Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Ein bisschen rumgekommen

Michael von Biel: Komponist, Künstler und Reporter

Er war einer der wichtigen Vertreter der Neuen Musik, studierte bei Morton Feldman und Karlheinz Stockhausen, dann wechselte er zur Bildenden Kunst, war Beuys-Schüler, Fluxus-Jünger, stellte auf der Documenta aus. Dass Michael von Biel in Tübingen lebt, weiß kaum jemand. Jetzt zeigt er Zeichnungen in der Galerie Dalmau.

03.12.2011
  • Peter Ertle

Tübingen. Ein bewegtes Leben? „Früher ja“, sagt er, „in der Jugend bin ich ein bisschen rumgekommen.“ Michael von Biel sitzt in der Galerie Dalmau zwischen seinen Bildern. Nach dem Tod seiner Frau hat es ihn 2005 nach Tübingen verschlagen. Familiäre Gründe. In Tübingen angekommen hat er erst mal geschrieben, auch aus therapeutischen Gründen, „man hat es mir nahe gelegt“, sagt er. Porträts, Erinnerungen an berühmte und nicht berühmte Menschen. Aber erst jetzt kam es zur ersten Ausstellung in Tübingen, in der Galerie Dalmau.

Zuerst, sagt von Biel, wollte er bei Dalmau was Abstraktes machen, eine ganz reduzierte Sprache von Symbolen – Quadrat, Kreis, mit Graphit und Kreide. Aber dann kam er auf die Idee, großformatig gegenständlich zu zeichnen und zwar: Abzeichnen, Bilder des Jugendstil-Malers Alphons Mura, den schätzt er besonders. Jetzt gibt es beides in der Ausstellung und dazu noch zwei goldene Bilder, die er irgendwo vorgefunden hat und auf die er dann noch einen Schriftzug draufsetzte, praktisch Readymades. Er hätte sich vorstellen können, die ganze Ausstellung so zu gestalten, er hatte es wirklich eine Weile vor. Wäre vielleicht etwas gewagt gewesen für Tübingen. Obwohl die Galeristin sagt: „Er hatte freie Hand, er durfte machen, was er wollte.“

Frau Wenke wiederum, die er auch kennt, wollte, dass er Postkarten mit Toulouse-Lautrecs und Degas abmalt, die es bei ihr gibt. Viele wollten, dass er wieder mehr zeichnet, auch seine Betreuerin. „Sie ist selber Künstlerin und macht ganz wunderbare Sachen, das hat mich auch inspiriert“, sagt von Biel.

Denn die Inspiration fehlte ihm bislang in Tübingen. „Es ist viel zu dunkel hier“ sagt er und er meint damit in erster Linie die Lichtverhältnisse bei ihm zuhause in der Collegiumsgasse. „Ich hab nur eine kleine Wohnung, die Küche als Atelier, da kann ich nur zeichnen, nicht groß malen“. Früher sei er einmal im Monat nach Köln gefahren, da hatte er ein großes Atelier.

Köln. Köln ist sein Ding. Da wohnte er lange, da kennt man ihn, da gab es Privatkunden, die seine Bilder kauften. „Ich kenne hier keine Privatkunden“ sagt er, und: „Kunst braucht Austausch, wenn man immer nur so vor sich hin malt, kommt die Eigenbrödelei.“

Michael von Biel wurde 1937 in Hamburg geboren. 1944 kam er via Kinderlandverschickung nach Dresden, 1947 aufs Internat nach Salem. Weil seine Mutter inzwischen einen britischen Offizier geheiratet hatte, ging er nach London, wurde Hilfslehrer, begann eine Lehre bei British Petrol. Er brach die Lehre ab, ging nach Toronto, studierte Komposition, Flöte, Klavier, jobbte als Bäcker, Kellner, Barkeeper, setzte sein Studium in New York und Köln fort, erhielt später diverse Preise für seine Kompositionen. Dann brach er mit der Malerei, wurde, wie gesagt, einer der Fluxus-Vorreiter in Deutschland, studierte bei Beuys in Düsseldorf, nahm 1977 an der Documenta in Kassel teil. Heute sagt er: „Ich bin raus. Aus der Musik bin ich raus. Wenn ich überhaupt noch drin bin, dann in der Bildenden Kunst.“

Und im Schreiben, möchte man hinzufügen. Im Stil seiner Erinnerungen mischen sich eigenwillige und präzise Beobachtungen mit Unsinn, Hochartifizielles verschränkt sich mit einem jede Hochkunsterwartung unterlaufenden Popart-Underground-Alltagssprech, immer zu autoreflexiven Einsprengseln aufgelegt.

