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Mit Block und Bleistift
die Stadt neu entdecken
Neue Straßenmalerei auf dem Schlossplatz: Der Esslinger Künstler Albrecht Weckmann zeigt Teilnehmern des Workshops, worauf es beim Skizzieren ankommt. Foto: Barbara Wollny
Urban Sketching

Mit Block und Bleistift die Stadt neu entdecken

Ein Kunsttrend erobert Stuttgart, und auch die Staatsgalerie macht mit: Sie veranstaltet erstmals einen Zeichen-Workshop für Erwachsene.

04.09.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Man kann nichts falsch machen. Strich für Strich entsteht ein Bild. Das fasziniert mich“, sagt Gerhard Schmidt aus Stuttgart. Er hat auch im Urlaub stets Block und Bleistift dabei. „Man muss sich konzentrieren. Das schärft den Blick.“ So gegensätzlich wie Slow Food und Fast Food sind selbst erstellte Skizzen im Vergleich zu schnell geknipsten Handybildern. „Man braucht Zeit und Muße und muss seinen Blick schärfen, um das Wesentliche zu erfassen“, sagt Albrecht Weckmann. Der selbstständige Künstler leitete den ersten Zeichen-Workshop der Staatsgalerie für Erwachsene. Im Museum zeigte er zunächst, wie unterschiedlich bekannte Maler ihre Zeichnungen anfertigten. Dann ging es auf den Schlossplatz: Hier sollte die Gruppe selbst Straßenszenen aufs Papier bringen.

Die Motive der Teilnehmer sind unterschiedlich: Die Architektin Grete Lochmann aus Stuttgart wollte einfach mal ausprobieren, wie es ist, wieder mit der Hand zu zeichnen. Im Büro werden längst alle Zeichnungen über Computergrafikprogramme erstellt. Miriam Häfele aus Stuttgart hat ihren Job als Bibliothekarin aufgegeben und wird ab Oktober Kunst in Karlsruhe studieren. Sie nutzt alle Möglichkeiten, vorher noch etwas zu üben. „Ich zeichne heute zum ersten Mal“, sagt dagegen die Kunsttherapeutin Birgit Ziegler aus Wernau, die sich bisher der Malerei gewidmet hat.

„Zu jeder Ausstellung gehört inzwischen ein Begleitprogramm“, erklärt Annette Frankenberger von der Staatsgalerie. „Kindern lässt sich Kunst am besten in Workshops vermitteln. Für Erwachsene bieten wir Vorträge oder Führungen an. Der Workshop ist Teil des Rahmenprogramms unserer Grafikausstellung und ein Probeballon, auch Erwachsene zum Selbermachen anzuregen.“ Nach der positiven Resonanz denke die Staatsgalerie nun über Wiederholungen nach.

Den Blick aufs Motiv richten

„Nur fünf Prozent sind Begabung“, ermuntert Weckmann indessen seine Truppe, die sich rund um den Musikpavillon auf dem Schlossplatz verteilt hat und auf Motivsuche ist. „Alles andere ist Strategie. Und die lässt sich lernen.“ Man soll so wenig wie möglich aufs Papier schauen, sondern auf das Motiv, das sich in der Regel bewegt. Darum heißt es: schnell arbeiten und die Skizze auf das Wichtigste reduzieren. „Ich mache das zum ersten Mal im Freien“, sagt Norman Said, Arzt im Ruhestand. Er hat schon früher gerne gezeichnet – in Arbeitspausen zur Entspannung. Doch das hier sei anders: „Alles hier draußen ist in Bewegung. Das macht es komplizierter.“

Napoleon hatte auf seinen Feldzügen Zeichner dabei, die seine Heldentaten zu Papier bringen mussten. Und wenn früher begüterte Leute auf Bildungsreisen gingen, hielten sie ihre Eindrücke in aquarellierten Reisetagebüchern fest. Das dokumentarische Zeichnen blickt auf eine lange Tradition zurück, die erst durch die Fotografie zu Ende ging. Und vor zehn Jahren neu belebt wurde: Im amerikanischen Seattle zogen junge Leute mit Stift und Block los, um ihre Stadt zu zeichnen. Das Motto der „Urban Sketchers“, wie sich die Gruppe nannte: Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung. Seitdem sind weltweit viele weitere Gruppen der „Urban Sketchers“ entstanden. Über das Internet werden die Skizzenblätter gezeigt und ausgetauscht.

Breitensport und Kulturtechnik

Die Stuttgarter Gruppe ist erst vier Jahre alt, umfasst jedoch bereits 400 Mitglieder und wächst beständig weiter. Heiko Fischer, im Brotberuf Redakteur bei einem naturwissenschaftlichen Verlag, koordiniert die Aktivitäten. Man trifft sich in der Regel einmal monatlich, um miteinander zu zeichnen. „Das Wort Kunst fällt bei uns selten. Zeichnen ist für uns eher Breitensport und eine Kulturtechnik. Jeder kann mitmachen“, erklärt Fischer. In der Gruppe finden sich eine 89-jährige ehemalige Bühnenbildnerin ebenso wie Kinder und Teenager, die von ihren Eltern mitgenommen werden.

Ist Urban Sketching politisch? „Wir stoppen damit keine weiteren Einkaufszentren“, so Fischer. „Man lernt jedoch, genauer hinzusehen und kommt miteinander ins Gespräch über die Stadt. Und das kann durchaus dazu führen, dass sich das Verhältnis zur eigenen Stadt ändert.“

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04.09.2017, 06:00 Uhr
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