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Schulden

„Miete frisst das Budget auf“

Die Zahl der Schuldner steigt. Der Chef der Stuttgarter Schuldnerberatung macht die Wohnungsbaupolitik dafür verantwortlich.

21.01.2020

Von Dominique Leibbrand

In der Region Stuttgart kämpften 2019 mehr Menschen als im Vorjahr mit finanziellen Problemen. Foto: Stephanie Pilick/dpa

Stuttgart. Schuldner wird man in der Regel nicht über Nacht. Am Anfang stehe immer dieses eine unerwartete Lebensereignis, mit dem man nicht gerechnet habe, sagt Reiner Saleth, der die Stuttgarter Schuldnerberatung leitet. Man wird arbeitslos, schwer krank, hat einen Unfall, lässt sich scheiden, jemand stirbt oder man setzt ein Unternehmen in den Sand. Andere wiederum haben Probleme, richtig zu wirtschaften oder verdienen schlicht zu wenig. Allen gemein ist: Die Ausgaben übersteigen über einen längeren Zeitraum hinweg die Einnahmen. Schulden häufen sich an.

Stuttgart ist Spitzenreiter

In der Region Stuttgart ging das im vergangenen Jahr zum Stichtag am 1. Oktober 187 674 Erwachsenen so, wie der Finanzdienstleister Creditreform ermittelt hat. Die Zahl der Schuldner habe damit im Vergleich zum Vorjahr und gegen den Bundes- und Landestrend leicht zugenommen – um 0,2 Prozent beziehungsweise 327 Personen, sagte Creditreform-Geschäftsführer Thomas Schlegel am Montag, als er den aktuellen Schuldneratlas vorstellte. Dass die Schuldnerquote, die die Zahl der überschuldeten Personen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt, im gleichen Zeitraum gesunken ist – von 8,18 auf 8,13 Prozent – solle dabei nicht über die negative Entwicklung hinwegtäuschen. Ursache dafür sei der Bevölkerungsanstieg durch Zuwanderung, so Schlegel. Sprich: Die Schuldner stehen mehr Einwohnern gegenüber, was die Quote drückt.

Spitzenreiter in der Region war 2019 Stuttgart mit einer Schuldnerquote von 10,14 Prozent. Das entspricht 54 197 Personen, 407 mehr als im Vorjahr. Überschuldung bleibe ein großstädtisches Problem, sagte Schlegel. Das liege an hohen Mieten und Lebenshaltungskosten sowie der großen Zahl an Konsummöglichkeiten.

Reiner Saleth von der Schuldnerberatung nannte die hohen Mieten in Stuttgart aus seiner Sicht das drängendste Problem. „Das frisst den Leuten das Budget auf.“ Die Politik habe das Thema in den vergangenen Jahren verschleppt. Doch auch die Schuldner selbst könnten nach Darstellung Thomas Schlegels mehr tun. Obwohl die wirtschaftlichen Prognosen bereits 2019 gedämpfter ausgefallen seien, habe sich das nicht in den Ausgaben niedergeschlagen, analysierte er. Die Leute hätten trotz Schulden konsumiert und die vielen guten Jahre zuvor nicht dazu genutzt, um die Löcher auf dem Konto zu stopfen.

Rems-Murr-Kreis punktet

Ein Blick in die 23 Stuttgarter Stadtbezirke zeigt: Die meisten Schuldner wohnen in Mitte. Die Schuldnerquote liegt hier aktuell bei 16,15 Prozent und hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Ebenfalls hoch sind die Quoten in Wangen, Zuffenhausen und Bad Cannstatt. Stadtteile, in den sich die Überschuldung sozusagen festgesetzt hat. Am wenigsten finanzielle Schwierigkeiten haben indes die Einwohner von Sillenbuch mit einer Quote von 6,20 Prozent sowie von Birkach mit 6,34 Prozent.

Im Vergleich der Landkreise der Region konnte 2019 vor allem der Rems-Murr-Kreis punkten. Dort sank die Zahl der Schuldner um 437 auf 27 697 Personen. In den restlichen Kreisen stagnierten die Schuldnerzahlen entweder wie in Böblingen oder kletterten wie in Stuttgart, wenn auch moderat, nach oben.

Halbwegs positiv wertete Thomas Schlegel, dass die Zahl der Menschen, die besonders schwer verschuldet sind, leicht rückläufig ist (2019: 108 255, 2018: 112 889). Sie werden im Fachjargon als „hart“ verschuldet eingestuft, haben in der Regel also schon verschiedene juristische Eskalationsstufen bis zur Haftanordnung durchlaufen. Die überwiegende Zahl der Schuldner in der Region gehöre zwar weiterhin dieser Gruppe an, so Schlegel. Doch die Zahl der „weich“ Verschuldeten, bei denen sich die juristischen Auseinandersetzungen noch in Grenzen halten, steige. Ihre Zahl habe von rund 74 560 auf 79  400 spürbar zugenommen.

Immer mehr Senioren betroffen

Deutlich zugenommen hat die Schuldnerquote in der Alterklasse der 40- bis 49-Jährigen (10 Prozent) sowie bei den Senioren ab 70. Mittlerweile kämpfen laut der Erhebung 2,95 Prozent der Menschen dieser Altersklasse mit finanziellen Problemen. Am häufigsten verschuldet sind indes Menschen zwischen 30 und 39. Männer haben dabei doppelt so häufig Geldprobleme wie Frauen, was offenbar am mittlerweile überkommenen traditionellen Rollenbild liegt. Der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt daheim.

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Erstellt:
21. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 06:00 Uhr

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