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„Mir geht es um Emotionen“
Wanderer zwischen musikalischen Welten: Sir Karl Jenkins. Foto: Rhys Frampton
Komponist

„Mir geht es um Emotionen“

Sir Karl Jenkins war mit Soft Machine ein Rockstar, schreibt aber erfolgreich Chor- und Orchesterwerke wie die Messe „An Armed Man“.

11.07.2018
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Ulm. Er ist der erste walisische Komponist, der zum Ritter geschlagen wurde: Sir Karl Jenkins. 1944 in Penclawdd geboren, lernte er als Kind Klavier, Oboe und Saxophon. Er studierte an der Cardiff University und der Royal Academy of Music in London, war als Oboist Orchestermusiker. Er spielte aber auch Jazz und Rock, 1970 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Jazzrock-Band Nucleus. 1972 stieg er in der Progrock-Band Soft Machine ein, prägte sie als Songwriter und Keyboarder. In den 80er und 90er Jahren komponierte er erfolgreich Werbemusik, „Adiemus“ war ein Welthit. Seit den späten 90ern ist Jenkins vor allem als Komponist groß angelegter Vokal- und Orchesterwerke tätig, in denen er seine Kenntnisse populärer, klassischer und ethnischer Musik zusammenführt, darunter „The Armed Man: A Mass for Peace“ (1999), „Requiem“ (2005), „Te Deum“ (2008) und „The Peacemakers“ (2012).

Sir Karl, Sie haben „An Armed Man“ unter dem Einfluss des Kosovo-Kriegs geschrieben. Der letzte Satz klingt mit der Hoffnung auf Frieden aus. Nun, 20 Jahre später, ist dieses Werk so relevant wie eh und je. Ist das nicht erschütternd?

Karl Jenkins: Die Welt hat so weitergemacht und ist heute wohl in einem noch schlimmeren Zustand. Ja, es ist traurig.

Ihre Messe wird in Ulm zum Finale des Internationalen Donaufests aufgeführt, das Menschen aus vielen Ländern zusammenführt. Was kann Musik leisten?

Musik hat Kraft, Musik bewegt die Menschen emotional. Jede Kunst, ob Literatur oder Malerei, kann Menschen durch ihre spirituelle Qualitäten erreichen, aber Musik wirkt am unmittelbarsten. Und im Fall von „An Armed Man“ geht es auch um die Texte, um eine Friedensbotschaft. Manche Zuhörer weinen, das ist eine unglaubliche Erfahrung, die mich dankbar macht. Aber ich weiß: Das Stück bewegt die Menschen in diesem Moment, und wenn dieser Augenblick vorbei ist, wird die Welt nicht einfach besser. Es ist schon so viel großartige spirituelle Musik von viel besseren Komponisten geschrieben worden, und trotzdem ist die Welt voller Konflikt und Krieg.

Sie haben verschiedene historische, religiöse und literarische Texte verwendet, von der Bibel über Kipling und Swift bis zum muslimischen Gebetsruf und dem indischen Mahabharata. Was steckt dahinter?

Grundlage ist die katholische Messe mit ihren Sätzen Kyrie, Sanctus, Agnus Dei und Benedictus sowie ein Folksong aus dem 15. Jahrhundert, „L'homme armé“. Ich wollte aber eine universelle Aussage und nicht auf eine Religion begrenzt sein, daher diese vielfältigen Elemente: vom muslimischen Gebetsruf über britische und irische Dichter bis zum japanischen Poeten Sankichi Toge, der die Atombombenexplosion von Hiroshima überlebt hat, einige Jahre später aber an den Folgen gestorben ist.

Was würden Sie ändern, wenn Sie das Werk heute schreiben würden?

Der Balkan-Konflikt war damals so präsent, natürlich war es naheliegend, das Stück den dortigen Opfern zu widmen. Heute würde ich es wohl den Flüchtlingen und den Opfern in Syrien widmen – aber im Kern würde das am Stück nichts ändern. Die Messe ist mittlerweile rund 2500 Mal aufgeführt worden, also im Durchschnitt zweimal pro Woche seit der Uraufführung. Ihre Anziehungskraft lässt offensichtlich nicht nach.

„An Armed Man“ wird oft von Laienmusikern gespielt und gesungen. War Ihnen das wichtig, so zu komponieren, dass nicht nur Berufsmusiker das Werk aufführen?

Schon, aber meine musikalische Sprache ist ohnehin ziemlich zugänglich. Ich habe klassische Musik studiert, dann Jazz und Rock gespielt, später Film- und Werbemusik gemacht – und als ich dann Werke wie „An Armed Man“ schrieb, waren all diese Einflüsse präsent. Es geht nicht darum, möglichst einfach, banal oder gar anbiedernd zu komponieren – meine natürliche musikalische Sprache ist einfach eine verständliche. Ich hoffe, dass sie trotzdem Substanz hat und sich die Menschen gern daran erinnern. Die Musik muss eine emotionale Wirkung haben, denn darum geht es mir als Komponist.

Viele kennen Sie durch „Adiemus“. Sie haben bekannte Werbemusiken geschrieben, für Regisseure, die später dann große Filmerfolge feierten, wie Ridley Scott, Alan Parker, Hugh Hudson . . .

Dabei habe ich viel gelernt. London war damals so eine kosmopolitische Stadt, es gab so viele ethnische Einflüsse von arabischer Musik bis zu exotischer Percussion, mit denen ich mich auseinandersetzen konnte. Als ich dann später angefangen habe, Orchesterwerke zu schreiben, waren außereuropäische Einflüsse immer wichtig für mich, aber nicht nur in der Musik, sondern auch in den Texten.

Als junger Musiker haben Sie im Orchester gespielt, aber ebenso in Jazz- und Rock-Bands. Diese beiden Welten waren damals ziemlich strikt getrennt. Wollten Sie diese Welten von Beginn an verbinden, etwa als Sie bei Soft Machine progressiven Rock gemacht haben?

Ich habe Musik nie kategorisiert. Es sind immer die gleichen zwölf Noten, und es geht darum – egal in welchem Stil –, etwas mit Geschmack und Integrität zu schreiben. Letztlich komponiere ich auch immer für mich selbst, und wenn es den Menschen gefällt, dann ist das wunderbar.

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11.07.2018, 06:00 Uhr
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