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Mit Baukrediten wird gegeizt
Glückliche junge Familien vor ihrem Eigenheim mit solchen Motiven umgarnen Banken gerne ihre Kunden. Doch bei der Kreditvergabe blocken dann manche Institute ab. Foto: Getty Images/Westend61
Junge Familien, Ältere und Selbstständige haben Probleme bei Finanzierung

Mit Baukrediten wird gegeizt

Junge Familien, Senioren und Selbstständige beklagen, dass sie schwer einen Immobilienkredit bekommen. Legen Sparkassen neue Regeln zu streng aus?

10.08.2016
  • DIETER KELLER

Berlin/Stuttgart. Wer derzeit eine Wohnung oder ein Haus kaufen möchte, findet traumhafte Kreditkonditionen. Bei 10 Jahren Zinsbindung gibt es Angebote deutlich unter 1 Prozent, bei 15 Jahren ab 1,2 Prozent. Doch manchem Kunden zeigen Sparkassen oder Banken seit einigen Monaten die kalte Schulter, weil ihnen das Risiko zu groß ist. Verbraucherschützer können das nicht nachvollziehen.

Das Problem ist die Wohnimmobilienkreditrichtlinie der Europäischen Union, die im März in deutsches Recht umgesetzt worden ist. Sie soll Verbraucher vor teuren Fehlentscheidungen schützen. Kreditinstitute müssen die Kreditwürdigkeit strenger prüfen und dies dokumentieren. Offenbar legen sie die Regeln unterschiedlich strikt aus.

So wird kolportiert, junge Familien bekämen keinen Kredit, weil es schwierig sei, ihre Einkommensentwicklung über Jahrzehnte vorherzusagen. Auch sei es nicht mehr möglich, zum Ausgleich eine langfristige Wertsteigerung der Immobilie zu berücksichtigen. Ältere ab 55 Jahren bekämen Schwierigkeiten, weil die Banken nachweisen müssten, dass sie die Kredite noch zu Lebzeiten tilgen können. Als weitere Problemgruppen werden Selbstständige mit schwankendem Einkommen genannt sowie Grenzgänger, die eine Immobilie in Deutschland finanzieren wollen, aber in einem Land mit anderer Währung arbeiten, etwa in der Schweiz. Hier spielt das Währungsrisiko eine Rolle.

Ein Teil der Banken ist neuerdings bei der Vergabe von Wohnungsbaukrediten deutlich zurückhaltender, ergab eine Umfrage der Deutschen Bundesbank. Die Sparkassen in Baden-Württemberg beklagen im zweiten Quartal einen Rückgang der Darlehenszusagen für Immobilien um 20 Prozent. In den ersten drei Monaten des Jahres, also vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes, hatten sie noch um 13 Prozent zugenommen.

Der Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg, Peter Schneider, bemängelt insbesondere, nach den neuen Bestimmungen sei unklar, in welchem Umfang der Wert der Immobilien berücksichtigt werden dürfe. Stattdessen müssten Sparkassen und Banken jetzt in erster Linie nachweisen, dass die Kreditnehmer Zinsen und Tilgung jederzeit über die gesamte Laufzeit aus ihrem Einkommen aufbringen könnten. Das sei etwa bei Selbständigen oder jungen Familien oft schwierig. Zudem sei ein enormer bürokratischer Aufwand nötig. Bei Rentnern, die ihre Immobilie altersgerecht umbauen wollten, müsse die statistische Lebenserwartung viel stärker berücksichtigt werden.

Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, kann diese Klagen nicht nachvollziehen: „Ich halte das alles für reichlich unbegründete Propaganda gegen eine Verschärfung der Regeln zum Verkauf von Darlehen.“ Er beruft sich auf den Gesetzestext. Danach muss die Prüfung der Kreditwürdigkeit ergeben, dass es wahrscheinlich ist, dass der Darlehensnehmer seinen Verpflichtungen „vertragsgemäß nachkommen wird“ – für Nauhauser eine Selbstverständlichkeit. Sie dürfe sich nicht hauptsächlich darauf stützen, dass der Wert der Immobilie voraussichtlich zunehme.

Einer der Hauptknackpunkte ist offenbar die Pflicht der Bank, die Beratung ausreichend zu dokumentieren. Hat sie dies vernachlässigt, kommen die Kreditnehmer leichter aus einem ungünstigen Vertrag heraus – und die Banken haften schneller. Gerade kleinere Kreditinstitute sind verunsichert, weil sie sich in der Vergangenheit mit ähnlichen Fehlern die Finger verbrannt haben, etwa fehlenden Widerrufshinweisen. Das hat manche viel Geld gekostet. Jetzt tun sie sich schwer, solange schwammige Begriffe im Gesetz nicht geklärt sind.

Nauhauser hält es nicht für schlimm, wenn manche Anbieter erst einmal übervorsichtig sind. Vielleicht unterschätzten ja Verbraucher das Risiko, dass die Zinsen eines Tages wieder steigen. Er rät, auch andere Banken zu fragen. Die Sparkassen seien nicht immer die billigsten, sagt er mit Blick auf Direktbanken. In der Beratung der Verbraucherzentralen sind Probleme aufgrund des neuen Gesetzes bisher kein großes Thema.

Es fällt auf, dass die Klagen hauptsächlich aus dem Sparkassen- und Volksbankenlager kommen. Dagegen hat der Bankenverband, in dem die privaten Institute organisiert sind, bisher von Mitgliedern keine Probleme gehört. Aus dem Bundesjustizministerium heißt es, es gebe sowohl positive als auch kritische Rückmeldungen. „Ein einheitliches Bild ergibt sich daraus nicht.“ Es wehrt sich gegen den Vorwurf, die EU-Richtlinie strenger als nötig umgesetzt zu haben. So habe die Regierung bei den Verhandlungen eine flexiblere Formulierung bei der Prüfung durchgesetzt, um Darlehen an Ältere nicht zu erschweren. Auch gebe es ausreichend Spielraum, den Interessen junger Familien gerecht zu werden. Das Ministerium ist in Gesprächen mit der Kreditwirtschaft und den Verbraucherzentralen.

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10.08.2016, 06:00 Uhr
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