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Mit Mitra oder Zipfelmütze
Was aus dem Heiligen Nikolaus geworden ist - Zwist um den Zwarten Piet

Mit Mitra oder Zipfelmütze

Kondition braucht der Nikolaus an diesem Wochenende. Er tritt in ganz Deutschland auf, zu Fuß, auf Schiff und Pferd oder in der Rentierkutsche. In echt und als Schokolade. Mit Mitra oder Zipfelmütze.

05.12.2015
  • EGBERT MANNS

Ulm. Was unterscheidet den heutigen Nikolaus vom Heiligen Nikolaus aus dem 4. Jahrhundert? Heute steht in jeder Einkaufsstraße mindestens einer, und es gibt ihn allein in Deutschland unter drei Namen. Dass es den einen Heiligen überhaupt gegeben hat, ist dagegen nicht einmal sicher.

Als Nikolaus, Sinterklaas und Weihnachtsmann treten Nikoläuse hierzulande auf. Und genau um diese Figuren wird seit Jahren gestritten: In einem Streit geht es ums Aussehen des (Schokoladen)-Nikolaus, im anderen um die Hautfarbe seines Begleiters.

Verehrt wird der Nikolaus seit dem 6. Jahrhundert. Er galt als wohl- und wundertätiger Bischof. Wer einen handelsüblichen Schokoladen-Nikolaus anschaut, kann darin aber beim besten Willen keinen Bischof erkennen. Bischöfe kommen mit Mitra auf dem Kopf und Krummstab in der Hand daher, nicht mit Zipfelmütze.

"Weihnachtsmannfreie Zone" nennt das katholische Bonifatius-Werk eine Aktion, die seit 2002 dafür wirbt, den Nikolaus richtig darzustellen. Es sei ein Bischof gewesen, der Geschenke brachte und dessen man wegen seiner Mildtätigkeit gedenke, und nicht die Figur, die einen "roten Schlafanzug mit weißem Plüschbesatz trägt".

Katholische Bistümer machen mit. Alleine das Bistum Rottenburg-Stuttgart hat in diesem Jahr 41 000 Schokoladenbischof-Nikoläuse unters Volk gebracht, in Kindergärten, Schulen und Gemeinden. Es gibt Aufkleber "Weihnachtsmannfreie Zone" und jede Menge Rumoren um das Thema im Internet.

In der evangelischen Kirche ist der Kampf um die Nikolaus-Figur weniger ausgeprägt. Kein Wunder, war es doch Martin Luther, der den Gläubigen den Nikolaus wegnehmen wollte. Nicht ein Mensch sollte wegen seiner Güte verehrt werden, sondern nur Christus. Also weg mit den Geschenken am Vorabend des Nikolaustages. Die brachte dann der "heilige Christ" an Weihnachten. Der Nikolaus wurde zum Weihnachtsmann degradiert.

Das war der Ursprung des Weihnachtsfestes als Geschenkfest. Vermutlich war das dann doch nicht im Sinne Luthers. Und wegnehmen lassen haben sich die Protestanten den Nikolaus auch nicht.

Wie genau der Bischof zum Mann in Zipfelmütze mutiert ist, ist nicht gesichert. Die ersten Figuren dieser Art sind aus dem 19. Jahrhundert bekannt, letztlich hat die Coca-Cola-Werbefigur von 1931 die heute (handels)übliche Figur festgelegt.

Die Vorlage dafür hatten amerikanische Siedler geliefert. Sie mischten die protestantische Figur des Weihnachtsmannes mit dem Sinterklaas der Niederländer und dem Father Christmas der Briten zum Santa Claus. Romanschreiber ließen ihn später in Wagen fliegen, in Kutschen von Rentieren ziehen, gaben ihm einen runden Bauch und eine rote Nase und ließen ihn durch Schornsteine in Wohnungen steigen. Alles, damit er Kindern Geschenke machen konnte.

Im zweiten Streit geht es ums Aussehen des Begleiters von Sinterklaas. Dieser niederländische Nikolaus hat schwarz geschminkte Helfer, klassische Mohren, die "Zwarte Piet" genannt werden, Schwarzer Peter.

Rassismus sehen manche darin. So die jamaikanische Sozialforscherin Verene Shepherd, Mitglied einer UN-Arbeitsgruppe für die Probleme von Menschen mit afrikanischer Abstammung. Sie hat 2013 vorgeschlagen, die Niederländer sollten den Zwarten Piet abschaffen. Die Folge war, dass die Niederländer sich über Parteigrenzen hinweg einig wurden: Der Mohr bleibt.

Er bleibt auch in der ostfriesischen Stadt Emden. Wie jedes Jahr am Samstag, der dem Nikolaustag am nächsten liegt, wird Sinterklaas heute im Bischofsornat auf einem Schiff in den Innenstadthafen gefahren. Er wird dort auf ein Pferd steigen und vor tausenden Zuschauern in die Stadt reiten, wo er und drei Zwarte Pieten Geschenke verteilen.

Wohin Sinterklaas und Zwarte Pieten heute nicht kommen, ist Potsdam bei Berlin. Fast 20 Jahre lang haben ihn Kinder dort am Kai abgeholt, er ritt an der Spitze eines großen Zuges ins niederländische Viertel und verteilte mit Hilfe seiner schwarzen Begleiter Geschenke.

Dieses Jahr gibt die Stadtverwaltung keinen Zuschuss zu dem Fest. Verantwortliche hatten die Diskussion in den Niederlanden mitbekommen, und während des letzten Sinterklaas-Festes hatte sich ein Dutzend Demonstranten bemerkbar gemacht. Die Verwaltung versuchte noch, die Organisatoren des Sinterklaas-Auftritts zu überreden, den Pieten eine andere Gesichtsfarbe zu geben, aber die befanden, der Zwarte Piet sei kein grüner Piet, und lehnten das ab.

Dergleichen ist im Südwesten Deutschlands nicht zu befürchten. Die Nikoläuse kommen entweder alleine oder begleitet vom (nicht schwarz geschminkten) Knecht Ruprecht zu den Kindern. Sie kommen aus Tradition oder von der Agentur für Arbeit vermittelt, ehrenamtlich oder gegen Entgelt und möglichst mit privater Unfallversicherung.

Ein Tipp für Kinder, die den Nikolaus heute in der Einkaufszone verpasst haben: Schuhe putzen und am Abend vor die Wohnungstür stellen! Oder Stiefel, da passt mehr rein. Denn vielleicht kommt der Nikolaus heute Nacht nochmal vorbei und steckt etwas rein. Klassischerweise Mandarinen, Äpfel, Nüsse, Zimtsterne, Spekulatius.

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05.12.2015, 08:30 Uhr
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