Um klar zu machen wie das klingt, hier zwei Auszüge, zunächst einer aus seinem Porträt über Sigmar Polke, in dem er anstelle seiner hochfliegenden Sätze mal Kürze und Einfachheit stellt:

„. . . Unheimlich, seine Bilder. Unheimlich klasse. Psychedelisch etwas. Klar doch. Es ist schwierig, über seine Bilder etwas zu schreiben. Deswegen schreib ich nix. Seine Bilder sind voll der Informationen. Echt? Ja. Viel Arbeit sieht man. Es ist auch eine Art von Recycling. Von Symbolik und Kürzel. Es ist immer zusammenfassend, nur seine frühen Bilder karikieren etwas die Kunstsprache, die neue Malerei. Intelligent und handwerklich gut. Seine Bilder sind technisch klasse.

Vieles ist Schrott neben seinen Bildern, auch im Museum. Die Künstler werden arm neben ihm. Er finanziert viele. Er verwendet ein deutsches Popvokabular aus alten Zeiten. Otto, manchmal. Natürlich er als Person nicht, er ist kein Otto; doch sind seine Witze ähnlich. Hab mich noch nicht über seine Sachen unterhalten. Er hat ein ganz nettes Bildvokabular. Seine Bilder sind oft nett. Nicht immer, aber immer öfter. Man nimmt um seiner Bilder wegen doch nicht viel Koks. Klar doch.“

Er kann auch anders. Aus seitenlangen Erinnerungen an Stockhausen sei dies zitiert: „ Der Typ Stockhausen war so drauf, dass, wenn ein Schüler nichts Neues brachte, er nicht interessiert war. Er war selber ein Sammler, von neuen Praktiken und Ideen. Der fesche Guru-Lehrer fing tatsächlich sympathisch an zu gähnen, wirklich, als ob er sehr, sehr müde wäre, wenn ihm jemand von seinen Compositions-Dilletant-Radierungen-Wisch-Versuchen ausführlich erzählte und dozierte und redete und redete.“

Aber nun wieder vom Schriftsteller oder „Rep“ (steht für Reporter) wie er sich im Buch nennt, wieder zurück zum Zeichner Michael von Biel. Gern hätte man die Originale neben den Abzeichnungen gesehen, auch wenn man dann vermutlich etwas vom Konzept missverstanden hätte, denn es geht ja nicht darum, ob der Künstler genau abzeichnen kann oder in welchem Übersetzungsverhältnis er abzeichnet. Sondern dass er wieder zeichnet, dass er einen Gegenstand findet, also am besten einen, der Kreativität evoziert – also am besten einen, der den Künstler anregt.

Und es geht darum, dass er auch in Tübingen ein Publikum findet, das seine Strichführung, seine Raumaufteilung, seine Farben, seine Komposition studiert oder einfach seine Bilder schätzt und womöglich einen echten von Biel erwirbt. Oder Lust hat, mehr aus seinem Erinnerungsbuch „Portraits“ zu lesen.

Info: Die Ausstellung bei Dalmau in der Tübinger Bachgasse ist noch bis 7. Dezember jeweils von 15 bis 18 Uhr zu sehen. Das Buch „Portraits“ erschien im Salon-Verlag (www.salon-verlag.de)

Michael von Biel: Komponist, Künstler und Reporter
Goldene Readymades und eine Nachzeichnung eines Mura-Originals, dazwischen Michael von Biel.Bild: Metz

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

03.12.2011, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Eine Rarität auf den Dächern der Stadt Julia Peetz ist Deutschlands beste junge Dachdeckerin.
Expertenreise Auf erster Mission
Peter Strigl über die Begegnung mit einer kuriosen Band Tournee durch die Fußgängerzonen Europas
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular