Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Die gemeinschaftliche Vergewaltigung wird ohne Publikum und Presse verhandelt

Missbrauchsfall Hepper-Halle: Die Öffentlichkeit ist draußen

Vier junge Männer, die seit April in Untersuchungshaft sitzen, wurden gestern mit Fußfesseln in den Tübinger Schwurgerichtssaal geführt. Ihnen wird gemeinschaftliche Vergewaltigung einer 24-jährigen Frau vorgeworfen. Doch noch vor der Verlesung der Anklageschrift war die Öffentlichkeit schon ausgeschlossen.

15.10.2015
  • Ulla Steuernagel

Missbrauchsfall Hepper-Halle: Die Öffentlichkeit ist draußen
Alle haben im Schwurgerichtssaal zur Verhandlung wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung Platz genommen, nur die Angeklagten noch nicht. Von links: Staatsanwältin Rotraud Hölscher, dahinter die Dritte Große Jugendkammer aus Schöffe Helmut Opitz, Beisitzerin Diana Scherzinger, Vorsitzender Richter Martin Streicher, Beisitzer Benedikt Quarthal und Schöffin Inge Belsner. Bild: Metz

Tübingen. Der Saal war voll, viele Medienvertreter im Publikum. Betreten werden konnte der Raum nur unter Vorlage eines Ausweises und durch eine Sicherheitsschleuse. Kameras waren erlaubt, solange die vier Angeklagten noch nicht im Raum waren. Doch für das weitere Verfahren sind nicht nur die Kameras, sondern ist die gesamte Öffentlichkeit aus dem Saal verbannt.

Die Dritte Große Jugendkammer des Tübinger Landgerichts unter dem Vorsitz von Richter Martin Streicher entschied, dass der Schutz der zur Tatzeit noch nicht erwachsenen Angeklagten schwerer wiegt als das öffentliche Interesse.

Nicht nur die Vertreterin der Nebenklage, also die Anwältin des Opfers, stellte den Antrag, nicht-öffentlich zu verhandeln. Die Schilderung des Tathergangs berühre die Intimsphäre ihrer Mandantin empfindlich. Diese sei ohnedies in keinem guten Zustand, sagte die Anwältin. Die Tat habe die Frau „psychisch extrem belastet“ und sie befinde sich derzeit in stationärer Behandlung.

Auch die Staatsanwältin schloss sich diesem Antrag an und führte außerdem noch die schutzwürdigen Interessen der Angeklagten an, von denen drei zur Tatzeit zwischen 18 und 21 Jahren alt waren. Und noch ein Argument gegen das Publikum im Saal brachte sie vor: Man solle den jungen Männern keine Plattform bieten, sich zu produzieren. Es sei erforderlich, so befand sie, die „Angeklagten vor sich selbst zu schützen“.

Fünf Verteidiger stehen den vier Angeklagten zur Seite. Mehrheitlich waren sie ebenfalls der Ansicht, schon die Anklage nur im Kreis der Prozessbeteiligten zu verlesen. Nur einer der Anwälte sprach sich dagegen aus, wie er meinte, habe die Staatsanwaltschaft ohnehin schon die Öffentlichkeit haarklein informiert.

Mitte August hatte die Staatsanwaltschaft der Presse mitgeteilt, dass gegen einen 19-Jährigen, zwei 20-Jährige und einen 23-Jährigen Anklage erhoben worden war. Den vier Männern wird vorgeworfen, dass sie am Samstag, 28. März, gemeinsam eine 24-jährige Frau auf dem Gelände der Albert-Schweitzer-Schule in der Tübinger Weststadt vergewaltigt haben. Zwei der jungen Männer sollen die Angetrunkene im Raucherbereich einer Party in der Hepper-Halle kennengelernt und auf das angrenzende Gelände gelockt haben.

Kusshand für die Mutter

Die Polizei hatte in der Folgezeit hunderte von Partygästen befragt. Nach drei Wochen schließlich konnten sie einen Ermittlungserfolg vermelden. Über eine DNA-Spur am Tatort kamen sie auf einen der Angeklagten, einen 20-jährigen Dußlinger. Zwei der Männer sind aus Nehren und einer ist aus Mössingen. Alle vier, so viel war bei Gericht zu erfahren, wohnen noch bei ihren Eltern und sind nicht berufstätig.

Missbrauchsfall Hepper-Halle: Die Öffentlichkeit ist draußen
Großer Medienauftrieb, doch am Ende wurden Journalisten und Öffentlichkeit aus dem Saal verbannt. Hier verkürzt sich Alexander Jürgs von der „Welt“ die Wartezeit im Tübinger Gerichtsgebäude mit dem Verfassen des Artikels. Bild: Steuernagel

Die vier Männer streiten die Vorwürfe ab, die gegen sie erhoben werden. Ihre Versionen der Tatnacht klingen anders: Es habe keinen sexuellen Kontakt gegeben oder er sei einvernehmlich geschehen.

Als die Angeklagten gestern Nachmittag gesenkten Hauptes den Schwurgerichtssaal betraten, wirkten sie leicht eingeschüchtert. Jeder kam aus einer anderer Vollzugsanstalt, einer nach dem anderen wurde mit Fußfesseln hineingeführt und dabei von Justizbeamten bewacht. Die vier tragen alle modische Undercuts, also die Haare seitlich kurzgeschoren. Jeder von ihnen scheint ausgiebig Krafttraining zu machen.

Nachdem das Gericht über die Ausschlussfrage beraten hatte, schien sich die Atmosphäre auf der Anklagebank zu lockern. Der 19-jährige Angeklagte lächelte seinem Vater, einer der beiden 20-Jährigen warf seiner Mutter eine Kusshand zu. Man tauschte Blicke und wirkte erleichtert.

Das Publikum hatte sich nach einer gewissen Wartezeit auf dem Korridor schon weitgehend verlaufen, dieser Teil der Öffentlichkeit hörte also nicht mehr, dass er ausgeschlossen werden sollte.

Der Vorsitzende Richter begründete den Ausschluss damit, dass drei der Angeklagten noch als Heranwachsende zu bezeichnen sind und ein öffentliches Verfahren ihre berufliche und persönliche Entwicklung nachhaltig beeinflussen könnte. Die jungen Männer wiesen viele Auffälligkeiten auf. So habe etwa der Jüngste in der Vollzugsanstalt gezeigt, dass es ihm an Respekt gegenüber den Bediensteten mangele und er nicht in der Lage zu einem sachlichen Umgang mit Konflikten sei. Die Möglichkeit, sich vor einem breiten Publikum darzustellen, könnte auch das „authentisches Bild“ beeinflussen, das die Kammer sich von den Angeklagten machen wolle. Der Richter führte außerdem die „Vorverurteilung durch die Presse“ an, in der schon von „Gruppen-, oder Massenvergewaltigung“ die Rede gewesen sei. Überdies sei auch die psychische Belastung des Opfers Grund, die mit insgesamt neun Tagen angesetzte Hauptverhandlung nicht-öffentlich zu führen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Niemand fragt an der Bar nach Uli: Kampagne wirkt trotzdem Stadtverwaltung ist mit Wirkung ihrer Präventionskampagne zufrieden
Kommentar über Belästigungen in der Disco Ein Griff an den Po ist kein Kompliment

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular