Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
„Mir ist egal, was die Leute über mich denken“
Sido findet es lustig, dass er in einem Film über Sinti einen Deutschen spielt, obgleich er selbst Sinti-Wurzeln hat. Foto: Stefan Hoederath/Getty Images
Prominente

„Mir ist egal, was die Leute über mich denken“

Rapper Sido über seine Filmrolle in der ARD, seine Sinti-Wurzeln und warum er jetzt Hörspiele für Kinder macht.

05.12.2017
  • CORNELIA WYSTRICHOWSKI

Berlin. Er trat mit Totenkopf-Maske auf, brachte mit derben Songtexten die Jugendschützer gegen sich auf und prägte die deutsche Rap-Szene: Sido, der mit bürgerlichem Namen Paul Würdig heißt. Nun spielt der Musiker die Hauptrolle in der Tragikomödie „Eine Braut kommt selten allein“, die am Nikolaustag (20.15 Uhr) im Ersten läuft. Als Johnny, gescheiterter Clubbesitzer aus Berlin, nimmt er Roma-Mädchen Sophie bei sich auf, das eines Tages vor seiner Tür sitzt – und verliebt sich in sie. Kurz darauf kommt Sophies Großfamilie nach. Johnny versucht, sie alle vor der Abschiebung zu bewahren.

Sido, Sie stammen aus einer Sinti-Familie und spielen jetzt in einem ARD-Fernsehfilm über Sinti und Roma mit. Wie kam es dazu?

Sido: Der Produzent Marc Conrad hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Er weiß, dass ich Sinti-Wurzeln habe, ich mache ja schließlich keinen Hehl daraus. Und weil mir das Thema sehr gefällt, habe ich zugesagt. Besonders lustig finde ich, dass ich im Film einen Deutschen spiele, obwohl ich selber Sinti-Wurzeln habe – aber das sieht man mir ja nicht an.

Seit einer Weile rappen Sie ja auch über diesen Aspekt Ihres Lebens. Gab es einen bestimmten Anlass?

Den gab es. Ich habe zwar eine große Familie, aber nur wenige Menschen, mit denen ich viel zu tun habe. Mein Opa ist vor einer ganzen Zeit gestorben, und vor etwa zwei Jahren ist auch noch sein Bruder gestorben. Er war der letzte Mann in der Familie, mit dem ich noch zu tun hatte, der mir noch Dinge über uns hätte erzählen können. Leider habe ich es aber verpasst, mit ihm darüber zu sprechen, und daraufhin habe ich mich selber damit befasst, und da sind die Songs entstanden.

Redet denn Ihre Mutter nicht gerne über die Familie?

Doch, sie redet schon viel darüber, aber sie hat eine andere Sichtweise. Frauen werden in ihrer Familie traditionell nicht so gut behandelt, und sie wären gern freier, als sie sind – das ist eine Kulturfrage.

Kürzlich gab es Wirbel um den Jugendfilm „Nellys Abenteuer“: Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisierte, der Film schüre Vorurteile und sei rassistisch. Mit welchen Reaktionen rechnen Sie bei „Eine Braut kommt selten allein“?

Der Verein wird bestimmt irgendwas finden, was wir hätten anders machen sollen. Aber ich finde, wir haben alles richtig gemacht.

Nach Angaben der ARD ist „Eine Braut kommt selten allein“ der erste Film, der die Lebenswirklichkeit der Roma in den Mittelpunkt stellt. Wird diese Kultur gut getroffen?

Ja, auch wenn der Film in 90 Minuten natürlich nicht die ganze Kultur vollständig darstellen kann. Aber er zeigt zum Beispiel, dass diese Leute sehr familiär und loyal sind. Die Familie hält zusammen und man gehört für immer und ewig dazu, egal was passiert. Und sie sind sehr musikalisch, was mir persönlich besonders wichtig ist. Der Film zeigt aber auch die Probleme – dass die hier und da klauen, dass die sich durchs Leben tricksen. Aber es wird auch erklärt, warum das so ist, und das finde ich spannend. Der Film zeigt, dass Sinti und Roma die Randgruppe aller Randgruppen sind – die, um die sich keiner kümmert. Die werden vergessen und zur Seite geschoben .

Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und haben es als Musiker ganz nach oben geschafft. Verspüren Sie eine besondere Verpflichtung, etwas für die Benachteiligten der Gesellschaft zu tun?

Ob ich Menschen helfen möchte, hat nichts damit zu tun, wie viel Geld ich besitze. Früher hatte ich nichts. Wenn ich damals mit der Bahn von der Schule nach Hause gefahren bin und ein Bettler kam rein, habe ich dem mein Schulbrot gegeben. Ich vertraue darauf, dass jeder Mensch mit einem moralischen Kompass geboren wird und weiß, was gut und schlecht ist, wem geholfen werden muss und wem nicht.

Wie bereiten Sie sich auf Filme vor?

Ich habe nur einmal in meinem Leben, bevor ich den ersten Film gedreht habe, für zwei Stunden mit einem Coach gesprochen. Der hat mir verschiedene Fragen gestellt, und irgendwann meinte er „Du schaffst das“ und ging. Das hat mich beruhigt. Seitdem mache ich Learning by doing. Ich finde, ich werde von Film zu Film, von Szene zu Szene besser.

Hilft es, dass Sie schon viele Musikvideos gedreht haben?

Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn man ein Video dreht, performt man in die Kamera, für die Leute dahinter. Im Film dagegen vergisst du im besten Fall die Kamera. Scheu vor der Kamera hatte ich noch nie, weil ich wie jeder Künstler gerne im Mittelpunkt stehe.

Der Johnny, den Sie im Film spielen, ist ein gutmütiger, friedlicher Kiffer. Ihr Image ist ja ein ganz anderes . . .

Gutmütig bin ich auch. Aber ich kann besser ,Nein' sagen als Johnny, dem fehlt ein bisschen Rückgrat, und das kann ich von mir nicht sagen.

Wollen Sie mit dem Film Ihr altes Image als Gangster-Rapper loswerden?

Meine Karriere besteht nicht aus einem Image, sondern aus mir, aus dem Menschen. Als ihr mich zum ersten Mal gehört habt, war ich 18. Heute bin ich ein anderer. Was erwartet man denn von mir? Soll ich auf einer Bahnhoftoilette liegen und mir Heroin spitzen, bin ich dann cool? Nein, was die Menschen über mich denken, ist mir egal.

Sie haben gerade ein Kinderhörspiel produziert, in dem es um eine fleißige Biene geht. Das klingt schon ganz schön brav . . .

Ich habe vier Kinder und finde es einfach cool, ein Hörspiel für Kinder zu machen. Die hören abends immer Hörspiele zum Einschlafen, und ich möchte, dass die auch eines von mir hören.

„Eine Braut kommt selten allein“ läuft ja am Nikolaustag im Fernsehen. Wie feiern Sie diesen Tag mit Ihrer Familie?

Wir stellen dem Nikolaus geputzte Schuhe hin, und wer böse war, kriegt ein Stück Kohle reingesteckt. Das bin dann meistens ich.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.12.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular