Ab Herbst wird wohl im Zelt gespielt

Millionenschwerer Ärger um das Schauspielhaus

Der Vergleich zur Hamburger Elbphilharmonie ist übertrieben, doch ein Trauerspiel ist die Sanierung des Stuttgarter Schauspielhauses auch. Ihm sei einfach "Schrott" geliefert worden, sagt Intendant Hasko Weber.

11.04.2012

Von ROLAND BÖHM

Stuttgart Debakel. Blamage. Fiasko. Der Begriff Drama passt auch, doch beschreibt er die Abläufe bei der Sanierung des rund 50 Jahre alten Stuttgarter Schauspielhauses wohl nur unzureichend. Millionen wurden reingesteckt. Das Ergebnis: Zuschauer haben schlechte Sicht, die Technik hakt oder wurde vergessen und die Drehbühne ist schlicht unzumutbar, wie Intendant Hasko Weber sagt. Mancher unkt schon, dass sei ein Vorgeschmack auf den Bahnhofsumbau für Stuttgart 21.

Asbest raus und eine optische sowie technische Auffrischung für das 1962 eröffnete Haus - darum ging es eigentlich. Mit 24 Millionen wollten Land und Stadt hinkommen. Für gut die gleiche Summe sollte im Anschluss das Opernhaus nebenan grundsaniert werden. Do ch daran mag niemand denken. Zu schwierig ist schon der erste Bauabschnitt. Ein gutes Jahr sollte die Sanierung dauern. Drei könnten es am Ende sein, inklusive vier Umzügen.

Noch ganz lustig fanden es die Theaterleute, die Spielzeit 2010/11 in einer ehemaligen Mercedes-Niederlassung zu spielen. Es roch noch nach Autowerkstatt und hatte etwas Spezielles. Doch dann verzögerte sich alles, man blieb ein halbes Jahr länger, schluckte, improvisierte. Dass die Bestuhlung des Parketts zur Wiedereröffnung des alten Hauses im Februar 2012 nur provisorisch war, trübte die Stimmung kaum.

Schwerer wog da schon, dass Sicht und Akustik auf mehreren Plätzen eingeschränkt sind. Mit Nachbesserungen in der kommenden Sommerpause wollte man die Mängel ausmerzen. Doch der Blick hinter die Fassade war zu erschreckend: Nagelneue Kommunikationssysteme samt der Inspizientenpulte setzen immer wieder aus, Wand- und Deckenverkleidung ragen ins Bild, auf mehreren Plätzen fehlt Beinfreiheit. Und der Hammer: Die Drehbühne, das Herzstück, tut es hinten und vorne nicht. Anschlüsse für Licht und Ton sollen schlicht vergessen worden sein. Die Stabilität fehlt. Intendant Hasko Weber sagt: "Die Drehbühne ist Schrott."

Das Ganze ist so dramatisch, dass es Überlegungen gab, den Betrieb nun für eine Spielzeit komplett einzustellen. Das wurde in einer Krisensitzung abgewendet. Da keiner sagen kann, wie lange die neuerliche Sanierung dauert, geht es im Herbst wohl in ein Zelt. Nicht wenige sagen, es ist besser, gleich bis Mitte 2013 zu zelten. Zur Tragödie wird das Ganze inzwischen für Weber, wollte der angesehene Intendant das Haus doch 2013 in bester Verfassung an Nachfolger Armin Petras übergeben, der vom Berliner Maxim-Gorki-Theater kommt. Doch in welchem Zustand es sich dann befindet, vermag niemand zu sagen. Weber wechselt ans Weimarer Nationaltheater.

Obwohl nicht vom Fach, kam den Theaterleuten die Zeitplanung für die Sanierung von Anfang an spanisch vor. "Wir haben das immer wieder infrage gestellt", sagt Theater-Sprecherin Ingrid Trobitz. Doch wer hat da geschlampt?

Wolfgang Leidig, Ministerialdirektor im Finanzministerium, sagt: "Ich weiß es nicht." Ihm ist der Bauherr unterstellt, die Hochbauverwaltung Baden-Württemberg. Unter Druck hat er den Landesrechnungshof gebeten, die Vorgänge unter die Lupe zu nehmen. Warum kam es zu Bauverzögerungen? Welche Rolle spielten Sonderwünsche? Oder war das Ganze von vorneherein zu knapp geplant? Es brauche eine umfangreiche Analyse - man dürfe aber darüber nicht vergessen, eine Lösung für die Theaterleute zu finden. "Das Land muss sich da schnell was einfallen lassen", springt Rolf Bolwin bei, Direktor des Deutschen Bühnenvereins. Die Ursachen für so ein Desaster liegen seiner Meinung nach aber nicht allein beim Bauherrn, sondern tiefer: So sorge die Pflicht zur internationalen Ausschreibung zu einem erdrückenden Konkurrenzkampf samt Qualitätsverlust. "Außerdem wird der öffentliche Dienst immer weiter ausgedünnt, und dann wundert man sich, dass die es nicht mehr auf die Reihe bekommen", sagt Bolwin und meint Bauplanung wie Bauaufsicht. Immer wieder sei zudem zu beobachten, sagt Bolwin, dass die Kosten für derartige Kulturbauten vorher nicht seriös angegeben würden. Sie seien nicht nur beim Bau der Elbphilharmonie in Hamburg explodiert. Es geht nun darum, bis zur Sitzung des Verwaltungsrates der Staatstheater Stuttgart am Montag, 16. April, alle Rahmenbedingungen für die Zelt-Lösung im künstlerischen und praktischen Bereich, aber auch den Aspekt der Finanzierung zu einem beschlussfähigen Ergebnis zu bringen.

Das Bau-Debakel um das Stuttgarter Schauspielhaus nimmt kein Ende. Zuschauer haben schlechte Sicht, die Drehbühne ist laut Hasko Weber Schrott. Foto: dpa

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Erstellt:
11. April 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. April 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. April 2012, 12:00 Uhr

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