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Sant'Anna di Stazzema

Mit Friedenscamps gegen das Vergessen kämpfen

SS-Leute töteten in einem Dorf in Italien 560 Menschen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelte gegen die Beteiligten.

18.04.2019

Von RAIMUND WEIBLE

Der Ministerrat stellte dem Dorf 30.000 Euro aus den Verfügungsmitteln der Landesregierung bereit. Mit dem Geld konnte der Kirchplatz in Sant'Anna neu gestaltet werden. Foto: Eberhard Frasch

Für Christina Gohle war diese Jugendbegegnung „eine einzigartige Erfahrung, die ich nicht missen wollte“. Die Schülerin aus Giengen an der Brenz beteiligte sich im August 2017 an einem Friedenscamp mit deutschen und italienischen Jugendlichen im ehemaligen Kloster von Pietrasanta in der Toskana. Sie beschäftigten sich mit dem Massaker, das Angehörige der Waffen-SS am 12. August 1944 im Bergdorf Sant'Anna di Stazzema verübt haben – eines der größten Kriegsverbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg in Italien. Die Soldaten ermordeten 560 Menschen. Der Aufenthalt im Ort, so berichtet Christina Gohle, „hat uns nachdenklich gestimmt“.

Im Sommer jährt sich das Verbrechen zum 75. Mal, und deswegen planen der Stuttgarter Verein „Die AnStifter“, die Naturfreundejugend Württemberg und die ebenfalls in Stuttgart sitzende „Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ wieder ein Friedenscamp in den Apuanischen Alpen. Daran können zehn deutsche und zehn italienische Jugendliche im Alter zwischen 17 und 26 Jahren teilnehmen. Der Reutlinger Studiendirektor Eberhard Frasch vom Verein „AnStifter“ koordiniert das Projekt.

Die „AnStifter“ haben viel unternommen, um zu verhindern, dass das Verbrechen in Vergessenheit gerät. Als Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen noch lebende SS-Leute liefen, hielten die Aktivisten an jedem zwölften Tag eines Monats Mahnwachen vor dem Justizministerium ab. Sie vermuteten, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen verschleppe, so lange, bis keiner der Beteiligten an dem Massaker mehr lebt.

Die juristische Aufarbeitung hatte spät begonnen. Zwar hatten nach dem Krieg die Alliierten Akten über deutsche Kriegsverbrechen an Italien übergeben. Diese Akten waren aber bis 1994 im Palazzo Cesi, dem Sitz der Militärstaatsanwaltschaft in Rom, in einem versiegelten Schrank weggesperrt. Auf Grundlage der Funde im „Schrank der Schande“ verurteilte ein Militärgericht zehn Täter zu lebenslanger Haft.

Laut Behörde fehlen Beweise

Doch Deutschland hat die Männer nie an Italien ausgeliefert. Vier von ihnen nahm die Staatsanwaltschaft Stuttgart ab 2002 ins Visier. 2012 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Die Behörde hatte argumentiert, es fehlten Belege für eine „von vornherein geplante und befohlene Vernichtungsaktion“ gegen Zivilisten. Die Beteiligung an einem zufälligen, ungeplanten Massaker stufte die Behörde als Totschlag ein. Und der ist im Gegensatz zum Mord längst verjährt.

Mit ihrem Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe hatte die Anwältin Gabriele Heinicke aus Hamburg, die den Überlebenden Enrico Pieri vertrat, teilweise Erfolg. Das Gericht stellte fest, dass die Stuttgarter Staatsanwaltschaft mit ihrer Rekonstruktion der Tat die Beschuldigten zu Unrecht entlastet habe. Die staatsanwaltliche Zuständigkeit wurde später nach Hamburg abgegeben, doch für eine Anklageerhebung gegen den letzten lebenden Beschuldigten war es zu spät: Der betagte Mann war verhandlungsunfähig.

Die Landesregierung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) reagierte und beschloss, ein Zeichen zu setzen. Kretschmann empfing im November 2013 Überlebende und Angehörige der Opfer bei der Verleihung des Stuttgarter Friedenspreises im Neuen Schloss. Der Ministerrat stellte zwei Jahre später 30 000 Euro aus den Verfügungsmitteln der Landesregierung bereit. Mit dem Geld konnte die Gemeinde ihren Kirchplatz neu gestalten.

Mit Zeitzeugen sprechen

Im Juni 2017 unterzeichnete Staatsrätin Gisela Erler eine Erklärung, in der das Land versprach, die Gedenkarbeit in Sant'Anna weiter zu unterstützen. So fand noch im August 2017 das erste Jugend-Workcamp statt, ein zweites im Jahr 2018. Und nun soll das dritte folgen. Das Kultusministerium und der Deutsch-Italienische Zukunftsfonds wollen laut Frasch das Projekt finanziell unterstützen. In dem Camp treffen die Jugendlichen mit den Überlebenden und anderen Zeitzeugen zusammen und können sich von ihnen ihre ganz persönliche Geschichte schildern lassen. Das Programm wird erlebnispädagogisch aufgezogen.

Bei dem Camp im vergangenen Jahr trafen die Teilnehmer auf Überlebende des Massakers. Foto: Foto: Eberhard Frasch

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Erstellt:
18. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 06:00 Uhr

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