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Lebens-Wert

Mit Schafen groß geworden

Die Münsinger Familie Stotz betreibt die Schäferei seit Generationen. Der Familienbetrieb ist einer der größten auf der Schwäbischen Alb. Der Stotz-Hof pflegt mit seinen Tieren die Landschaft, verkauft Lammfleisch und vermarktet die Wolle. Die Ruhe auf der Weide gibt es gratis dazu.

09.10.2015
  • TEXT: Matthias Reichert | FOTO: Horst Haas

Die Ruhe hier oben suchen manche Großstädter ihr halbes Leben lang vergeblich. Schäfer Gerhard Stotz, 60, hütet hunderte Schafe auf dem aufgelassenen Münsinger Truppenübungsplatz. Bis Anfang Dezember sind die Schafe hier draußen, oder gar bis Weihnachten, wenn es vorher noch nicht schneit. Nur die trächtigen Mutterschafe kommen jetzt schon in den Stall.

Stotz steht täglich acht bis neun Stunden allein bei der Herde. „Und das sieben Tage in der Woche.“ Freizeit hat für einen Schäfer Seltenheitswert. „Als Chef ist man da zehn bis zwölf Stunden am Tag in den Seilen. Aber das ist bei anderen Selbstständigen auch so.“ Nur die Nachwuchssuche gestaltet sich schwierig, weil eine Sieben-Tage-Woche für die meisten keinen Reiz hat. „Das sage ich auch den Auszubildenden: Wer sich für diesen Beruf entscheidet, entscheidet sich für den Kampf“, so Stotz.

Die Schäferei steht unter Druck. Lange Arbeitszeiten, teils geringe Stundenlöhne – ein Job für Idealisten. „Es ist hart, aber man kann leben.“ Gerhard Stotz hat die Schäferei im elterlichen Betrieb von Kindesbeinen an gelernt, mit zehn oder elf Jahren wurde er erstmals mit auf die Weide geschickt. Für ihn ist es eine Berufung: „Ich würde es auch nach 45 Jahren nochmals machen“, sagt er.

Stotz ist Schäfer in der vierten Generation. Seine Frau Bärbel stammt sogar aus einer Familie, die auf fünf Generationen Schäferei zurückblickt. Sie hat ursprünglich Bauzeichnerin gelernt und dann den elterlichen Betrieb übernommen. Heute organisiert sie mit ihrem Mann einen der größten Schäfereibetriebe der Schwäbischen Alb. Mehr als 2000 Mutterschafe haben sie, verteilt auf drei Herden, die in einem Radius von gut 50 Kilometer weiden. Bärbel Stotz macht die Buchhaltung, Sohn Christian kümmert sich um Tierhaltung und Futtergewinnung.

Schäferei auf der Schwäbischen Alb hat eine jahrhundertealte Tradition. Die Zunft der Schäfer, die seit 1724 in Urach den Schäferlauf feiert, war einst eine bedeutende Berufsgruppe. Noch heute züchten die Schäfer vor allem Merino-Schafe. Die stammen ursprünglich aus Spanien. Herzog Karl Eugen ließ sie um 1775 einführen, um die hiesige Wolle zu verfeinern. Mit weiten Fußmärschen brachten die Schäfer die Tiere von den Hochebenen Kastiliens auf die Alb, wo die Tiere ähnliche Bedingungen vorfanden wie in ihrer Heimat. Das durch Kreuzung entstandene schwäbische Merino-Landschaf umfasst heute 70 Prozent des Bestandes in Württemberg; es wurde zum wichtigsten Fleisch- und Woll-Lieferanten.

Familie Stotz beschäftigt zwei angestellte Schäfer und etwa 15 Helfer auf 450-Euro-Basis, die beispielsweise bei der Schafschur zwischen Dezember und Februar zum Einsatz kommen. Von Münsingen bis Hundersingen weiden die Tiere. Das größte Standbein der Schäferei sind Zuschüsse für die Landschaftspflege. Denn der Verbiss der vierbeinigen Rasenmäher hilft, den Kalkmager-Rasen auf den öffentlichen Wacholderheiden zu erhalten. Vor Jahren haben zwei Biologie-Studierende bei der Schäferei Stotz in ihrer Diplomarbeit untersucht, wie die Tiere den biologischen Austausch fördern, indem sie in ihrem Fell Pflanzensamen mitnehmen und dadurch verbreiten. Die Studie wurde weltweit beachtet.

Zweites Standbein von Familie Stotz ist die Vermarktung von Lammfleisch aus eigener Schlachtung. 3000 Lämmer im Jahr verkauft der Stotz-Hof an Gastronomen und Metzger – die meisten aus der Region, aber die Kunden kommen bis vom Bodensee, aus dem Schwarzwald, aus Stuttgart und Karlsruhe. Zu Ostern ist der Absatz am größten, aber Stotz-Lammfleisch ist das ganze Jahr über gefragt.

Und auch die Wolle wird vermarktet. Helle Wolle von den Merino-Schafen ist begehrter als die von schwarzen Schafen, weil man Weiß einfärben kann. Jahrelang ging die gesamte Produktion vom Stotz-Hof an Großhändler. Tolle Wolle, hörte Bärbel Stotz immer wieder, komme nur aus Australien und Neuseeland. Dann stieß sie auf die Gächinger Textildesignerin Veronika Kraiser – und die fertigt seither mit ihrer Firma Flomax selbstdesignte Naturmode aus Biosphärenwolle von Albmerino-Schafen Stotzscher Aufzucht.

Jedes Frühjahr nach der Schur liefert der Schäfer tonnenweise Wolle nach Gächingen. Daraus werden Jacken und Pullover, Röcken und Kissen. Doch bis die Wolle zur Verarbeitung taugt, legt sie einen weiten Weg zurück. Weil es nach dem großen Textilsterben der vergangenen Jahrzehnte hierzulande keine entsprechenden Betriebe mehr gibt, wird die Rohwolle in Belgien gewaschen und in Nordfrankreich kardiert, auf weiteren Stationen wird sie dann in Deutschland eingefärbt, ehe der Faden gesponnen wird. Stoffe und Design macht dann Flomax.

Weniger feine Wolle geht an einen Großhändler, etwa ein Drittel der Produktion ist das. Und die Firma Schoppel stellt im Hohenlohischen aus Stotz-Wolle, gemischt mit Leinen, ungefärbtes Handstrickgarn her. Auch für die Schaffelle hat Bärbel Stotz mittlerweile einen Abnehmer gefunden: Die Metzinger Firma Wolly will daraus künftig Hausschuhe herstellen. „Man muss experimentieren“, sagt Bärbel Stotz – und die Kontakte nutzen, die im Lauf der Zeit entstehen. „Man lernt irgendjemanden kennen, der etwas macht.“ So wie zuletzt eine Münsinger Weberin, die nun jedes Jahr 60 Kilo Rohwolle verarbeitet. Das Credo von Bärbel Stotz: „Man muss offen sein für neue Ideen.“

Mit Schafen groß geworden
Schäfer würde er auch nach 45 Berufsjahren wieder werden, sagt Gerhard Stotz aus Münsingen –hier mit Hund und Herde.

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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