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28.08.2009

Von SILKE FRIES

"Ahmed war ein ausgesprochen fröhliches Kind", sagt sein Vater Ismael Khateeb. Er steht unter dem Bild des toten Sohnes, noch immer ist ihm die Trauer in den Augen abzulesen. Die letzte Erinnerung an den Sohn ist, wie er am 5. November 2005 lachend das Haus verlässt. Er spielt mit Kindern auf der Straße, als ihn während einer Razzia eine israelische Kugel tödlich verletzt. Später wird es heißen, sein Spielzeuggewehr habe echt ausgesehen.

Ismael Khateeb fasst einen beinahe unglaublichen Beschluss: Die Organe von Ahmed sollen israelische Kinder bekommen - unter ihnen eine Tochter ultraorthodoxer Juden, die palästinensisches Land als den Juden von Gott gegeben ansehen. "Ich habe kein Problem mit Israelis", sagt der 43-Jährige rückblickend, "nur mit der israelischen Besatzung. Und so habe ich die Organe auch an jüdische Kinder geben können."

Marcus Vetter ist selbst Vater eines Sohnes, Ahmed wäre heute etwa in dessen Alter. Der Tübinger hat die Geschichte von Ahmed und Ismael Khateeb verfilmt: "The Heart of Jenin - Das Herz von Jenin" ist mittlerweile international preisgekrönt. "Mich hat ein Film noch nie so verändert", meint der 42-Jährige, der zuvor viel durch Israel gereist war. "Ich hatte früher eine neutrale Position zu dem Land, aber um über die Westbank und die Palästinenser zu urteilen darf man nicht auf die Nachrichten vertrauen. Man muss die Menschen hier treffen."

Seit drei Jahren ist der Dokumentarfilmer nun häufig Gast in Dschenin (Jenin), einer Stadt mit knapp 40 000 Einwohnern. Gemeinsam mit Ismael Khateeb, deutschen Freiwilligen und Palästinensern baut er das Kino von Dschenin wieder auf. Es war während der Intifada 1987 geschlossen worden. In Zeiten, in denen Gewalt und Terror das Leben in Dschenin bestimmten, hatte niemand Sinn und Geld für Kultur.

Rund 170 000 Euro schießt jetzt das Auswärtige Amt in Berlin zu, es gibt Firmen- und Privatspenden - auch für das Gästehaus, das unter der Regie von Ismael Khateeb und Marcus Vetter für internationale Besucher in einem alten Wohnhaus entsteht. In den Schlafzimmern haben sich die Freiwilligen - meist Studenten und Schüler aus Tübingen - bereits breitgemacht, in der Wohnküche wird gekocht, an Fensterrahmen geschmirgelt und Regale gestrichen. "Tomorrow - morgen", meldet einer der Palästinenser auf die Frage, wann er mit seiner Arbeit fertig sein möchte.

Tatsächlich sind die Pläne für das "Cinema Jenin" eng gefasst: Bereits im kommenden Jahr sollen erste Filme zu sehen sein; Roger Wates, Ex-Mitglied von Pink Floyd war bereits da, um die von ihm gespendete Soundanlage persönlich abzugeben. Das Kinogebäude selbst sieht aber noch sehr nach Baustelle aus: Im dunklen Innern hämmern die Freiwilligen. Schutt und Staub bedecken den Boden.

Auch die 18-jährige Caren Niemann aus Tübingen arbeitet Hand in Hand mit den Palästinensern. So wie die anderen hat sie die Reise nach Dschenin selbst organisiert: Flug nach Tel Aviv, von Jerusalem mit dem Bus durch die Westbank und israelische Checkpoints nach Ramallah, von dort mit dem Sammeltaxi weiter bis ganz in den Norden des Westjordanlands.

"Ich hab gar nicht das Gefühl, dass ich hier Angst haben muss vor Anschlägen oder vor Gewalt auf der Straße", sagt die blonde Schülerin, "trotzdem wird man daran erinnert, wenn man im Flüchtlingscamp von Dschenin Leuchtreklame sieht, wo Märtyrer verherrlicht werden."

Ähnlich denkt auch der 22-jährige Student Jannis Krutzenbichler, der ebenfalls mit anpackt: "Der Konflikt zwischen den Palästinensern und Israelis ist ziemlich verzwickt und vielleicht ist unsere Arbeit eine Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass in Palästina nicht nur Terroristen sind."

Seit 1996 steht Dschenin unter palästinensischer Verwaltung. Noch immer aber sind das islamische Oberhaupt, der Mufti, und die Al- Aksa-Brigaden oberste Autoritäten. Das sagt Ismael Khateeb und erklärt damit, warum er sie fragte, ob er die Organe an israelische Kinder spenden könne: "Ich war sehr glücklich, als beide zugestimmt haben."

Khateeb war früher selbst palästinensischer Widerstandskämpfer, lieferte sich Straßenschlachten mit israelischen Soldaten. Jetzt leitet der frühere Automechaniker ein Jugendzentrum, das durch Spenden aus der italienischen Stadt Cuneo finanziert wurde. Auf die Mauer ist eine große Friedenstaube gemalt.

Die Kinder von Dschenin sollen von der Straße geholt werden: "Was meinem Sohn geschehen ist, das wünsche ich noch nicht einmal meinen Feinden. Was ich möchte ist, dass die Kinder aus dem Konflikt herausgehalten werden." Er sagt, es seien zu viele Kinder und Erwachsene gestorben in Dschenin.

Bald soll deshalb auch das Kino von Dschenin Anlaufstelle sein für die Jugendlichen der Stadt. "Sie sollen nicht herumhängen, ohne Hoffnung, ihr Leben verschleudern." Marcus Vetter sei in den letzten Jahren nicht nur zu einem Freund geworden, sondern zu einem Familienmitglied. Und Markus Vetter? Er sagt, er wolle Menschen die Furcht nehmen, nach Dschenin zu reisen. Ihnen biete sich bald das Gästehaus als Anlaufstelle.

Er wünscht sich, dass noch mehr Spenden fließen, selbst für einzelne Kinostühle können Patenschaften übernommen werden. Der US-Schauspieler Leonardo di Caprio hat zur Kinoeröffnung zumindest sein Kommen angekündigt, aber es zähle jeder Einzelne - auch Freiwillige, die mitarbeiten wollen in Dschenin:

"Wir sind keine Hoffnungsbringer," sagt der Tübinger, "aber wir können so viel weitergeben, wie wir haben."

@

http://www.cinemajenin.org

info@cinemajenin.org

Ismael Khateeb vor einem Bild seines getöteten Sohnes Ahmed:

Freiwillige Arbeit mit den Palästinensern: Caren Niemann.

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Erstellt:
28. August 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. August 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. August 2009, 12:00 Uhr

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