Tübingen · Weihnachtsspendenaktion

Mit Tönen das Sterben erträglich machen

Mit einem Instrumentenwagen geht die Musiktherapeutin Sabine Rachl auf der Palliativstation der Uniklinik von Zimmer zu Zimmer. Die Therapie ist von den Kassen nicht anerkannt.

17.01.2021

Von Lisa Maria Sporrer

Sabine RachlPrivatbild

Fünf Minuten solle sie das Zimmer verlassen. Die Trommel aber solle dableiben. Dann hörte Sabine Rachl, wie der alte Mann mit voller Wucht auf die Trommel schlug und dabei immer wieder „Scheiße!“, „Scheiße!“, „Scheiße!“ brüllte. Als sie das Zimmer wieder betrat, schaute er sie zufrieden an und sagte: „Das musste jetzt einfach mal gesagt werden.“

Sabine Rachl ist Musiktherapeutin, eine Westfälin, die sich auf die Schwäbische Alb verliebt hat und seit knapp drei Jahren auf der Palliativstation des Uniklinikums arbeitet. Niemals betritt sie dort mit einem vorgefertigten Ziel ein Zimmer. „Es kann sein, dass es jemanden an einem Tag gut geht und am nächsten Tag hadert er mit seinem Schicksal. Ich muss schauen, was die Patienten brauchen“, sagt Rachl. Und wenn sie keine Lust auf Musik haben, dann geht Rachl halt, kommt wann anders wieder.

Konfrontiert mit dem eigenen Tod, dem Verlust von geliebten Menschen fällt es vielen Patienten auf der Palliativstation schwer, ihre Gefühle, Furcht, Hilflosigkeit, Trauer, im Gespräch auszudrücken. Nicht jeder kann offen darüber reden. „Im Sterben herrscht viel Schweigen“, so Rachl. Etwa, wenn Kinder ihre Eltern verabschieden müssen, dann fehlen oft die Worte, sie sind unsicher, haben Angst darüber zu sprechen, Angst, das, was kommt, auszusprechen.

Musik kann dabei helfen, sagt Rachl. Die Klänge können nicht nur musikalisch die Gefühle darstellen, sie können auch die Hemmung nehmen. „Das ist sehr berührend zu sehen, dass das etwas bewegt, das sich zunächst mit Worten nicht ausdrücken lässt.“

Neun Betten hat die Palliativstation in der Uniklinik. Das Angebot der Musiktherapie ist freiwillig. Sabine Rachl ist mit 30 Prozent dort angestellt, ein Angebot, das die Klinik über Spenden finanzieren muss, weil es von den Krankenkassen noch nicht als Therapie anerkannt ist. Seit rund 30 Jahren kämpfen die Berufsverbände der Musiktherapeuten um diese Anerkennung. Dabei wird die Zahl der Arbeitsplätze und Arbeitsmöglichkeiten für Musiktherapeuten in palliativen Kontexten innerhalb Deutschlands in den letzten Jahren immer größer. Auch, weil die Anzahl der Institutionen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Waren es im Jahr 2004 noch um die 100 Palliativstationen und stationäre Hospize, so gibt es nun bereits rund 200 Hospize und knapp 300 Palliativstationen, Tendenz steigend. Dazu kommen die zahlreichen ambulanten Hospizdienste, bei denen die Musiktherapie zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Rachl ist nicht nur Musiktherapeutin, sondern auch Fachpädagogin für Psychotraumatologie und Sterbe- und Trauerbegleiterin. Die Erfahrungen, die sie macht, erzählen, warum Musiktherapie für Sterbende und auch für ihre Angehörigen so wichtig sein kann. Die Krankengeschichte, sagt Rachl, werde von den meisten Patienten als immer weiter gehender Verlust von Selbstkontrolle empfunden. „Im Sterben muss man wahnsinnig viel abgeben, physisch ist man am Ende, manchmalhilflos wie ein Kleinkind, kann nicht mehr selbständig Essen, oft nicht mal mehr zur Toilette gehen. In der klinischen Umgebung sehen viele nur diesen Mangel. Ich versuche, sie durch die Musik daran zu erinnern, wer sie sind, schaffe Gelegenheiten, in denen sie sich wieder als Person mit ihrer ganz eigenen Geschichte erleben und in dieser Mangelsituation ihren eigenen inneren Reichtum wieder spüren.“

