Bildung

Mit „Rückenwind“ gegen Lernlücken

Das laufende Schuljahr soll trotz monatelanger Ausfälle durchgezogen werden. Für das Aufholen verpassten Unterrichtsstoffs gibt es erste Pläne – doch auch noch viele Unklarheiten.

20.04.2021

Von AXEL HABERMEHL

Schule geschlossen: Wie lässt sich der verpasste Unterrichtsstoff nachholen? Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Stuttgart. Eigentlich war für die Schulen im Land diese Woche ein Schritt hin zu mehr Präsenzunterricht vorgesehen. Doch der fiel vielerorts aus. Hohe Infektionszahlen, mit Sieben-Tages-Inzidenzen oberhalb des neuesten „Notbremse“-Werts von 200 sorgten in etlichen Schulen für Stagnation. Zusätzliche Gruppen durften oft nicht kommen, für die meisten Schüler blieb, wie seit Monaten, nur Fernunterricht.

Während die Schulen im Würgegriff der Pandemie festhängen, nimmt die Debatte um die Folgen dieses Zustands Tempo auf. Wie soll man das Schuljahr zu Ende bringen? Wie Lernlücken schließen? Sollen Abschlussprüfungen wirklich stattfinden? Und muss das Schuljahr nicht einfach als „ausgefallen“ verbucht und nächstes Jahr komplett wiederholt werden?

Keine Wiederholung für alle

Vieles ist umstritten, doch bei dieser letzten Frage herrscht, ergab eine Umfrage dieser Zeitung, überwältigende Einigkeit: Bloß keine allgemeine Wiederholung des Schuljahres! Diese Idee lehnt der Landeselternbeirat ebenso ab wie die Landesregierung, die Lehrerverbände GEW und VBE ebenso wie die bildungspolitischen Sprecher aller (!) fünf Landtagsfraktionen. „Es gibt Schüler, die das Schuljahr trotz allem ziemlich gut hinkriegen. Die zu bestrafen, wäre kontraproduktiv“, sagt etwa GEW-Landeschefin Monika Stein. Zudem warnen viele Befragte, das Ausfallen eines ganzen Abschluss-Jahrgangs bei gleichzeitigem Nachrücken neuer Erstklässler, hätte unkalkulierbare Folgen für das Schul-, Ausbildungs- und Jobsystem.

Auch, dass Schulen nach der Pandemie nicht einfach zur Vor-Covid-Tagesordnung übergehen können, ist Konsens. Kinder und Jugendliche hätten, abgesehen von sozialpsychologischen Folgen monatelanger Schulschließungen und der Bedrohung durch das Virus, Bildungsrückstände und Lernlücken in unterschiedlichen, teils erheblichen Ausmaßen. Dieser Zustand erfordere einen Plan. Doch wie der aussehen könnte, ist umstritten.

Im Kultusministerium, wo niemand weiß, wer in vier Wochen im Chefbüro sitzt, arbeitet eine Gruppe an einem Programm namens „Rückenwind“. Noch ist nichts beschlossen, doch erste Details wurden in verschiedenen Besprechungen vorgestellt. Grundsätzlich geht es um das Aufholen verpassten Lernstoffs. Dazu soll es, wie vergangenes Jahr, ein freiwilliges Nachhilfeprogramm („Lernbrücken“) in den Sommerferien geben, zudem aber auch weitere Förderungen im kommenden Schuljahr.

Die heikelsten Fragen sind noch ungeklärt. Zuvorderst: die Finanzen. Die Bundesregierung hat angekündigt, die Länder mit zwei Milliarden Euro beim „Abbau pandemiebedingter Lernrückstände“ zu unterstützen. Die künftige grün-schwarze Landesregierung, die gerade die Fortsetzung ihrer Koalition verhandelt und einer miesen Haushaltslage entgegensieht, wird zusätzliches Geld zuschießen müssen. So könnte man externe Kräfte – Studenten, Referendare, Nachhilfe-Lehrer – bezahlen; angesichts des Lehrermangels wohl unumgänglich.

Doch wie viel Stoff muss nachgeholt werden? Das ist sehr unterschiedlich. Es gebe „große Disparitäten“, sagt VBE-Chef Gerhard Brand. Einige Schüler blieben am Ball, andere hätten seit Monaten nichts gemacht und seien der Schule völlig entwöhnt. Der Landeselternbeirat (LEB) fordert daher eine unabhängige, zentrale Lernstandserhebung, etwa vom Institut für Bildungsanalysen. Das müsse zügig erfolgen, fordert der LEB-Vorsitzende Michael Mittelstaedt. Doch vorgesehen ist das nach Informationen dieser Zeitung nicht. Das Ministerium verfolgt eher die Linie: Die Schulen kennen ihre Pappenheimer und deren Bedarfe.

Die Heidelberger Bildungswissenschaftlerin Anne Sliwka sagt, es gehe vor allem um zwei Dinge. Erstens: „Wiederbelebung der Lernmotivation.“ Viele Schüler müssten neu an Schule und Struktur herangeführt werden. Zudem gehe es eben um Lernrückstände. In vielen Fächern baue alles aufeinander auf. „Wenn man Bruchrechnung jetzt nicht nachholt, hat man später ein Problem.“ Zwei Milliarden Euro seien dafür im internationalen Vergleich wenig, die kleinen Niederlande planen mit 8,5 Milliarden. Trotzdem ist sie optimistisch. „In einem Jahr kann man viel aufholen – wenn man es systematisch angeht.“

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Erstellt:
20. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2021, 06:00 Uhr

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