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Hunger nach Aufstieg und Erfolg

Ministerpräsident und Finanzminister erleben aber auch das Elend vieler Chinesen

Mit China pflegt das vergleichsweise kleine Baden-Württemberg seit Jahrzehnten enge Verbindungen. Nun hat nach 20 Jahren wieder ein Ministerpräsident das Land besucht. Er stieß auf offene Türen.

24.10.2015
  • ELISABETH ZOLL

Das Verstehen fängt in der Vergangenheit an - und an einem Ort der früher einmal Chinas Zentrum war: Nanjing. Der erste Herrscher der Ming-Dynastie hatte dort seinen Sitz, Jahrhunderte später, zwischen 1928 und 1949, chinesische Nationalisten, dazwischen fremde Mächte, aus dem Westen und aus Japan, deren Wirken und Wüten heute noch als Schmach empfunden wird. In der gut sechs Millionen Einwohner großen Stadt am Beginn des Jangtse-Deltas zeigt sich bildlich, was China nie mehr werden will: Opfer fremder Mächte. Die von der kommunistischen Regierung lebendig gehaltene Erinnerung an Massaker und Unterlegenheit ist die Grundmelodie der Vision vom Morgen.

Partnerschaft auf Augenhöhe fordert das aufstrebende Land. Das erfuhren auch die Mitglieder der Politik-, Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegation aus Baden-Württemberg bei ihrem Besuch in Nanjing, dem heutigen Kraftzentrum Chinas. Dunkler Stein und weiter weißer Grund geben der Massacre Memorial Hall die äußere Gestalt. Im katakombenartigen Inneren wird an 300 000 Menschen erinnert, Opfer japanischer Soldaten, die 1937 in die Stadt eingefallen waren. Frau Ai Yi Ying hat die Tage noch im Gedächtnis. Und sie erzählt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Finanzminister Nils Schmid (SPD) davon auf dem Memorial-Gelände. Auch sie hat in den Tagen wilder Barbarei Angehörige verloren. Der Anblick der starrgefrorenen Leiche ihres Vaters in blutdurchtränkten Kleidern geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. "Das kann ich nicht vergessen", sagt sie mit Tränen in tiefliegenden Augen.

Ausgerechnet ein Deutscher, John Rabe, hilft damals dem Kind beim Überleben. Der Nationalsozialist und Siemens-Manager für China errichtet im Zementwerk von Nanjing aus eigenem Antrieb eine Schutzzone für die bedrängten Einwohner der Stadt. Eine riesige NS-Flagge, über Baracken gespannt, wird zum Signal an die Kampfbomber des Hitler-Verbündeten Japan, das Grundstück zu verschonen.

Die kühne Intervention rettet Hunderttausenden Chinesen das Leben. Sie ist im heutigen Nanjing ebenso wenig vergessen wie der Umstand, dass Deutschland im Gegensatz zu Japan seine Kriegsverbrechen nicht verschweigt.

Auch das schwingt mit, wenn sich Türen für Deutsche öffnen - vor allem in Nanjing, der Hauptstadt der Provinz Jiangsu, aber auch in Shenyang, Zentrale der Provinz Liaoning, zu den Baden-Württemberg seit Jahrzehnten Partnerschaftsbeziehungen unterhält. In dieser nordöstlichen Region, dem Ruhrpott Chinas, konzentrieren sich Probleme und Hoffnungen auf kleinem Raum. Schwer- und Kohleindustrie hinterlassen Spuren, die in der Luft, dem Wasser und den Böden allgegenwärtig sind. Die Umweltbelastung ist gigantisch. Das erfährt Kretschmann nicht nur im Gespräch mit Vertretern von Umweltorganisationen, das wird auch auf politischer Ebene thematisiert. So lobt der Grünen-Politiker aus Deutschland ausdrücklich, dass die Partnerregion Jiangsu als Vorreiter auf chinesischer Seite einem internationalen Bündnis aus 44 klimaschutzaktiven Regionen beigetreten ist, die sich zu einer massiven CO2-Reduktion verpflichten. Das Thema ist existenziell. Kretschmann: "Ich komme nicht hier her, um grüne Lieder zu singen. Scheitert China im Umweltschutz, scheitern wir global." Für Know how und Umwelttechnologie, ressourcenschonende Produktionsverfahren aus Baden-Württemberg jedenfalls sieht der Ministerpräsident ein riesiges Potenzial.

