedriger als die Folgekosten für die Gesellschaft durch eine Pleitewelle im Handel.

„Wenn nicht schnell etwas passiert, kommt es zu einem Massensterben im Einzelhandel“, sagt Reischmann. „Ohne einen Ausgleich der Verluste schaffen wir das nicht.“ Der HBW steht hinter den Forderungen. Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann erwartet für 2021 in ganz Baden-Württemberg „Insolvenzen in Massen“. „Die meisten Einzelhändler machen aber still und heimlich zu“, gibt Hermann Hutter zu bedenken. „Die Menschen werden die Situation des Handels bald verstehen und die Auswirkungen sehen.“

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Erstellt:
14. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2021, 06:00 Uhr

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