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Zauderer mit Prinzipien

Michail Gorbatschow wird 80 Jahre alt

Heute kritisiert er Putins Politik, vor einem guten Vierteljahrhundert leitete er mit seinen Reformen das Ende der Sowjetunion ein: Michail Gorbatschow. Morgen wird der Erfinder der "Perestrojka" 80 Jahre alt.

01.03.2011

Von STEFAN SCHOLL

"Die schlechteste Partei, die ich je erlebt habe", sagte Michail Gorbatschow kürzlich über Putins Staatspartei "Einiges Russland". "Schlechter als die KPdSU?", wurde er gefragt. "Schlechter, natürlich schlechter." Gorbatschow, der letzte Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), verstummte für einen Moment, als überlege er, ob er sich nun ärgern müsse. Dann lächelte er. "Beleidigen Sie die KPdSU nicht!"

Morgen wird Michail Gorbatschow 80 Jahre alt. Der erste und einzige Präsident der Sowjetunion, der die kommunistische Parteidiktatur abschaffte, den Kalten Krieg beendete, aber den Zerfall der UdSSR nicht verhindern konnte. "Verräter" nennen ihn die meisten Russen heute, "Retter der Welt" wenige andere. "Der einzig lebende Mensch, von dem man sagen kann, er habe den Lauf der Geschichte verändert", meint der deutsche Kremlkenner Alexander Rahr.

Michail Sergejewitsch ist fülliger geworden, er verzichtet jetzt häufig auf den Schlips zu seinen Hemden. Aber seine tiefe Stimme hat ihre Geschmeidigkeit nicht verloren. Bei Presseterminen fängt er gern an, den Reporter zu duzen. Und antwortet manchmal auf ganz andere Fragen, als auf die, die ihm gestellt wurden. So wie viele Politiker alter sowjetischer Schule.

Seit der 19-jährige Michail als Jura-Student nach Moskau kam, belächeln die Hauptstädter seinen südrussischen Akzent. Sohn eines Traktormechanikers aus der Vorkaukasusregion Stawropol, Musterstudent, schon mit 21 Parteimitglied, was damals, zu Stalins Lebzeiten eine Ehre war.

Aber während er vom Stawropoler Bezirksapparatschik bis zum Politbüromitglied aufstieg, durchlitten die Menschen der Sowjetunion eine wachsende Bewusstseinsspaltung. Der ideologische Kitt aus Glaube an die Ideale des Kommunismus und Angst vor der Partei bröckelte. Gorbatschow gehörte zu den Parteikadern, die klug genug waren, um die Probleme zu bemerken. 1984 wurde er als Galionsfigur der Reformer zum Generalsekretär gewählt.

Sein Ziel war keineswegs, die Sowjetunion abzuschaffen, er wollte sie renovieren. Perestrojka, "Umbau", nannte er das, versuchte, den Sowjetsozialismus zu demokratisieren, erlaubte verbotene Bücher, kritische Zeitungsartikel und Fernsehsendungen. "Es war eine Epoche der Hoffnung, kultureller und geistiger Begeisterung", erinnert sich der Politologe Boris Meschujew. "Wir konnten Solowjow und Solschenizyn lesen, unzensierte Theaterstücke sehen."

Kulturell war die Perestrojka ein Versuch, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, wirtschaftlich eine Halbherzigkeit, außenpolitisch der mutige, vielleicht naive, Verzicht auf das traditionell blutige Handwerkszeug des eigenen Imperium. Gorbatschows Weigerung, die Proteste gegen das wankende DDR-System mit Sowjetpanzern niederzuwalzen, führten zum Sturz der Berliner Mauer, zur deutschen Wiedervereinigung, zum Ende des Warschauer Paktes und schließlich zum Zerfall der Sowjetunion selbst.

"Gorbatschow war kein großer Politiker, wenn man Politik im altrömischen Sinne als die Kunst betrachtet, seinen Gegner durch List zu besiegen", sagt Politologe Meschujew. "Es gibt keinen Reformer mit einem wirklich großen Ziel, der dieses Ziel voll erreicht hätte," sagt Gorbatschow. Den Populisten Boris Jelzin, der ihn 1991 entmachtete, nennt Gorbatschow einen "Abenteurer." Im Gegensatz zu Jelzin zauderte Gorbatschow, Panzer zu rufen, um seine Macht zu sichern. Ein Zaudern, sehr typisch für einen Großteil der späten Sowjetfunktionäre, aber ein Zaudern vor dem Vergießen fremden Blutes. Gorbatschow war ein Zauderer mit Prinzipien.

Heute lebt er in Moskau, in seinen jüngsten Interviews tadelt er Putins Systems als imitierte Demokratie, prophezeit ihm ähnliche Schwierigkeiten wie den arabischen Diktaturen. Aber die Öffentlichkeit hört ihm so wenig zu wie die Zierfische in seinem Aquarium. Gorbatschow nimmt es gelassen. Auf die Frage nach dem glücklichsten Moment seines Lebens redet er sich mit einer Anekdote über den Beginn seiner Karriere heraus: "Im Rayon wurde ein neuer Komsomolsekretär gewählt. Ich war einer von sieben Kandidaten, sollte auch was sagen, stand auf und hielt eine Rede. Als ich mich wieder setzen wollte, hatte mir jemand den Stuhl weggezogen", Gorbatschow grinst. "Aber danach gab es eine geheime Abstimmung. Und ich wurde gewählt."

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Michail Gorbatschow in einer Fotoausstellung über dessen Leben. Foto: dpa

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Erstellt:
1. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. März 2011, 12:00 Uhr

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