Mit ihrem Instrumentenwagen kommt Rachl, 51, freundliche Augen, lange gelockte Haare, in die Zimmer auf der Tübinger Palliativstation. Es sind Instrumente, die man leicht selbst spielen kann, pentatonische Instrumente, einprägsam, harmonisch. Eine Sansula etwa, ein auf eine Art winziger Trommel montiertes handliches Zupfinstrument. Auch ein Monochord, ein länglicher Resonanzkasten, 40 Saiten, die alle auf einen Ton gestimmt sind, einen vollen Klang erzeugen.

Entspannungsmöglichkeiten will Rachl damit anbieten, Phantasiereisen, sichere Orte, die von Musik hervorgerufen werden und an die sich die Patienten erinnern können, wenn sie nicht schlafen können, wenn das Gedankenkarussell anfängt, sich zu drehen. Heilende Orte, die gedanklich in die Bestrahlung mitgenommen werden können. Das übt Rachl mit ihren Patienten.

Manchmal singt sie auch Lieder. „In mir ist Ruhe, in mir ist Stille, in mir ist Frieden, in mir ist Kraft ...“ stimmt sie langsam ein Lied an mit ihrer beruhigenden, warmen Stimme. Der Atemrhythmus des Patienten passt sich an, wird ruhiger. Auch Angehörige, wenn sie bei der Musiktherapie dabei sind, stimmen manchmal in die Lieder mit ein oder improvisieren auf den Instrumenten mit. „Manche Angehörige wünschen sich auch, dass ich singe oder etwas spiele, wenn der Patient gestorben ist, tot in seinem Bett liegt. Das kann für die Angehörigen nochmal eine Beziehungsbrücke bauen.“

Einige Patienten, sagt Rachl, hätten keine Vorstellung von ihrer eigenen Musikbiografie: Lieder, die ihnen als Kind wichtig waren, als Jugendliche, als junge Erwachsene, Melodien, die in ihnen Gefühle hervorrufen und durch die ihnen ihre Geschichte lebendig vor Augen tritt. Manchmal erfinden sie auch eigene Lieder, dichten gemeinsam Texte. Auch Familien versucht sie in ihre Therapiestunden einzubinden, Enkel nehmen Musikstücke oder Lieder für die Sterbenden auf, manchmal werden diese Lieder dann auch noch auf Trauerfeiern oder zu Jahrestagen gesungen. „Für Patienten, die kurzatmig sind, kann Musiktherapie auch gleichzeitig Atemtherapie werden“, sagt Rachl.

„Das Schöne an der Musik ist ihr Charakter, offen ins Unendliche zu sein. Klänge, die nicht greifbar sind, die nicht aufhören, wenn die Töne verstummen“, so Rachl. Nicht greifbar, wie für Sterbende das Leben, fortschreitend ins Unendliche, wie der nahende Tod.

Bis Ende Januar läuft die Weihnachtsspendenaktion

Spenden können Sie auf das TAGBLATT-Konto der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Bitte vermerken Sie, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen, und fügen in diesem Fall Ihre vollständige Adresse hinzu. Wollen Sie ein bestimmtes Projekt unterstützen (Projekt 1 „Arztmobil“, Projekt 2 „Kunst und Kultur“ oder Projekt 3 „Palliativstation“), bitten wir ebenfalls um einen entsprechenden Vermerk. Gemäß Art. 13 DSGVO sind wir verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass wir Name, Adresse und Spendenbetrag der Leser und Leserinnen, die eine Spendenbescheinigung wünschen, an die begünstigten Organisationen übermitteln.

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Erstellt:
17. Januar 2021, 19:25 Uhr
Aktualisiert:
17. Januar 2021, 19:25 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2021, 19:25 Uhr

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