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Mit allem Drum und Dran
Porträt einer Freundin aus dem Kreis des späteren „Blauen Reiters“: Münters Bildnis der Marianne von Werefkin (1909). Foto: Gabriele Münters Bildnis Marianne von Werefkin aus dem Jahr 1909. Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Ausstellung

Mit allem Drum und Dran

Das Münchner Lenbachhaus präsentiert die Künstlerin Gabriele Münter in allen Facetten – eine liebevolle Hommage, ein ergiebiger Überblick.

16.11.2017
  • LENA GRUNDHUBER

München. Man kann das Kichern der Mädchen fast hören. Die beiden albern so wild herum, dass der Fotoapparat gar nicht mitkommt, so schnell geht's vom Kniefall bis – huch! – zum Kuss. Gabriele Münter hat die zwei Mädchen aufgenommen, als sie gerade eine Theaterszene parodieren, um 1900 auf ihrer großen Amerikareise. Da war sie selbst erst Anfang zwanzig, doch ihren Blick für Landschaften und Leute hatte sie bereits. Und was sie noch hatte: Humor.

Den wird man immer wieder mal entdecken in der großen Ausstellung im Münchner Kunstbau des Lenbachhauses: Wenn sie ein kleines Mädchen im Sonntagsstaat fotografiert, das sich gerade heimlich am Hintern kratzt. Oder wenn sie Freund Alexej von Jawlensky als erstauntes Strichmännchen beim „Zuhören“ malt – da sitzt wohl Wassily Kandinsky am anderen Ende und redet mal wieder alle an die Wand.

Die Frau, die auf Bildnissen oft so schwermütig dreinschaut, tritt hier ganz anders auf, nämlich gerade nicht als berühmteste Verlassene der deutschen Kunstgeschichte. „Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife“ zeigt eine Künstlerin, die auch nach ihrer epochemachenden Beziehung mit Kandinsky intensiv arbeitete, die viel reiste, mehrere Sprachen beherrschte, viele Kontakte sowie eine rege Ausstellungstätigkeit pflegte und die Entwicklungen ihrer Zeit aufnahm.

Kandinsky ist nur eine Episode

Die Zeit des „Blauen Reiters“, den der Freundeskreis um Münter, Kandinsky und Franz Marc Jahre vor dem Ersten Weltkrieg im bayerischen Voralpenland gründete, ist eine Episode in einem langen Leben. Wenn auch eine mit besonderer Bedeutung nicht zuletzt für das Lenbachhaus – erst durch die Müntersche Sammlung wurde es, was es heute ist. Bevor die Künstlerin 1962 starb, vermachte sie vor genau 60 Jahren dem Haus mehr als 1000 Blaue-Reiter-Bilder, die sie in Murnau über die Nazi-Zeit gerettet hatte.

Entsprechend liebevoll fällt die Würdigung aus. Viele der rund 140 Gemälde kommen aus Münters Nachlass, waren noch nie in der Öffentlichkeit zu sehen, Leihgaben hat man außerdem eingeholt, obendrein wird die Fotografin Münter mit der wirklich hochcharmanten Foto-Abteilung gezeigt und sogar ihre Leidenschaft für das Kino findet Eingang mit Sequenzen aus Filmen, die Münter gesehen hat.

Dass das Publikum Gabriele Münter längst ins Herz geschlossen und in den Kanon aufgenommen hat, zeigt schon der Besuch an einem ganz normalen Dienstagvormittag. Und dass auch eine Frau nicht einfach aus der Gebärmutter heraus malt, sollte man inzwischen zwar wissen, doch muss es anscheinend nochmal gesagt werden. Selbstverständlich war Münters avantgardistisch inspirierte Naivität mehr ästhetisches Programm als spontanes Gefühl. „Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, stelle ich einfach dar, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran.“

Auf der Suche nach dem Ausdruck wechselt sie die Stile je nach Gegenstand, weshalb die Werke nicht chronologisch, sondern nach Gattung gehängt sind. Dennoch kann man an den Landschaften, Porträts, Stillleben und Interieurs gut den Sprung von der spätimpressionistischen Strichelei zu den klaren, satten Farbflächen verfolgen, mit denen sie den spezifischen Glanz der Landschaft um Murnau auffing, wo sie sich schließlich endgültig niederließ. In den Zwanzigern lässt sie sich von der Neuen Sachlichkeit anstecken, in den Dreißigern begleitet sie, fasziniert von den Maschinen, gar die Bauarbeiten an der Strecke für die Olympischen Winterspiele 1936. Es gibt Arbeiten nach Kinderzeichnungen, Versuche mit Abstraktion, auch die heute peinlich exotisierenden Aquarelle von „primitiven“ Menschen, die einst auf Völkerschauen vorgeführt wurden, werden nicht ausgespart.

Und zwischen all dem begegnet man immer wieder diesem tief interessierten Blick, der keine großen Formate, kein bedeutendes Sujet benötigt. Es kann nur der Schoß einer Frau sein, die mit ihren Einkäufen in der Trambahn sitzt und eine rote Blume hält wie ihr privates Heiligtum.

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16.11.2017, 06:00 Uhr
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