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Arbeit an der Unsterblichkeit

Michael Saxer aus Kiebingen will Tote tiefgefrieren

Michael Saxer träumt vom ewigen Leben. Binnen eines Jahres möchte er in Rottenburg die Gefrierkonservierung und Überführung Verstorbener zu amerikanischen Bestattungsinstituten anbieten. Ihm fehlt jedoch das Geld.

05.05.2010
  • Yvonne nagel

Kiebingen. Der 49-jährige Pflanzensamenhändler Michael Saxer aus Kiebingen ist Kryoniker. Nach kryos, dem griechischen Wort für kalt. Für ihn ist der Tod nichts anderes als eine Krankheit, die man buchstäblich auf Eis legen kann, bis die Wissenschaft soweit sein wird, sie zu heilen.

Kryonik ist eine Technik, bei der ein Leichnam in flüssigem Stickstoff bei einer Temperatur von - 196° Celsius eingefroren und konserviert wird. Damit keine zellschädigenden Eiskristalle entstehen, muss der Körper zuerst vollständig entwässert und mit Frostschutzmittel imprägniert werden. Er gerät dadurch in einen glasartigen Zustand. Kryoniker nennen dies Vitrifikation. Dabei wird der Zellstoffwechsel gestoppt und Verwesungsprozesse verhindert. Bisher schwimmen in den USA und Russland rund 200 Personen in flüssigem Stickstoff. Sie treiben dort einzeln oder in Gruppen von bis zu 16 Personen in gut isolierten Stahlbehältern. Auch Haustiere lagern dort, nach Pharaonenart.

Der Kryoniker will sich „die Unsterblichkeit selbst erarbeiten“, wie es auf der Homepage der Rottenburger Firma „Michael Saxer – Biostasis und Kryonik in Europa“ heißt. Das europaweit einzige Unternehmen seiner Art bietet seit 2003 „kryonische Beratung und Vermittlung zu den amerikanischen Instituten“ an. Und seit 2004 auch das Einfrieren und die kryonische Bestattung von Haustieren. Zahl der bisher gefrosteten Kundschaft: zwei Katzen. Die Erstbehandlung für eine Katze kostet 1990 Euro, zudem fallen für die Hinterbliebenen Einlagerungsgebühren von 990 Euro pro Jahr an.

Pro Monat meldeten sich drei bis neunzehn Kryonik-Interessierte bei ihm, sagt Saxer, der außerdem Vorstandsmitglied der „Deutschen Gesellschaft für angewandte Biostase“ ist. An diesen gemeinnützigen Verein verweist Saxer bisher noch seine potenziellen, wie er es nennt, Patienten. Die Gesellschaft übt Beratung, Begleitung und organisatorische Funktion in Sachen Kryonik aus und darf sich selbst nicht bereichern. Die Visionäre bauen bei ihrer Idee besonders auf den Fortschritt in der Nanotechnik: Winzige Roboter sollen nach dem Auftauen des Körpers über die Blutbahnen in den Körper eindringen, um Schäden am Organismus zu reparieren. Die Gentechnik werde den Menschen rekonstruieren können. „Meiner Meinung nach wird die Wissenschaft in 40 Jahren soweit sein. Die meisten Kryoniker schätzen, dass es rund 120 Jahre dauern wird“, sagt Saxer.

Wer tot bestattet wurde, soll im Diesseits wiedererweckt werden, „um dann „für Jahrhunderte und Jahrtausende zu leben, in ewiger Jugend bei bester Gesundheit“, so formuliert Saxers Firmen-Homepage den uralten Menschheitstraum. Das klingt nach Frankenstein und Science-Fiction, soll aber, gemäß seiner Angaben, binnen eines Jahres in Rottenburg wahr werden. Am liebsten würde Saxer sich in einem der Gewerbegebiete niederlassen.

Wegen des Bestattungszwangs ist in Deutschland die kryonische Leichenkonservierung beim Menschen nicht zulässig. Derzeitiger Status quo: Tote werden innerhalb von drei bis fünf Tagen in einem mit Eiswasser gefüllten, versiegelten Zinksarg in die USA überführt. Die Vitrifikation erfolgt erst in Amerika. An dieser Stelle hakt Saxers Firmenkonzept ein: Er möchte die Vitrifikation schon vor Ort anbieten, um die Verstorbenen anschließend in einem Isoliergefäß bei - 70° Celsius auf Trockeneis zum Cryonics Institute in Detroit überführen.

Da nach Eintritt des Todes jede Minute zählt, will Saxer ein kleines Privathospiz mit drei bis fünf Plätzen anschließen, ein Bestatter und ein Arzt müssen bereitstehen. Einmaliger Kostenpunkt für die Kundschaft: 119 000 Euro. Davon gehen 28 000 Dollar für die Lagerung ab. Sie werden angelegt und mit den Zinsen der Stickstoff bezahlt, der laufend erneuert werden muss.

„Wir Kryoniker versprechen nichts“, beteuert Saxer, „wir stellen klar, dass die momentane Wahrscheinlichkeit einer gelingenden Reanimation gering ist, aber sie ist auch nicht gleich Null, wie bei den herkömmlichen Bestattungsverfahren.“

Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft ist die Wiederbelebung tiefgefrorener Leichname allerdings „definitiv unmöglich“, sagt der Laborleiter Dr. Philippe Cledon der In-Vitro-Fertilisations-Abteilung in der Frauenklinik Tübingen. „Mit einzelnen Zellen, ja, aber nicht mit einem ganzen menschlichen Organismus“, ergänzt der Biologe.

Um seinen utopischen Traum zu verwirklichen, fehlen Saxer mindestens 200 000 Euro. Noch sucht er nach Investoren. Bis dahin liegt das Projekt auf Eis.

Bild: Privat

Michael Saxer aus Kiebingen will Tote tiefgefrieren
Michael Saxer

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05.05.2010, 12:00 Uhr
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