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Bargeld aus dem Mülleimer

Mit Pfandflaschensammeln werden spärliche Einkünfte aufgebessert

Seit es das Einwegpfand gibt, machen sich immer mehr Flaschensammler auf, regelmäßig in Mülleimern nach "Bargeld" zu suchen. An guten Tagen sind bis zu 30 Euro drin. Viele brauchen das Geld dringend.

17.08.2011

Von CHRISTIAN JUNG, DPA

Heidelberg Langsam, aber zielstrebig radelt Knut Krauth von der Heidelberger Altstadt zum wenige Kilometer entfernten Hauptbahnhof. Der 51 Jahre alte Möbelpacker aus Nußloch, der vor einigen Jahren ein Auge verlor, hat noch einen zweiten Job. Er ist einer von vielen "Flaschensammlern" in der Universitätsstadt. Deshalb steuert er auf seinem Weg jeden Mülleimer an. Ohne Handschuhe greift er in die durch die Sommerwärme meist miefenden Behälter. "Ich taste nach Pfandflaschen. Eklig finde ich das nicht. Hygienisch ist das auch nicht schlimmer, als wenn man bei der Müllabfuhr arbeitet", sagt Krauth, dessen Frau ebenfalls Flaschen sammelt.

Pro Tag verdient er nach eigenen Angaben mindestens fünf Euro zusätzlich. "Am besten sind die PET-Flaschen, für die gibt es 25 Cent. Ich nehme aber auch Wasser- und Bierflaschen", sagt Krauth. Für die gibt es in Supermärkten und Verkaufsstellen dann acht bis 15 Cent.

Im Jahr 2003 wurde in Deutschland das Einwegpfand mit 25 Cent eingeführt. "Je nach Wetter schwankt der Verdienst aber gewaltig, da die Konkurrenz groß ist und die Menschen an heißen Tagen eher die für mich interessanten Flaschen trinken". Am lukrativsten sind für Krauth aber Großveranstaltungen, Konzerte oder Trinkgelage von Jugendlichen. Zum Schuljahresende war wieder so eine gute Zeit zum Sammeln. In Heidelberg ist dann die Neckarwiese Treffpunkt vieler Jugendliche zum Saufen. "Viele schenken mir dann ihre leeren Flaschen von selbst. An guten Tagen sind da bis zu 30 Euro drin", sagt der Arbeiter. Das Flaschensammeln sei für ihn mehr ein "Hobby und eine Sucht", jedoch kein öffentliches Eingeständnis von Armut, "auch wenn ich nicht so viel Geld verdiene".

Dennoch träumt Knut Krauth von einem glücklicheren Leben mit ein wenig Luxus. "Mein Auge bekomme ich nicht mehr zurück, aber ein kleines Haus mit fünf Zimmern am Meer wäre schon schön."

Angesichts des Hartz-IV-Regelsatzes von aktuell 364 Euro ist die Sammeltätigkeit eine willkommene Einnahmequelle. Nicht nur in Heidelberg, überall in den Städten sind Jüngere und Ältere unterwegs, um Mülleimer abzuklappern. Mancher ist mit einem Stock bewaffnet, um in Containern nach Pfandflaschen aus Glas zu angeln. "Ich kenne fast alle Flaschensammler hier persönlich", sagt die Verkäuferin Inka Hechler, die in einem Supermarkt im Heidelberger Hauptbahnhof arbeitet. Besonders ans Herz gewachsen ist ihr ein älterer Mann, mit dem sie schon öfter gesprochen hat. "Zeitgleich mit dem plötzlichen Tod seiner Frau wurde er arbeitslos. Er suchte vor allem in Zügen nach Pfandflaschen, hat jetzt aber wieder eine Arbeit und kommt seltener".

Marktleiterin Elke Tausendfreund zählt mit ihren Mitarbeiterinnen täglich, wie viele Pfandflaschen und Dosen abgegeben wurden. "Unseren aktuellen Rekord hält ein Junge mit 96 Dosen, das sind 24 Euro". Auch wenn viele Sammler durchaus nette Menschen seien, könnten sie zum Problem werden. "Nicht jeder riecht perfekt, was bei Reisenden oft übel aufstößt, wenn sich eine lange Reihe bildet, da gerade ein Sammler unzählige Flaschen abgibt", betont Elke Tausendfreund. Neben Obdachlosen und sehr armen Alten gebe es auch einige Familien mit Kindern, die mit ihrer Mülleimerbeute kämen. Besonders hoch sei das Rückgabeaufkommen an Wochenendabenden.

Pfandflaschen landen oft im Abfall. Manche haben so wenig Geld, dass sie die Flaschen aus dem Müll fischen. Foto: dpa

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Erstellt:
17. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. August 2011, 12:00 Uhr

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