Vertrauen festigen und ausloten, wie weit der Stand der Entwicklung tatsächlich ist, Kooperationen auch im Ausbildungs- und Wissenschaftsbereich - all das spielt mit, wenn sich Vertreter der Delegation, der auch Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, Umweltminister Franz Untersteller, Kultusminister Andreas Stoch und Verkehrsminister Winfried Hermann angehören, mit chinesischen Gesprächspartnern treffen. Interessen und Probleme der heimischen Wirtschaft - 175 baden-württembergische Firmen unterhalten Niederlassungen in China, was deutsche Exporte betrifft ist das Land auf Rang zwei - stehen dabei mit auf dem Plan. "Kein Mittelständler kommt an China vorbei", sagt Kretschmann. So geht es bei Gesprächen um verbesserte Marktzugangsbedingungen, um Rechtsstaatlichkeit, aber auch um den Schutz geistigen Eigentums. Auf acht Milliarden taxiert Dietrich Birk, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, in diesem Bereich den jährlichen Schaden für die deutsche Industrie.

Auch andere kritische Punkte hat Wirtschaftsminister Schmid im Gepäck. "Es geht nicht nur darum was produziert wird, sondern auch wie." Der Gründer der Wanderarbeiterorganisation "Little Bird", Wei Wei, berichtet dem Gast von der Rechtlosigkeit der 275 Millionen chinesischen Wanderarbeiter - 35 Prozent der Erwerbstätigen - , die ohne Verträge Willkür ausgesetzt sind. Er hört von mangelndem Arbeitsschutz und fehlender sozialer Absicherung bei Unfällen oder Krankheit. Nil Schmid: "Ich nehme einen Hunger nach Aufstieg und Erfolgsgeschichte wahr. Doch China muss sich auch mit der sozialen Frage auseinandersetzen." Schon aus Gründen des sozialen Friedens.

Aufbau, Umbau - beides vollzieht sich parallel. An kaum einem anderen Ort lässt sich das besser besichtigen als in Shanghai. Jeden dritten Tag wird ein neues, gigantisches Hochhaus fertiggestellt, der Verkehr stößt längst an Grenzen, innerhalb weniger Monate ist das Verzeichnis der Straßen überholt. Fahrbeschränkungen und das Verbot von Verbrennungsmotoren für Zweiräder werden den gewaltigen Herausforderungen nicht gerecht. Dafür brauche es Innovationen, die sich nicht von oben herab verordnen ließen, wirbt Kretschmann am Abend in der Tongji-Universität in Shanghai. "Nur wo dem Denken keine Grenzen gesetzt sind, nur wo auch Visionen nicht von vornherein verworfen werden, kann wirklich Neues und Bahnbrechendes entstehen." Es ist ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft, die auf Würde des Menschen und Menschenrechte basiert. Welche Chancen solch eine Vision unter dem seit 2013 amtierenden Staatschef Xi Jinping hat, ist völlig offen. Bei aller wirtschaftlichen Offenheit weisen politisch die Zeichen auf Kontrolle verbunden mit großem Misstrauen gegenüber westlichen Werten. Manche Beobachter sprechen gar schon von einer "Putinisierung" der Politik.

Ministerpräsident und Finanzminister erleben aber auch das Elend vieler Chinesen
Jeden dritten Tag ein neues Hochhaus: Finanzminister Nils Schmid (links) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor der Skyline von Shanghai. Die Delegation aus Baden-Württemberg fand offene Türen im Reich der Mitte. Foto: dpa

Ministerpräsident und Finanzminister erleben aber auch das Elend vieler Chinesen
Oliver Radtke: China aus China heraus beurteilen. Foto: Elisabeth Zoll

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24.10.2015, 12:00 Uhr
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